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Große Retrospektive zum Werk von Paula Modersohn-Becker
Schönheit, aus Natürlichkeit erwachsen

Modersohn-Beckers „Alte Armenhäuslerin“, ebenfalls 1905 entstanden.
Modersohn-Beckers „Alte Armenhäuslerin“, ebenfalls 1905 entstanden.
Wuppertal . Paula Modersohn-Becker steht im Mittelpunkt einer biografisch angelegten Ausstellung im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum. Vielen gilt sie als Vorläuferin der Frauenbewegung. Von Bertram Müller

Paula Modersohn-Becker wollte, was auch Frauen von heute verständlicherweise wollen: alles. Sie wollte als Malerin einen Weg beschreiten, den sie selbst umrissen hatte, wollte selbstständig sein und doch auch in einer Beziehung leben. Und sie wollte Mutter werden. Als der letzte Wunsch sich erfüllte, blieben ihr noch zweieinhalb Wochen, ehe sie 31-jährig nach einer Embolie starb.


Das ist ein Stoff, aus dem man Filme macht. Im Kino wie im Fernsehen gab es dafür Beispiele. Das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum bietet nun die Gelegenheit, anhand von Originalen den stürmischen Werdegang der 1876 in Dresden geborenen, 1907 in Worpswede gestorbenen Malerin nachzuerleben. Die Ausstellung umfasst nicht nur Bilder von Modersohn-Becker selbst, darunter 22 Werke aus dem Besitz des Von-der-Heydt-Museums und etliche Leihgaben, sondern auch solche von Künstlern, die ihr bei ihrem Aufstieg die Leiter gehalten haben. Blickt man auf die Selbstporträts, will man kaum glauben, dass Paula Modersohn-Becker mit zahlreichen Gepflogenheiten ihrer Zeit gebrochen hat, dass sie als Frau in einer von Männern beherrschten Kunstszene neue, expressionistische Akzente setzte, dass sie mehrmals auf eigene Faust nach Paris reiste und ihren Mann verließ – und wieder umarmte. Ein Jahr vor ihrem Tod zeigt sie sich brav mit weißer Perlenkette. Andererseits setzte sie sich auch als Akt in Szene, worüber man damals die Nase rümpfte. Eine anständige Frau machte so etwas nicht.

Der Rundgang führt an den Lebensstationen der Malerin vorbei, auch an Werken von Künstlern, die für sie wichtig wurden. Fritz Mackensen zählt dazu, der ihr in Worpswede Zeichenunterricht gab und das Dorf am Teufelsmoor mit einstigen Kommilitonen zum Künstlerdorf erhob. Paulas späterer Ehemann Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck gehörten dem Kreis ebenfalls an. Modersohn-Becker studierte dort Landschaften und Menschen, destillierte daraus Bilder in erdigen Farben, grobkörnige, ruhige Ansichten einer Welt abseits allen Getriebes. Schon früh revolutionierte sie dabei das Bildnis der Frau in der Malerei. Ihre Frauen sind nicht durch den männlichen Blick bestimmt, ihre Schönheit erwächst allein aus Natürlichkeit. Bildwürdig ist ihr auch jene „Frau mit roter Bluse“, deren überlange Nase im Profil erst richtig heraussticht. Auch ein „Sitzendes Bauernmädchen“ durchkreuzt die Ideale der Männer. Gerade anhand der Porträts lässt sich gut verfolgen, wie die Malerin sich vom Spätimpressionismus abkehrte und ihre Gesichter ins Massige, Flächige, Helle wandte. Das „Mädchen mit Kaninchen“ wirkt mit seinem riesigen Kopf und seinen Pranken fast monströs.



Ein eher untypisches Bild, drei Jahre vor dem Tod entstanden, zeigt unter dem Titel „Schützenfest in Worpswede“ vor einer hellen, diagonal gestreiften Wand dunkle Gestalten mit Gesichtern, die jeweils nur aus einer runden braunen Farbfläche bestehen – anonyme Figuren, wie sie damals in die Kunst des­ 20. Jahrhundert Einzug hielten. Modersohn-Becker hatte sich wiederholt in Paris anregen lassen, von Cézannes, van Gogh und von Rodin, dem sie persönlich begegnete. Rainer Maria Rilke, der Lyriker, hatte ihr dieses Treffen vermittelt, der Ehemann der Malerin und Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, die wiederum Modersohn-Becker in Worpswede kennengelernt hatte und mit der sie eng befreundet war.

Verse und Briefe von und an Rilke ziehen sich durch die gesamte Ausstellung. Erst spät, so erfährt man auf den Wandtexten, bei ihrem letzten Aufenthalt in Paris, lernte Rilke Paula Modersohn-Becker auch als Künstlerin schätzen. Ein Jahr vor ihrem Tod schrieb sie an Rilke: „Und nun weiß ich gar nicht, wie ich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn, und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin Ich, und hoffe, es immer mehr zu werden. Das ist wohl das Endziel von allem unseren Ringen.“ Von ihrem Mann hatte sie sich da schon getrennt – und war dann doch wieder nach Worpswede zurückgekehrt, war mit ihm durch Frankreich gereist und abermals nach Hause gefahren. Endlich war sie schwanger geworden. Sie brachte ihre Tochter Mathilde zur Welt, dann hatte sich ihr Leben erfüllt. Gemalt hatte sie nur zehn Jahre lang und allein für sich. Denn zu Lebzeiten wurde kein einziges Bild verkauft.

Bis 6. Januar. Di bis So: 11 bis 18 Uhr, Do: 11 bis 20 Uhr.