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Kunst im "Bananenbunker"

Berlin. Mächtig, klobig, uneinnehmbar - so steht er da, der Bunker in Berlin. Er sieht aus wie eine Zitadelle im Palladio-Grundriss oder mindestens wie Fort Knox, wo die Amerikaner ihr Gold lagern. Nur wird hier in Berlin kein Glitzermetall, sondern Kunst gehortet Von SZ-Mitarbeiter Wolfgang Minaty

Berlin. Mächtig, klobig, uneinnehmbar - so steht er da, der Bunker in Berlin. Er sieht aus wie eine Zitadelle im Palladio-Grundriss oder mindestens wie Fort Knox, wo die Amerikaner ihr Gold lagern. Nur wird hier in Berlin kein Glitzermetall, sondern Kunst gehortet. Die kann auch schon mal leuchten, so wie die Neon-Installation von Anselm Reyle, ein filigranes Muster aus Röhren, Kabeln und Steckern. Gespenstisch bunt leuchtet es die nackten, kalten Wände an. Denn wir sind im Boros-Bunker Berlin.


Boros, muss man wissen, ist ein Werbefachmann aus Wuppertal, der nebenbei Kunst sammelt. Auf der Suche nach einem Architekten, der ihm - wie heutzutage üblich bei einem potenten Sammler - ein Museum speziell für seine Kunstwerke ersinnt, fiel ihm kein Architekt, sondern eine Architektur auf, ein Hochbunker mitten in Berlin.

1942 erbaut (übrigens nicht, wie immer wieder zu lesen war, von Paul Bonatz, dem Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, sondern vom nicht so berühmten Bruder Karl), diente der Bunker später der Roten Armee als Gefängnis und seit den 50er Jahren als DDR-Lager für Südfrüchte - von den Ostberlinern liebevoll bis neidisch "Bananenbunker" getauft.



Nach der Wende 1990 wurden schaurige Parties dort gefeiert, bis den Bau Christian Boros erwarb. Hatte der Bunker ursprünglich 120 Räume, so sind es nach dem Umbau immerhin noch 80, macht 3000 Quadratmeter. In denen wird seit Juni 2008 Kunst gezeigt.

Sperriges Zeug wie die schwarzen, begehbaren Kästen von Monika Sosnowska. Oder lautlose Klangimpressionen einer Glocke ohne Klöppel von Kris Martin. Oder irritierend irisierende Farbspiele an der Wand von Olafur Eliasson. Oder schwarze Balken, die die Wand durchbohren (Santiago Sierra - siehe Foto). Aber auch fade Aktionskunst, die keineswegs an Lebendigkeit gewinnt, wenn man sie ausführlich erklärt bekommt, wie das Video von John Bock, das uns die Geheimnisse seines Kleiderschranks entschlüsselt. Oder der Nachweis der Vergänglichkeit, den Kitty Kraus anhand einer Leuchtstoffröhre und schwarzer Farbe führt.

Indem wir uns vier Stockwerke nach oben arbeiten, geht es vorbei an rostigen Türen, Rohren, Lüftungsklappen und Giftgasanzeigern. Irgendwie meint man, immer den Kopf einziehen zu müssen; nur 2,30 Meter sind viele Räume hoch, manche ohne Tapete, ohne Farbanstrich, sozusagen naturbelassen, mit dem Geruch einer Fliehburg, so dass man immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, ob wir tatsächlich in einem Museum sind. Wir sind es. In wechselnden Ausstellungen sollen alle 500 Werke, die Boros besitzt, einmal gezeigt werden. Frei nach dem Motto: Ich habe die, die ich habe, aber die zeige ich auch. Und manchmal kommt er sogar herunter von seinem Penthouse, das er sich dem Bunker aufs Dach gebaut hat - ein "Wohnhaus mit Unterkellerung", wie es im Berliner Amtsjargon heißt.

"Ich sammle Kunst, die ich nicht verstehe", hat Boros gesagt. Und das soll man verstehen? Egal, ob wenigstens wir die Kunst verstanden haben oder nur ratlos, schaudernd oder belustigt durch die Gänge des Bunkers geführt worden sind, wir freuen uns schon auf die nächste Ausstellung. Sicherlich verstehen wir dann etwas mehr. Und - gibt es etwas Künstlicheres als Kunst hinter zwei Meter dicken Kriegsstahlbetonwänden?

Der Bunker befindet sich in der Reinhardtstr. 20, Nähe Bahnhof Friedrichstraße; Führungen gibt es samstags und sonntags, Anmeldungen unter Tel. (030) 27 59 40 65.