Lawinengefahr in den Alpen: Warum sich Skifahrer in Lebensgefahr begeben

Tote in den Alpen : Warum sich Skifahrer freiwillig in Lebensgefahr begeben

Drei Männer sind in Österreich bei einer Lawine gestorben, nachdem sie über eine gesperrte Piste gefahren waren. Über einen unberührten Hang zu fahren, ist für viele Wintersportler das Größte. Ein Neusser Skischulleiter erklärt, wieso das bei der aktuellen Lawinengefahr tödlich ist - und es viele trotzdem machen.

Skifahren in einer Skihalle oder auf einer abgesteckten Piste ist ja ganz nett. Richtig interessant wird es für viele Freerider – das sind Wintersportler, die sich im freien Gelände bewegen – aber in den Bergen erst fernab der offiziellen Strecken. „Fluffig weicher Tiefschnee, völlig unberührt. Das ist eine völlig neue Dimension. Das kann man mit Pistenfahren überhaupt nicht vergleichen“, sagt der passionierte Freerider Michael Gies über den Reiz des unberührten Hangs. Im derzeitigen Schneechaos in den Alpen hat genau dieser Reiz in den vergangenen Tagen mehreren Menschen das Leben gekostet. Drei Männer aus Biberach wurden am Samstag in der Nähe von Lech am Arlberg von einer Lawine verschüttet und tot geborgen, von einem vierten fehlt weiter jede Spur. Auch sie waren auf einer gesperrten Skiroute unterwegs gewesen.

Für Michael Gies, der in der Skihalle des Alpenparks Neuss Chef der Skischule ist, zeigen Fälle wie dieser, wie groß das Risiko während des anhaltenden Schneechaos ist: „Bei der Lawinenwarnstufe vier, wie sie derzeit ausgerufen ist, hat keiner etwas neben den offiziellen Strecken zu suchen. Die Gefahr ist gerade extrem hoch.“

Er glaubt, dass viele Wintersportler sich selbst über- und den den Schnee unterschätzen: „Es gibt schon Leute, die unerfahren sind und die Lage nicht richtig einschätzen. Es gibt aber auch Leute, die es eigentlich besser wissen müssten, aber in der Gruppe dem Druck nachgeben.“ So werden viele Skifahrer leichtsinnig. Gies weiß aus eigener Erfahrung, wie schön eine Fahrt durchs freie Gelände ist, wenn es zuvor geschneit hat: „Das ist schon etwas ganz besonderes. Danach jauchzen viele und freuen sich auf solche Tage, an denen Neuschnee liegt.“

Genau hier lauert momentan aber die große Gefahr, wie Gies erklärt: „Schnee braucht eine gewisse Zeit, um sich zu setzen. Erst wenn er zusammengefroren ist, bildet er eine stabile Einheit.“ Weil das bei der momentanen Wetterlage aber nicht passiert, sind Lawinen an vielen Stellen in den Alpen jederzeit möglich. „Dazu kommt derzeit starker Wind. Und man sagt, der Wind ist der Baumeister der Lawinen“, erklärt der Skilehrer. Geht er selber auf Freerider-Tour, befassen sich er und seine Kameraden daher „intensiv mit der Situation vor Ort“. Faustregel: „Wenn der Hang eine Neigung von 35 Grad nicht überschreitet, ist man auf einer recht sicheren Seite. Einen Freifahrtschein gibt es aber nicht.“

In gesicherten Gebieten und auf abgesteckten Pisten sei man, hingegen „zu 99,9 Prozent sicher“. Um Pisten zu sichern, werde zum Teil auch auf Sprengungen gesetzt: „Dann werden TNT-Pakete meist aus einem Hubschrauber geworfen und der Schnee kontrolliert gesprengt“. Für Skiurlauber, gerade auch Schüler, gibt er daher Entwarnung: „Man sollte nicht besorgt sein. Da ist wahrscheinlich der Anreiseweg ins Skigebiet gefährlicher als das Skifahren selber. Aber gerade für Schüler ist es ganz wichtig, nicht abenteuerlustig zu werden und auf eigene Faust ins Freie zu fahren.“

Wenn ein Skifahrer doch mal in eine Lawine gerät, ist schnelles Handeln entscheidend. „Dann heißt es: Stöcke weg, Skier los und mit Schwimmbewegungen an der Oberfläche bleiben“, rät der 36 Jahre alte Sportwissenschaftler – fügt aber an: „Wenn es soweit kommt, ist schon viel schiefgelaufen. In einer Lawine zu überleben, ist recht aussichtslos. Das muss man leider sagen.“

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