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Metall-Tarifstreit kocht hoch
Gute Zeiten für eine Revolution der Arbeitswelt

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Für fast zehn Millionen Beschäftigte in Deutschland werden im kommenden Jahr die Tarifverträge neu ausgehandelt. Und fest steht auch schon, welche Branche sich dabei einer besonders hohen Aufmerksamkeit sicher sein kann: die Metall- und Elektroindustrie. Für ihre 3,9 Millionen Mitarbeiter geht es nicht nur um mehr Geld, sondern um ein neues Arbeitszeitmodell, das Geschichte schreiben könnte. Es geht um das Recht, im Job zeitweise kürzer zu treten, um anschließend wieder in Vollzeit zu wechseln. Die viel beschworene Flexibilität in der Arbeitswelt wäre damit nicht mehr länger eine Einbahnstraße zugunsten der Arbeitgeber. Es wäre eine Revolutionierung der Arbeitswelt. Kein Wunder, dass der Ton zwischen den Tarifpartnern der Branche deshalb schon an Schärfe gewinnt, noch bevor die Verhandlungen überhaupt richtig in Gang gekommen sind. Von Stefan Vetter

Die IG Metall droht bereits mit flächendeckenden Streiks, um ihre Forderung durchzusetzen. Und sie hat gute Karten. Zum einen, weil sich die deutsche Wirtschaft in einem Dauerhoch befindet. Auch, oder besser, gerade in der Metall- und Elektroindustrie sind die Auftragsbücher randvoll. Das wird der Kompromissbereitschaft bei den Arbeitgebern auf die Sprünge helfen. Einen längeren Arbeitskampf dürften sie schwerlich riskieren. Zum anderen hat die IG Metall mit ihrer Forderung den Nerv einer Gesellschaft getroffen, in der man sich durch Arbeitsverdichtung und ständige berufliche Verfügbarkeit einer wachsenden psychischen Belastung ausgesetzt sieht. Das legt auch eine Umfrage der IG Metall vom Frühjahr nahe, bei der fast 60 Prozent der Berufstätigen angaben, länger zu arbeiten als vertraglich vorgesehen, und fast zwei Drittel den Wunsch äußerten, ihre tatsächliche Arbeitszeit gern zu verkürzen.



Naturgemäß tun sich die Arbeitgeber schwer damit. Schon deshalb, weil sie Planungssicherheit im Produktionsablauf brauchen. Jede Flexibilität im Sinne der Beschäftigten gilt da als hinderlich. Aber sie ist auch kein Ding der Unmöglichkeit. Wenn Arbeitnehmer sich mit einem größeren Vorlauf festlegen, wann sie befristet ihre Arbeitszeit verringern möchten und sich dabei auch neuen betrieblichen Aufgaben öffnen, sollten praktikable Lösungen im Sinne aller Beteiligten machbar sein. Bereits heute gibt es ein Recht, von Vollzeit in Teilzeit zu wechseln. Doch wer sich dafür entscheidet, kommt davon kaum mehr weg und gerät so beruflich ins Abseits. Von den damit verbundenen Lohneinbußen ganz zu schweigen. Also muss es endlich auch umgekehrt gehen.

Das SPD-geführte Bundesarbeitsministerium hat dazu übrigens schon in der vergangenen Wahlperiode einen Gesetzentwurf vorgelegt. Doch am Ende spielte die Union nicht mit. Bei den anstehenden Sondierungen über eine Neuauflage der großen Koalition wird das Thema von den Genossen garantiert wieder aufgerufen. Und die IG Metall liefert dafür die tarifpolitische Begleitmusik. So betrachtet stehen die Sterne für eine Revolutionierung der Arbeitswelt auch politisch günstig.