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Lebenswege
Trotz harten Schicksals immer lebensfroh

Dudweiler. Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute erzählt SZ-Mitarbeiterin Carolin Merkel über ihre verstorbene Mutter Ruth Merkel.

Es war ein Moment im Leben meiner Mama, der mich bis heute tief bewegt. Als ich in der zehnten Klasse aus der Schule kam, habe ich ihr unvermittelt über den Geschichtsunterricht erzählt. Gerade hatten wir mit dem Nationalsozialismus begonnen, alles, was mit dem Holocaust zusammenhing, war mir fremd. Ohne zu zögern habe ich meine Mama darauf angesprochen, sie brach in Tränen aus und verschwand. Nach und nach erfuhr ich, warum das Thema bei uns tabu war.


Geboren wurde meine Mutter Ruth Orgler am 18. Januar 1928. Ihre Mutter Katharina, meine liebe Oma Käthe, war katholisch, mein Opa Jakob jüdischen Glaubens. Ihn konnte ich nicht kennenlernen. Er wurde nach einem Aufenthalt im französischen Lager in Gurs schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er getötet wurde. Meine Mutter, die Einzelkind blieb, floh mit meiner Oma nach Antwerpen, wo auch ihr Cousin Siegfried in dieser Zeit des Krieges lebte. Zu ihm, das erfuhr ich viel später, hatte sie ein sehr enges Verhältnis. Beide gingen zusammen in Antwerpen zur Schule. Ich liebte es, wenn meine Mama ihr Flämisch, das sie damals gelernt hatte, rauskramte.

Meine Oma und meine Mama – für die Nationalsozialisten galt meine Mama als Halbjüdin – überlebten all die Wirren und kehrten ins Saarland zurück, wohnten auf dem Wackenberg in Saarbrücken. Dort haben sich auch meine Eltern kennengelernt, waren Nachbarn. Während meine Mama Einzelkind war, hatte mein Vater noch drei Geschwister, seine beiden Schwestern leben noch. Schließlich heiratete mein Papa Heinz Merkel am 17. Dezember 1949 in der Christkönigkirche meine Mama. Sehr oft hat sie mir erzählt, dass sie erst am Tag vor ihrer Hochzeit getauft wurde. Vor allen habe der Pastor aufgepasst, dass die Frisur nicht unter dem Weihwasser litt.



Zunächst wohnten meine Eltern am Geisberg. Meine Schwester Gabriele wurde 1951 geboren, es folgte der Umzug in die Vorstadtstraße in Saarbrücken. Meine Mama hat sehr gerne so zentral gewohnt, hat sich oft zu Fuß auf den Weg in die Stadt gemacht. Mein Vater arbeitete als Kaufmann im Saar-Dental-Labor, meine Mama war Hausfrau. 1960 schließlich beschlossen meine Eltern, ein Haus zu bauen, wurden in Dudweiler fündig. Meine Mutter hat sich mit der neuen Heimat arrangiert, sie vermisste die Stadt. Mit dem Hausbau fand auch meine Oma eine neue Bleibe, bezog mit meiner Schwester das Obergeschoss. Bis ich mich 1966 völlig unerwartet ankündigte.

Im Vergleich zu meinen Klassenkameraden hatte ich damals eine „alte“ Mutter, doch das hat mir nichts ausgemacht. Während meine Schwester mit ihrem Mann und der Tochter ihr Leben in Püttlingen aufbaute, blieb ich im Elternhaus, heiratete und bekam zwei Kinder. Die Anwesenheit der beiden Enkelsöhne hat vor allem mein Papa genossen, da er als Selbstständiger in meiner Kindheit eher weniger Zeit für mich hatte. Zum Glück, das hat meine Mama oft betont, ist mein Papa bereits im Jahr 1986 in Ruhestand gegangen.

 Die beiden haben viel unternommen, waren im Sommer mit dem eigenen Segelschiff auf dem Bostalsee unterwegs, fuhren in Urlaub und luden gerne Gäste ein. Meine Mutter konnte sehr gut kochen, vor allem die Schneebällchen kriegen wir so nicht hin. Einige Jahre haben meine Eltern auch beim Grün-Gold in Saarbrücken das Tanzbein geschwungen, meine Mutter im knallroten Tüllkleid. Im Oktober 1998, da war sein Enkel Moritz gerade mal ein halbes Jahr alt, starb mein Papa an einem Herzinfarkt ganz unerwartet in der Klinik. Das hat meine Mutter um Jahre altern lassen, doch den Mut verloren hat sie nie, und auch an den Spaß am Leben hat sie an dank der mittlerweile vier Enkelkinder wiedergefunden. Sehr gerne hat meine Mama am Sonntag stundenlang telefoniert, die Kontakte von früher gepflegt.

Schon bald nach dem Tod meines Vaters bekam sie immer heftigere Gehbeschwerden, auch zwei Hüftoperationen konnten die Arthrose nur kurzfristig aufhalten. Zwar hat meine Mama den Führerschein besessen, doch gefahren ist sie nur sehr selten. Dafür hat sie weiter viel telefoniert – auch mit ihrem Cousin Siegfried in den USA. Sie hatten sich aus den Augen verloren, umso glücklicher war sie, als ich ihn Dank des Internets in Florida ausfindig machen konnte. Leider konnte sich die beiden nicht mehr persönlich treffen, keiner durfte einen Langestreckenflug auf sich nehmen.

Eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung hatte meine Mutter in den 80ern gehabt. Damals ist sie dem Tod von der Schippe gesprungen. Doch die Verdauungsorgane waren geschwächt, eine chronische Darmerkrankung, aber auch weitere Erkrankungen machten das Leben mit den Jahren beschwerlicher. Den 85. Geburtstag wollten meine Schwester und ich ihr in der Kurzzeitpflege so schön wie möglich gestalten, doch ausgerechnet an diesem Tag verschlechterte sich ihr Zustand, sie musste in die Klinik. Vier Wochen haben die Ärzte alles versucht, schließlich hat meine Mutter in einer ruhigen Minute im Krankenzimmer zu mir gesagt: „Entweder die machen mich gesund oder ich möchte sterben.“ Sie hat sich – ganz friedlich in unserem Beisein – für Letzteres entschieden. Sie starb am 20. Februar 2013 mit 85 Jahren. Meine Kinder und ich vermissen die Oma sehr.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege