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Ahmad Mansours neue Streitschrift zum Thema Integration
Eine „Wir-Wende“ statt Staatsschwächlinge

Muslimas in Halle: Ahmad Mansour plädiert in seinem Buch für ein Neutralitätsgesetz, das religiöse Symbole in Schule, Justiz und Polizei untersagt. Auch muslimische Kinder sollten kein Kopftuch tragen, um sie vor Ausgrenzung zu schützen und ihre Selbstbestimmung zu achten. „Es später wieder abzulegen, ist fast unmöglich“, schreibt Mansour.
Muslimas in Halle: Ahmad Mansour plädiert in seinem Buch für ein Neutralitätsgesetz, das religiöse Symbole in Schule, Justiz und Polizei untersagt. Auch muslimische Kinder sollten kein Kopftuch tragen, um sie vor Ausgrenzung zu schützen und ihre Selbstbestimmung zu achten. „Es später wieder abzulegen, ist fast unmöglich“, schreibt Mansour. FOTO: dpa / Peter Förster
Saarbrücken. Ahmad Mansour („Generation Allah“) lotet in seinem neuen Buch aus, wie Integration in Deutschland gelingen kann. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Seit seinem 2015 erschienenen Buch „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ gilt Ahmad Mansour als eine der pointiertesten Stimmen in deutschen Migrationsdebatten und tritt regelmäßig in Talk-Shows auf. Mansour, als arabischer Israeli 2004 nach Berlin gekommen, hat dort seither als Psychologe zahlreiche radikalisierte Muslime begleitet und auf deren Indoktrination durch äußerst konservative Islamverbände hingewiesen – der Stoff, aus dem sein Debüt „Generation Allah“ gespeist war.


Während Mansour aus der politischen Mitte seither einigen Beifall bekommt, eckt er mit seinen Thesen im rechten und im linken Lager an: Dem AfD-Klientel geht seine beherzte Islamkritik immer noch nicht weit genug, während Linke, die den Kulturkolonialismus des Westens kritisieren, ihm vorhalten, von Migranten eine ihre kulturellen Traditionen negierende Überangepasstheit zu fordern. Manche Muslime wiederum sehen in ihm einen „Verräter“.

In seinem neuen Buch „Klartext zur Integration“ versucht sich Mansour nun an einer Bestandsaufnahme der äußerst komplexen Integrations-Gemengelage. Dabei nimmt er nicht alleine die Migranten in Blick, wobei er dort im Wesentlichen drei Grundpostionen ausmacht: Verbreitet ist eine aufrichtige Integrationsbereitschaft (begleitet vom aktiven Einbringen der eigenen Kultur); zugleich macht Mansour jedoch auch einen (vielen Deutschen gleichfalls eigenen) verkappten Egozentrismus auf Migrantenseite aus, der zwar die Vorteile im Aufnahmeland nutzt, umgekehrt aber keinerlei eigene Bringschuld sehe. Wo die eigene Kultur absolut gesetzt und Verweigerung großgeschrieben werde, entstünden darüber hinaus Parallelgesellschaften. Mansour fragt zugleich jedoch – allerdings weniger entschieden – auch nach den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen auf Seiten der Deutschen. Der mehr und mehr ausufernde Individualismus hierzulande erschwere – nicht zuletzt auch für jene Flüchtlinge, die eine neue Heimat suchen – ein Zusammengehörigkeitsgefühl.



Der glühende Verfassungspatriot Mansour ist insoweit sicher, dass nicht ein neuer Nationalismus, sondern langfristig einzig die kollektive Selbstbesinnung auf die Freiheitswerte und Errungenschaften der Aufklärung, für mehr Zusammenhalt sorgen kann. Integration gelinge nur, sofern Einheimische wie Neubürger aufeinander zugehen und nicht (wie bislang allzuoft) bloß auf ihr eigenes Wohl und auf bestehende kulturelle Unterschiede zielen. Erfrischend ist Mansours Hinweis, dass es selbst vielen ehrenamtlichen Helfern hierbei nicht gelinge, „sich aus ihrer Machtposition – wir zeigen euch Armen, wie es geht – zu verabschieden“.  

