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Lebenslauf einer Verfassung: Wie das Grundgesetz entstand

Saarbrücken. Das Wort "Verfassungspatriotismus" gibt es nur im Deutschen. Es hängt mit der Skepsis gegenüber jedem nationalen Patriotismus in Deutschland zusammen, die nach der politischen Schuld aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Recht einem Verbot gleicht

Saarbrücken. Das Wort "Verfassungspatriotismus" gibt es nur im Deutschen. Es hängt mit der Skepsis gegenüber jedem nationalen Patriotismus in Deutschland zusammen, die nach der politischen Schuld aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Recht einem Verbot gleicht. Das Wort bezieht sich aber im Positiven auf das Grundgesetz, dessen Verabschiedung vor 60 Jahren wir dieser Tage feiern.



Christian Bommarius, langjähriger Korrespondent der Deutschen Presseagentur beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, hat diesem Grundgesetz eine "Biographie" gewidmet. Sie geriet dem Autor zu einem engagierten politischen Lebenslauf der deutschen Verfassung, der ihre staatsrechtliche Entwicklung kritisch beschreibt und die Seelenachse "Die Würde des Menschen ist unantastbar" nie aus dem Auge verliert.

Bommarius widmet den Geburtswehen des Grundgesetzes sein besonderes Augenmerk. Er beschreibt die Begleitumstände nach der selbstverschuldeten Katastrophe und den vom deutschen Volk nicht verhinderten Verbrechen der Hitlerzeit. Das Grundgesetz wurde unter der Aufsicht der westlichen Allierten bei beginnender Spaltung Deutschlands in zwei Staaten und heiß werdendem Kaltem Krieg während der Berliner Blockade entworfen. Bommarius zeichnet anhand von Nebenfiguren diese Entstehungszeit der Verfassung und zitiert klug gewählte zeitgenössische Stimmen: "Echte Nazis sind (in der Bundesrepublik) nur noch schwer zu finden. Antisemiten leichter, aber im allgemeinen wächst die Bereitschaft, den Juden zu verzeihen, was man ihnen angetan hat", schrieb sarkastisch der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar.

Das Grundgesetz ist mittlerweile auch im Bewusstsein der Menschen eine von Bommarius gewürdigte Erfolgsgeschichte geworden. Der Verwaltung und Gesetzgebung bindende Grundrechtsteil ist die unwiderrufliche Lehre aus der Vergangenheit und setzt die Menschenwürde in die Mitte der Verfassung.

Der die Demokratie und den Rechtsstaat organisierende staatsrechtliche Teil hat sich - anders als die Weimarer Reichsverfassung - bewährt: Stabilität und Wechsel wurden gleichermaßen begünstigt. Eine ihres Gleichen suchende "balance of power" zwischen den einzelnen Verfassungsorganen und zwischen Bund und Ländern haben Alleingänge verhindert. Lediglich am Geld scheiden sich immer wieder die Geister: Die Finanzverfassung kommt nicht zur Ruhe. Neuerdings sorgt - befürchtet Bommarius - das aktuelle Sicherheitsdenken zu einer bedenklichen Aufweichung des 1949 unter viel dramatischeren Bedingungen erreichten verfassungsrechtlichen Standards der zu schützenden Individualrechte. Bommarius erweist sich als "Patriot der Menschenwürde" - das wohl sympathischste Motiv für den Stolz auf unser Grundgesetz. hal

Christian Bommarius: Das Grundgesetz. Eine Biographie, Rowohlt, 288 S., 19,90 €.