| 20:26 Uhr

Pläne gegen den Pflege-Notstand
Pflegekräfte aus dem Ausland lösen das Problem nicht

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die neue Bundesregierung lässt es nicht an Ideen fehlen, um den vielerorts verbreiteten Pflege-Notstand im Land zu bekämpfen. Zumindest auf dem Papier. Mehr Personal, mehr Gehalt und natürlich bessere Arbeitsbedingungen – der schwarz-rote Koalitionsvertrag entwirft eine geradezu rosige Zukunft für den Pflegebereich. Ob die Pläne mehr als nur heiße Luft sind, wird in erster Linie vom zuständigen Minister abhängen. Von Stefan Vetter

Nach einigen umstrittenen Ausflügen in sachfremde Gefilde – man denke nur an die Hartz-IV-Debatte – scheint sich Jens Spahn nun endlich auf seine Kernaufgaben zu besinnen. Mehr Pflegekräfte aus dem Ausland, lautet die jüngste Devise des CDU-Mannes. Darüber lohnt es tatsächlich, näher nachzudenken. Auch wenn Spahns Vorstoß sicher kein Allheilmittel ist.


Dass die Menschen immer älter werden, hat sich inzwischen herumgesprochen. Und dass damit das Risiko der Pflegebedürftigkeit steigt, genauso. Gegenwärtig sind rund drei Millionen Bürger in Deutschland auf entsprechende Hilfen angewiesen. Gleichzeitig arbeiten insgesamt 1,1 Millionen Menschen im Pflegesektor, davon rund jede dritte als Altenpfleger oder Altenpflegehelfer. Das sind deutlich mehr als noch zur Jahrtausendwende, aber immer noch viel zu wenige, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.

Selbst die von der großen Koalition per „Sofortprogramm“ versprochenen 8000 zusätzlichen Fachkräfte wären nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und trotzdem ist schon dieses Ziel ehrgeizig, weil der Arbeitsmarkt im Pflegebereich praktisch leergefegt ist. Auf 100 freie Stellen kommen rechnerisch 29 Arbeitssuchende.



Vor diesem Hintergrund wären mehr ausländische Pflegerinnen und Pfleger tatsächlich eine Möglichkeit, um das Problem zu lindern. Allerdings stehen auch sie nicht gerade Schlange. Und das wiederum liegt an den widrigen Rahmenbedingungen, von denen auch einheimische Pflege-Mitarbeiter ein trauriges Lied singen können. Nach Regierungsangaben verdienen Fachkräfte in der Altenpflege gerade einmal 2621 Euro brutto im Monat. Das sind 16 Prozent weniger als der Durchschnitt aller anderen Beschäftigten. In der Industrie etwa lässt sich nicht selten das Doppelte verdienen.

Die Arbeit am Menschen ist der Gesellschaft demnach deutlich weniger wert als die Arbeit an Maschinen. Hinzu kommt die Arbeitsverdichtung im Pflegebereich. Übrigens nicht nur, weil es grundsätzlich an Personal mangelt. Dafür sorgen auch unterschiedliche Betreuungsschlüssel in den Heimen. Denn hier kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen. 

Solange sich an diesen Missständen nichts Grundlegendes ändert, wird sich auch die Personalsituation nicht entspannen. Ausländische Pflegekräfte können dabei nur eine Ergänzung sein. Zumal es hier häufig an guten Sprachkenntnissen mangelt. Schwierigkeiten bei der Verständigung sind jedoch gerade für Pflegebedürftige eine immense Belastung. Auch das sollte Spahn bei seinem im Grundsatz vernünftigen Vorstoß berücksichtigen.