| 20:18 Uhr

Osterfestspiele in Salzburg
„Tosca“ in der Tiefgarage bei den Osterfestspielen in Salzburg

Salzburg. Die moderne Inszenierung von Puccinis Oper überzeugte bei der Eröffnung der Osterfestspiele szenisch wie musikalisch.

Eine wilde Schießerei in einer tristen Tiefgarage im modernen Rom: So beginnt die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ am Samstagabend zur Eröffnung der diesjährigen Osterfestspiele Salzburg. Das vornehme und tendenziell eher betagte Publikum im Großen Festspielhaus war gewarnt. Auf einer Anzeigetafel über der Bühne wurden „laute Soundeffekte“ zu Beginn der Aufführung angekündigt. Trotzdem missbilligendes Gemurmel, bevor die Musik anhob.


Michael Sturminger, Regisseur des musikalisch wie szenisch überzeugenden Abends, ist derzeit so etwas wie die Wunderwaffe des Opernregietheaters. Kein Bilderstürmer, sondern umsichtiger Interpret mit frisch wirkenden Ideen. Letzten Sommer hob er bei den Salzburger Festspielen einen stark aktualisierten, dennoch erfolgreichen „Jedermann“ aus der Taufe.

Auch „Tosca“ verortet Sturminger konsequent in der jüngsten Vergangenheit. Alter Ego des brutalen römischen Machthabers Scarpia aus dem Originallibretto ist niemand anders als „Il Divo“ („Der Göttliche“), jener Giulio Andreotti, der in Italien als Symbol der Vereinigung von politischer, krimineller (und kirchlicher) Macht zum Schaden der Allgemeinheit gilt.



Sein Gegenspieler, der Künstler Mario Cavaradossi, kann getrost als Sympathisant der Terrorgruppe Rote Brigaden identifiziert werden, denen Andreotti einst versuchte, die eigenen finsteren Machenschaften in die Schuhe zu schieben. Zwischen den beiden Männer des (vermeintlich) guten und bösen Prinzips steht die Sängerin Floria Tosca. Sie gibt sich Scarpia/Andreotti hin, um ihren Geliebten Cavaradossi aus den Mafia-Fängen zu retten, wird von diesem jedoch teuflisch hinters Licht geführt: Eine Scheinhinrichtung Cavaradossis entpuppt sich als Realität.

Bei Sturminger passt das alles ziemlich gut zusammen und funktioniert bis zum Schluss, den der Regisseur spektakulär umdeutet. Anders als im Libretto überlebt Scarpia die Mordattacke Toscas und taucht am Ort der Hinrichtung Cavaradossis wieder auf. Dort erschießen sich Tosca und ihr Peiniger gegenseitig.

Bariton Ludovic Tézier als Scarpia agiert stimmlich wie darstellerisch recht harmlos-jovial. Sein Gegenspieler, der Tenor Aleksandrs Antonenko als Cavaradossi, steigerte sich zwar nach Anlaufproblemen, konnte aber Anja Harteros als Tosca in punkto Intensität und Stimmkultur nicht das Wasser reichen. Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden zeigte an diesem Abend einmal mehr, dass er nicht nur ein Meister des deutschen Fachs ist, sondern auch im italienischen Repertoire den richtigen Ton findet. So luzide, transparent und flexibel interpretiert, hört man einen Schmachtfetzen wie „Tosca“ selten. Nie deckt Thielemann die Sänger zu, lässt seine Musiker aber auftrumpfen mit markantem Blech und aggressiven Pauken, wenn es sein muss. Großer Jubel für die Musik, etwas weniger Jubel und ein paar Buhs für die Inszenierung.