Eine der Grundaussagen des Buches lautet denn auch, dass „dringend Dialogplattformen auf Augenhöhe geschaffen“ werden müssen – allerdings führt Mansour nicht aus, wie sich diese geforderte „Wir-Wende“ konkret umsetzen ließe. Zwar betont er Mal um Mal, dass über den Spracherwerb hinaus auch die Essentials des Grundgesetzes eingehender Vermittlung bedürfen. Wie aber sollte das vonstatten gehen? Kritisiert er doch zugleich (und dies zurecht), dass Migranten nicht selten die Antworten des 300 Fragen umfassenden Einbürgerungstests nur stur auswendig lernten. Im Umgang mit Migranten macht er ein diese abermals diskriminierendes „Kuscheltier-Phänomen“ aus: Sie von jeder Kritik auszunehmen und dies als interkulturelle Toleranz zu verkaufen, sei kontrapunktiv und heuchlerisch. Umgekehrt dürfe das Gastgeberland nicht immerzu bestehende Differenzen kultivieren – sei Integration doch nicht „das Zelebrieren von Unterschieden, sondern die Festlegung von Regeln“. Gleichberechtigung, Meinungs- und Religionsfreiheit und gesellschaftliche Teilhabe sind für ihn nicht verhandelbare Grundwerte, die zu akzeptieren unerlässlich sei. Dass die patriarchalischen Strukturen des Islam, die die Selbstbestimmung der Frauen beschneiden und familiäre Hackordnungen kultivieren, dem zuwiderlaufen, macht er als fundamentalstes Integrationsproblem aus. Umso fataler ist laut Mansour, dass liberale Muslime in politischen Diskursen – allen voran der von der Bundesregierung eingesetzten Islamkonferenz – zugunsten der konservativen, einen „Buchstabenglauben“ propagierenden Islamverbände unterrepräsentiert bleiben. Die dringend gebotene innerislamische Streitkultur werde so auf dem Altar kultureller Oberflächenbefriedungen geopfert. „Die einen entmündigen Muslime im Namen eines patriarchalischen Gottes, die anderen, weil sie meinen, Kritik an unserer Religion sei zu kränkend für uns; wir seien nicht fähig, kritisch zu denken und uns von verkrusteten Traditionen zu lösen.“

Zuletzt formuliert er zehn Forderungen, die sich eine kluge und präventive Integrationspolitik zu eigen machen müsse. Dazu gehört für Mansour, dass sie die Ängste auf beiden Seiten (der Deutschen wie der Migranten) ernstnimmt und nicht tabuisiert. Ferner tritt er für ein Einwanderungsgesetz nach dem Vorbild Kanadas oder  Australiens ein. Für unerlässlich erachtet er es, die gesamte Bildungs- und Sozialarbeit auszuweiten und zu professionalisieren (mehr interkulturelle Vermittlung sowie das Einführen einer Art Staatsbürgerkunde und eines verpflichtenden Ethikunterrichts) sowie den Missbrauch von Asyl- oder Aufenthaltsstatus entschiedener zu ahnden. Einerseits sollten Integrationskurse nicht mit Volkshochschulkursen für Deutsche verwechselt werden, andererseits führen Willkommensklassen laut Mansour in soziale Sackgassen. Weshalb die Integration ausländischer Kinder in reguläre Klassen wie überhaupt mehr „genuines Wir-Empfinden“ (etwa durch die Einführung von „Patensystemen“ zwischen Migranten und Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft) für ihn Königswege einer „Kultur der Inklusion“ darstellen.

Die Qualität von Mansours Debattenbeitrag liegt weniger in dessen Positionsbestimmungen, reihen diese doch oft Allgemeinplätze aneinander. Der im Titel versprochene „Klartext“ steckt eher in den Fallbeispielen, die Mansour aus seiner psychologischen Betreuungsarbeit und Gesprächen mit Polizisten und Sozialarbeitern liefert. Schildern diese doch eindrücklich die Fliehkräfte islamischer Traditionen (lähmende Familien-Hierarchien und ein vielfach unreflektiertes Religionsverständnis), aber auch Fallstricke einer überzogenen Permissivität auf deutscher Seite. Zwei wichtige Lehren, die man aus diesem (konservative deutsche Kreise wohl letztlich eher in ihren Vorurteilen bestätigenden) Buch zieht, lauten: Wer in einer Kultur sozialisiert wurde oder wird, die Selbstwertgefühle zu entwickeln nicht leicht macht, sollte im Gastland nicht durch (Selbst-)Ausgrenzung weiter geschwächt werden. Und: Integration ist keine Einbahnstraße. Mehr Gemeinsinn tut Not und verlangt den Einsatz aller.

Ahmad Mansour: Klartext Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache. S. Fischer, 304 Seiten, 20 €.
Am kommenden Sonntag stellt Mansour sein Buch um 9.04 Uhr in der SR2-Sendung „Fragen an den Autor“ vor.

Kritisiert den Islam konservativer Prägung und fordert mehr Verfassungspatriotismus: Ahmad Mansour.
Kritisiert den Islam konservativer Prägung und fordert mehr Verfassungspatriotismus: Ahmad Mansour. FOTO: dpa / Jìrg Carstensen