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Saisoneröffnung in der Völklinger Hütte
Wo Friedenstauben Schutzwesten tragen

Mitarbeiter der Hütte packen am Freitag die Barry-Cawston-Fotografie des neuesten Banksy-Werkes aus. Er sprühte es kürzlich in New York als Protest gegen die Inhaftierung einer regierungskritischen Künstlerin in der Türkei.
Mitarbeiter der Hütte packen am Freitag die Barry-Cawston-Fotografie des neuesten Banksy-Werkes aus. Er sprühte es kürzlich in New York als Protest gegen die Inhaftierung einer regierungskritischen Künstlerin in der Türkei. FOTO: Oliver Dietze / dpa
Völklingen. Banksy ist ein Phantom, seine Graffitis und Kunstaktionen dagegen sind weltweit bekannt. Der Fotograf Barry Cawston hat zwei legendäre Projekte des Urban Art-Stars dokumentiert. In der Völklinger Hütte sind sie ab Sonntag zu sehen. Von Esther Brenner
Esther Brenner

Seit über 20 Jahren geistert Banksy, dessen Identität bis heute offiziell niemand kennt, durch die Straßen-Kunstszene. Auch wer mit seinem Namen nichts verbindet, kennt möglicherweise doch seine einprägsamen symbolträchtigen Motive: die Ratte zum Beispiel, das kleine Mädchen, das einen roten Herz-Ballon fliegen lässt oder den vermummten Demonstranten, der Blumen statt Steine wirft.


Banksys eingängige Kunst – platziert an hochfrequentierten, oft politisch und symbolisch aufgeladenen Orten – legt den Finger in die Wunde sozialer und politischer Missstände, aber mit Witz und Ironie. Barry Cawston als sein offizieller Fotograf dokumentiert die Arbeiten nicht nur, sondern kommentiert sie vielmehr durch seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick. So hält er es etwa in der Fotoserie zu Banksys „Dismaland“ (2015), die er um eigene fotografische Beobachtungen von Menschen ergänzt. Cawstons „Walled Off Hotel“-Projekt hat im Vergleich zur „Dismaland“­-Fotoserie hingegen eher dokumentarischen Charakter. Zu beiden Projekten zeigt die Völklinger Hütte, mittlerweile eine der besten Adressen für internationale Urban Art, ab Sonntag Cawstons großformatige Fotoserien in der Möllerhalle.

Wie eigenständig Cawstons Perspektive auf Banksys Kunst ist, zeigt sich in der brandaktuellen Fotografie eines Wandbildes, das der Urban Art-Künstler vor ein paar Tagen in der New Yorker Bowery sprühte. Es ist eine überdimensionale Strichliste, die die Tage zählt,  seit die Künstlerin Zehra Dogan in türkischer Haft sitzt, weil sie sich für die Kurden einsetzte. Man sieht ihr Portrait hinter den Strichen, die zu Gittern mutieren. Cawston zeigt dieses neue Banksy-Wandbild, das unter großen Mühen gerade noch den Weg in die Ausstellung gefunden hat, quasi aus doppelter Perspektive: Er fotografiert aus dem Auto heraus, während eine offensichtlich muslimische Frau ebenfalls ein Foto mit ihrem Handy macht. So vervielfältigt sich Banksys Kunst auch metaphorisch. Ein starkes Bild.

Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig und der Kurator der Schau, Frank Krämer, freuen sich über diesen Coup. Dennoch stehen zwei andere Banksy-Projekte im Mittelpunkt der Schau: Zum einen schuf Banksy 2015 zusammen mit 50 von ihm ausgesuchten Künstlern „Dismaland“ in einem stillgelegten Vergnügungspark im englischen Weston-super-mare nahe seiner Geburtsstadt Bristol. Zum Anderen eröffnete er 2017 das „Walled off Hotel“ in Bethlehem mit Ausblick auf die erdrückende Sperrmauer, die das Westjordanland von Israel trennt.

„Dismal“ – das heißt auf englisch „beklemmend, erdrückend“. In Banksys Anti-Vergnügungspark, den 2015 rund 300 000 Menschen in sechs Wochen besuchten, trägt das schlecht gelaunte Personal durchlöcherte Mickey Mouse-Ohren. Statt purer Unterhaltung gab es damals Input fürs kritische Denken mittels Installationen, Theateraufführungen, Performances, Lesungen. Statt lustiger Spiele und lauter Karussels: verstörende Installationen, groteske Aktionen. Diese trostlose Atmosphäre einer sich zersetzenden Konsum- und Fantasiewelt hat Barry Cawston in seiner großartigen Fotoserie festgehalten – und ergänzt um bedrückende, in ihrer Präzision und Komposition beeindruckende Aufnahmen von Menschen und Szenen aus dem heruntergekommenen, ehemals florierenden Badeort Weston. Seine Fotos thematisieren soziale Kälte, Isolation und Einsamkeit in einer übersättigten Gesellschaft. Damit verstärken sie Banksys Intention.



Mit der Eröffnung des „Walled off Hotels“ in Bethlehem ging Banksy politisch noch einen Schritt weiter. Genau an der Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland errichtet, wirkt das „Art-Hotel“ wie ein Mahnmal für die Opfer des palästinensisch-israelischen Konfliktes. Man kann sich dort einmieten, Workshops besuchen, Ferien machen – Mauer und Elend immer im Blick. Und auf dem Beton hat sich (nicht nur) Banksy verewigt. Da brechen zwei Putten die Mauer mit einer Brechstange einen Spalt weit auf. Disneys’ Schneewitchen hält statt des vergiftetes Apfels ein Apple-I-Phone in Händen. Eine Friedenstaube trägt nicht nur den Ölzweig, sondern auch eine kugelsichere Weste. Banksys Erfolg beruht auf eben diesen simplen, witzig-bösen Bildern, in denen er universal bekannte Motive verfremdet.

Barry Cawston präsentiert sich in seiner ersten großen Einzelschau in Deutschland nicht nur als Chronist Banksys, sondern als Fotokünstler mit eigener Handschrift. Die sticht auch in seinen Aufnahmen der Völklinger Hütte hervor (wir berichteten). Gerne hätte man aber auch noch mehr seiner Portraits gesehen.

Mit einem „Familiensonntag“ (10 bis 18 Uhr) werden die Schau und die Sommersaison offiziell um 16 Uhr dieses Wochenende eröffnet. Eintritt und Führungen in allen Ausstellungen sind frei. Ab 16 Uhr spielt die Saarbrücker Band „The Apemen“. Programm: www.voelklinger-huette.org

Mitarbeiter mit Mickey-Mouse-Ohren in „Dismaland“.
Mitarbeiter mit Mickey-Mouse-Ohren in „Dismaland“. FOTO: Barry Cawston