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Organisten-Leid
Warum dieses Klima Organisten schlaucht

In Kirchen ist es im Sommer oft gar nicht so kühl, wie man erwartet. Darunter leiden vor allem die Kirchenmusiker – und die Pfeifen. Von Wolfram Goertz

Wir kennen das von sehr heißen Sommertagen in sehr heißen italienischen Städten, wo wir durch sehr heiße Gassen schlenderten, auf sehr heißen Plätzen saßen und irgendwann entnervt Zuflucht in einer Kirche suchten. Sie hatte gottlob sehr dicke Wände, sehr kleine Fenster und bot uns das, wonach wir dringend begehrten: Kühle.


Auch in diesen Düsseldorfer Tagen könnte man zwischen Starkhitze und Starkregen glauben, unsere Kirchen könnten uns ein bisschen Erfrischung spenden. Das aber ist ein Irrtum. Und unter diesem Irrtum haben am meisten die Organisten zu leiden. Weil nämlich hiesige Kirchen oft relativ große Fenster haben, gelangt halt doch schon sehr viel Hitze durch direkte Sonnenbestrahlung in den Innenraum.

Und wenn dann am Wochenende zwei oder drei Trauungen sind, bei denen die Kirchentüre über längere Zeit sperrangelweit offen steht, dann strömt die Hitze in der Kirche und gelangt nicht mehr nach draußen. Da Wärme bekanntlich nach oben steigt, ist es am Arbeitsplatz des Organisten in der Regel nicht kühl, sondern sehr warm. Und wenn es dann wieder schlagartig feuchter wird, dann fängt sich auch diese schwülwarme Luft in der Kirche.



Diese elementaren physikalischen Grundsätze haben uns drei Düsseldorfer Kantoren bestätigt. Marcel Ober, Kirchenmusiker an der Lambertus-Basilika, sagt: „Tatsächlich sind es stellenweise mehr als 30 Grad hier oben auf meiner Orgelempore. Wenn ich unten am Altar spiele, entweder am Fernspieltisch oder an der Chororgel, dann ist es kühler. Aber ich spüre halt lieber den direkten Kontakt zur Orgel, und den habe ich nur hier oben.“

Aber es leidet nicht nur der Organist, die Temperatur wirkt sich auch aufs Pfeifenmaterial aus: Die Orgel verstimmt. Markus Hinz, Kantor an St. Antonius in Oberkassel, bestätigt das: „Manche Pfeifen reagieren halt sehr empfindlich auf Temperatur. Aber gar so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Die Oberkasseler Kirche bietet bald sowieso eine Besonderheit: Sie bekommt ein sogenanntes Fernwerk, das nicht auf der Orgelempore, sondern in der Kuppel in Altarnähe eingebaut wird. „Und dort unterm Dach ist es auch jetzt noch bullenheiß“, sagt Hinz. Die Arbeiter, die dort beschäftigt sind, müssen viel trinken.

Dieses Fernwerk, das in der sehr reichhaltigen und durchaus luxuriösen Düsseldorfer Orgellandschaft eine Kostbarkeit ist, wird am Sonntag, 25. November, im Gottesdienst um 11.30 Uhr eingeweiht. Das Eröffnungskonzert am selben Tag um 16 Uhr gestaltet Olivier Latry, einer der drei Titularorganisten von Notre-Dame in Paris. Bis dahin wird es sich möglicherweise etwas abgekühlt haben, aber keiner weiß es genau.

Jede Woche Konzert hat derzeit Sebastian Klein, Kantor an der Neanderkirche; er richtet die beliebten „Sommerlichen Orgelkonzerte“ aus. Auch er sagt: „Dieses Klima ist eine enorme Belastung für Mensch und Maschine. Wir haben hier an manchen Tagen über 30 Grad gemessen.“ Wohltemperiert ist dann nur noch die Grundstimmung der Orgel – und auch das nicht unbedingt: „Gerade klimatische Schwankungen sind für manche Orgel Gift.“ Klein ist aber, was diesen Aspekt anlangt, fast stolz auf die alte Rieger-Orgel in der Neanderkirche: „Deren Stimmung ist erstaunlich robust.“

Die Serie der „Sommerlichen Orgelkonzerte“ hat soeben Halbzeit, jetzt folgen bis 12. September noch fünf Konzerte mit Jens-Peter Enk, Uwe Hofmann, Ulrike von Weiß, Oskar Gottlieb Blarr und Ruth Forsbach. Klein: „Unser Publikum hält uns die Treue, auch wenn man bei der Hitze in den vergangenen Wochen fast nicht vor die Tür gehen wollte. Im jüngsten Konzert mit Martin Bambauer saßen immerhin 230 Leute.“