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Kunstverbannung in Luxemburger Museum
Wim Delvoyes Kapelle fliegt aus dem Mudam

Delvoyes „Chapelle“ aus Metall im Musée d‘art moderne Grand-Duc Jean (Mudam).
Delvoyes „Chapelle“ aus Metall im Musée d‘art moderne Grand-Duc Jean (Mudam).
Saarbrücken/Luxemburg. Installation des Konzeptkünstlers muss Museumspädagogik weichen – Sorgt sich Luxemburgs Premier um Sanitäranlagen im Museum? Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Das Luxemburger Nationalmuseum Mudam auf dem Plateau Kirchberg verbannt eine Metallskulptur des belgischen Künstlers Wim Delvoye, die dieser vor zwölf Jahren eigens zur Eröffnung des Mudams geschaffen hatte. Die Umstände und Begründungen für die Demontage der Installation, die – wie es im luxemburgischen „Tageblatt“ zu recht hieß – seither längst „zu einem emblematischen Teil des Museums“ geworden ist, lassen aufhorchen.


Publik wurde die „Chapelle“-Verbannung durch eine parlamentarische Anfrage des luxemburgischen ADR-Abgeordneten Fernand Kartheiser. Wie die luxemburgische Zeitung „L’essentiell“ schreibt, begründete Premierminister und Kulturminister Xavier Bettel die für Ende Mai vorgesehene Einlagerung der Delvoye-Installation demnach unter anderem damit, dass diese im Mudam den Zugang zu einem Toilettenraum blockiere. Ist die Benutzung von Sanitäranlagen in Luxemburg inzwischen zur Staatsangelegenheit geworden? Nun, ganz so grundbedürftig scheint die Politik im Großherzogtum dann doch nicht ausgerichtet zu sein: Liest man genauer nach, stellt sich heraus, dass dort, wo Delvoyes berückende gotische Metallkapelle (mit ihren geradezu subversiv anmutenden Glasfenstern) noch steht, künftig die museumspädagogische Arbeit konzentriert werden soll. Angeblich sei das von Architekt I.M.Pei, der das Mudam entworfen hat, immer so vorgesehen gewesen. Eine kuriose Begründung: Wer je im Mudam gewesen ist, dürfte sich davon überzegt haben können, dass es wenige internationale Museen von Rang gibt, in den solcherlei Raumverschwendung betrieben wird wie im Mudam. Anders gesagt: Ein Ausweichquartier für Delvoyes „Chapelle“ innerhalb des Mudam hätte sich wohl finden lassen – wenn man denn gewollt hätte.

Während Premier Bettel, indem er in der Causa selbst Stellung bezieht, den Eindruck aufkommen lässt, selbige zur Chefsache zu machen, erstaunt die verhaltene offizielle Reaktion der erst im Januar neu bestallten Mudam-Direktorin, der Australierin Suzanne Cotter. In einer äußerst dürren Pressemitteilung beließ sie es dabei, darauf hinzuweisen, dass im ersten Stock des Mudam dessen pädagogische Arbeit lokalisiert werde, sodass Delvoyes antiklerikale Kapelle am 28.Mai das Feld zu räumen hat und eingelagert wird. Während in Luxemburgs Medien darüber kein Aufschrei zu vernehmen ist, findet sich in den Leserkommentaren durchaus Hohn und Spott. Von „Kulturbanausentum“ ist da etwa die Rede.

Das Mudam selbst befindet sich in einer Umbruchphase. 2017 war der langjährige Direktor Enrico Lunghi im Streit mit Premier Bettel zurückgetreten. Ihm war vorgeworfen worden, bei einem Interview gegenüber einer RTL-Journalistin angeblich handgreiflich geworden zu sein. Lunghi selbst fühlte sich abserviert. Unklar ist seither, in welche Richtung seine Nachfolgerin das Mudam führen will. Die oppositionelle CSV im Parlament forderte bereits ein Treffen mit Cotter, um deren „künstlerischen Prioritäten und Entwicklungspläne“ zu erfahren, so CSV-Fraktionschef Claude Wiseler.