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Kunst verbindet

Berlin. In Berlin können sich Flüchtlinge jetzt von anderen Flüchtlingen unter anderem durch das Pergamonmuseum führen lassen. Das Projekt „Multaka“, arabisch für Treffpunkt, soll Integration fördern und Hoffnung machen. Roland Mischke

Zwei Mädchen stehen im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel im Raum mit Keramiken aus Syrien, sie machen Selfies mit ihren Handys. Die Fotos, erzählen sie, würden sie gleich nach Damaskus und Latakia senden, zu ihren Familien, die dort geblieben sind. "Die werden sich wundern", sagt das eine Mädchen auf Englisch. Dann werden beide ganz still, sie kämpfen sichtlich mit ihren Gefühlen. Das hätten sie nicht erwartet.

Neudeutsch ist das eine "Win-Win"-Situation. Kostenlos können Flüchtlinge sich von anderen Flüchtlingen durch das Pergamonmuseum , das Deutsche Historische Museum und das Museum für Islamische Kunst führen lassen. Sie werden auf Arabisch von Führern informiert und erleben vor allem im Pergamonmuseum die reiche Kultur des Nahen Ostens. Auf diese Kulturgüter können sie stolz sein und zugleich beobachten sie an anderen Menschen - Deutsche, viele Schulklassen, Kulturinteressierte aus anderen Ländern -, welche Wertschätzung Kulturen im östlichen Mittelmeerraum entgegengebracht wird. Beste Integration. "Multaka" heißt das Projekt, auf Arabisch bedeutet das "Treffpunkt".

Von den 19 Führern, die in Schnellkursen ausgebildet wurden, sind 18 selbst erst in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen, aus Syrien oder dem Irak. Nur einer ist schon zehn Jahre da, Hussam Mohammed, 29, aus dem Irak. Er kam zum Studium nach Berlin und ging nicht in die Heimat zurück, weil er für sich dort keine Zukunft sieht. "Wir wollen den Menschen Hoffnung geben", sagt er. Und drängt darauf, dass die Flüchtlinge ins Deutsche Historische Museum gehen. "Wenn die Besucher sehen, wie zerstört Deutschland nach 1945 war, dann fangen sie womöglich an, daran zu glauben, dass sie auch ihr Land wieder aufbauen können."

"Der Austausch von Menschen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund steht im Vordergrund", erklärt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin . Ins Leben gerufen und gefördert wird das Projekt vom Bundesfamilienministerium. Auch die Schering Stiftung, Freunde des Museums für Islamische Kunst und das Syrian Heritage Archive Project sind als Unterstützer eingebunden.

Hermann Parzinger , Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz , wird noch deutlicher, was die Museumsführer betrifft: "Die Geflüchteten führen durch die eigene und durch fremde Geschichte. Wir sagen nicht, dass wir damit das ultimative Rezept für Integration erfunden haben, aber Geflüchtete erfahren Stärke durch Bildung und Anerkennung ihrer kulturellen Identität, die uns viel bedeutet. Und sie beschäftigen sich mit unserer Kultur, unserem Weg durch die Jahrhunderte. Daraus kann im besten Fall Toleranz und Mut zur Verständigung erwachsen."

Der Aspekt der religionsübergreifenden Wurzeln der Menschheit ist wichtig. Den Angekommenen wird wie nebenher vermittelt, dass Islam , Judentum - gegenüber Israel gibt es bei vielen Flüchtlingen die größten Vorbehalte - und Christentum gemeinsame Ursprünge haben. Es sind ethnische und religiöse Probleme, die zur Zeit den Nahen Osten mit Krieg, Massenflucht und Tod überziehen: Sunniten gegen Schiiten, der sogenannte Islamische Staat gegen die Demokratie. Die Flüchtlinge erleben, dass alles mit allem zusammenhängt und dass es auch möglich ist, sich in einer anderen Kultur heimisch zu fühlen. "Bei uns ist schon so viel zerstört worden", sagen die beiden Selfie-Mädchen. "Aber hier sind die Denkmäler in Sicherheit und werden gepflegt und bewundert." Dann schreiten sie auf der nachgestellten Prozessionsstraße zum Ischtar-Tor, die Handys wieder griffbereit.