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Gedanken zum Weltflüchtlingstag
Der Menschheit geht die Menschlichkeit verloren

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Heute ist Weltflüchtlingstag. Flucht, Vertreibung, aber auch Migration aus Armut werden die Zukunft prägen, neben dem Klimawandel, der alles noch verstärkt. Es gibt darauf prinzipiell zwei mögliche Antworten: Ignorieren und abschotten auf der einen Seite. Von Werner Kolhoff

Die Probleme gemeinsam angehen und zu mildern versuchen auf der anderen.


Die armen Länder haben diese Wahl nicht, die reichen ringen noch mit sich. Mit eindringlichen Worten taten sie gestern beim Petersberger Klimadialog zwar wieder so, als wollten sie die Erde tatsächlich retten. In Taten hält aber nicht einmal Deutschland seine Klimaziele ein. Und bei den Flüchtlingen geht der Trend von „Refugees welcome“ nun immer mehr in Richtung Abwehr. Hohe Zäune an den Grenzen zu Mexiko, Ungarn und Ceuta. Wasserleichen im Mittelmeer. Rettungsschiffe, die keinen Hafen finden.

Natürlich muss das Geschehen kontrolliert und geordnet werden. Niemand hat etwas davon, wenn auch die bis jetzt noch stabilen Gesellschaften destabilisiert werden. Aber Augen, Ohren und Türen zu, das löst nichts. Das staut das Problem nur an. Aktuell bestehen die Konflikte innerhalb Europas sogar darin, dass das eine Land dem anderen die Flüchtlinge zuschieben will. Das ist das allerunterste Niveau eines Kontinents, der an sich einmal einen aufgeklärten Anspruch hatte.



Eigentlich müsste man erwarten, dass sich rationale Politiker in so einer Situation zusammensetzen, die Lage nüchtern analysieren und dann ein gemeinsames Konzept entwerfen. Massive Hilfen für Afrika müssten dazu gehören, aber auch Chancen der legalen Migration nach Europa, um den Druck zu mildern. Natürlich eine Verteilung auf die EU-Staaten. Für Kriegsregionen braucht man eine großzügige Flüchtlingshilfe möglichst schon in den Nachbarstaaten. Dann könnte sich das Asylrecht auch wieder auf Verfolgte konzentrieren.

Aber die Ratio hat längst ausgesetzt. Schon bei dieser ersten Herausforderung fällt Europa politisch auseinander, ergehen sich Parteien und Politiker in Populismus, verlieren Regierungen ihre Stabilität. Afrika hat heute 1,2 Milliarden Einwohner, über zwei Milliarden werden es bald sein. Das eigentliche Problem kommt noch.

Das Schlimmste ist der frühe Verlust an Menschlichkeit und Empathie. Skrupellose Räuber und Schlepper an den Fluchtrouten. Staaten, die mit den Unglücklichen pokern. Parteien, die mit der Angst arbeiten. In Deutschland interessiert bestimmte Kreise ein Mord nur noch, wenn ein Flüchtling tatverdächtig ist. Der Ministerpräsident einer sich christlich nennenden Partei spricht von „Asyltourismus“, als gehe es in die Sonne, und merkt seine Verirrung nicht einmal. Trump lässt simple Grenzübertritte in Sandalen als Straftat verfolgen, wie früher nur die DDR. Und nimmt Eltern ihre Kinder weg. Es sind schon jetzt viele Kulturbrüche.

Wenn das so weitergeht, wird die Welt, auch die deutsche, ein sehr ungemütlicher Ort.