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Film
Die Wahrheit zwischen Recht und Religion

 Emma Thompson als Fiona Maye in einer Szene des Films "Kindeswohl"
Emma Thompson als Fiona Maye in einer Szene des Films "Kindeswohl" FOTO: dpa
Emma Thompson ist ab Donnerstag als Richterin in der Ian-McEwan-Verfilmung „Kindeswohl“ zu erleben. Von Dorothee Krings

Mit größter Sorgfalt, ja Hingabe, legt der Sekretär von Richterin Fiona Maye an Gerichtstagen die Robe zurecht, streicht über die Stoffe, zupft an der weißen Perücke. In ihrem Büro ist seine Chefin eine Frau, die sich in Akten eingräbt, beim Tee mit den Kollegen plaudert, neuerdings mit Eheproblemen ringt. Doch wenn sie in ihrer Robe durch die Holztür in den Gerichtssaal wechselt, betritt sie ihre Bühne. Dann seziert sie das Leben, bis es sich in klare Argumentketten fassen lässt, und fällt ihre Urteile nach dem Maß des Gesetzes – auf dass sie Gültigkeit besitzen über den Einzelfall hinaus.


Bis Fiona Maye an Adam gerät. Der junge Mann ist an Leukämie erkrankt und benötigt dringend eine Bluttransfusion. Doch Adam ist im Geiste der Zeugen Jehovas erzogen und will ein guter Sohn sein. Er verweigert darum die notwendige Behandlung, ist bereit zu sterben – als Märtyrer. Das Selbstbestimmungsrecht des fast erwachsenen Jungen, seine Würde als schwerkranker, aber entscheidungsfähiger Mensch steht gegen die Fürsorgepflicht des Staates, der das Leben eines Jugendlichen vor den unerbittlichen Doktrinen seiner Religion beschützen muss. Für Richterin Maye ist das kein klarer Fall, und so verlässt sie den sicheren Gerichtssaal und begibt sich an Adams Krankenbett, um zwischen Religion und Recht abzuwägen. Sie unterschreitet die richterliche Distanz zur Wirklichkeit, um ein gerechtes Urteil zu fällen – und obwohl sie danach wieder auf dem Richterstuhl Platz nimmt, klar entscheidet, holt das Leben mit seinen Verworrenheiten sie bald wieder ein.

Der Brite Ian McEwan versteht es, aus spannenden ethischen Fragen der Gegenwart literarische Stoffe zu formen, die von wahrhaftigen Menschen erzählen. 2014 gelang ihm das auch in seinem Roman „Kindeswohl“, wenn auch die Erzähl­ebene des Gerichtsfalls bezwingender gelang, als das Ehedrama, in das die Richterin daheim gerät. Dass ihr Mann nach Jahren ehelicher Abkühlung seine Lust auf eine Affäre entdeckt und dies noch ankündigt, bedient durchaus Klischees. Doch hat McEwan diese Liebesgeschichte wohl nicht nur als zusätzliche Würze über sein Gerichtsdrama gestreut. Die Unfähigkeit der Richterin, mit ihren emotionalen Problemen fertig zu werden, unterstreicht die Distanz zwischen ihrer sozialen Rolle als gedemütigter Ehefrau und der beruflichen als nüchterner Gesetzeshüterin. Spannend wird es ja gerade, wenn Gefühle und Ambivalenzen nicht in das klare Gefüge der Normen passen, nach denen eine Richterin entscheidet. Und es gibt wohl kaum eine Schauspielerin, die eine Frau zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen privater Verzweiflung und professioneller Selbstdisziplin so bewegend spielen kann wie Emma Thompson.



Und so hat der britische Theaterregisseur Richard Eyre seine Verfilmung des McEwan-Romans ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten und zeigt Thompson mit ihrem wachen, oft mild ironisch blickenden Gesicht als kluge Entscheiderin im Gerichtssaal, als gewandte Lady der britischen Upper Class, die zur Entspannung Klavier spielt und sich ansonsten auf ihre Karriere konzentriert. Und er zeigt sie daheim als erschöpfte Einzelgängerin, die sich vor den erotischen Ansprüchen ihres Mannes hinter ihren Akten verschanzt.

Das ist in üppiger Ausstattung sorgfältig inszeniert, wirkt zugleich aber manchmal künstlich und zur Schau gestellt. Szene um Szene arbeitet diese Produktion die Stationen eines juristischen Falls ab, der sich bald auch außerhalb des Gerichtssaals weiter entwickelt, doch bleibt das seltsam statisch, obwohl die Ereignisse an Dramatik gewinnen.

Vielleicht hat das auch in der Verfilmung mit dem Ehezerwürfnis zu tun. Das Auseinanderdriften zweier Intellektueller, die keine Kinder haben, aber anspruchsvolle Jobs, hat man schon öfter gesehen, meist aber bissiger, wütender, ohnmächtiger. Emma Thompson und Stanley Tucci, der den amerikanischen Professorengatten der britischen Richterin spielt, liefern sich nur Frust-Scharmützel auf gediegenem Parkett.

Zu gefühlig wird es dagegen in den Szenen, in denen Thompson auf den schwerkranken Adam trifft. Fionn Whitehead war schon in Christopher Nolans Kriegsfilm „Dunkirk“ ein junger Mann, den eine anziehende Ernsthaftigkeit umgibt. Als tapferer Anhänger der Zeugen Jehovas, der im Krankenhaus Lyrik liest und die Gitarre auf dem Bett liegen hat, wirkt er weniger wahrhaftig. Auch seine glühende Verehrung für die Richterin, die an seinem Bett gar ein Lied mit ihm singt, wirkt in diesem Film mehr behauptet als plausibel.

Trotzdem ist „Kindeswohl“ wegen der spannenden ethischen Fragen und seiner vornehmen Britishness eine sehenswerte Literaturverfilmung. Und nur wenige Schauspielerinnen können Souveränität und Eleganz so glaubwürdig mit Mütter­lichkeit und Empathie verbinden wie Emma Thompson.