| 20:43 Uhr

Ursachenforschung in Sachen Nahost
Wie wird man zum Pulverfass?

Kinder im vergangenen April in Sanaa — in Jemens Hauptstadt tobt seit Jahren ein Stellvertreterkonflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien.
Kinder im vergangenen April in Sanaa — in Jemens Hauptstadt tobt seit Jahren ein Stellvertreterkonflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien. FOTO: picture alliance / Hani Al-Ansi/ / Hani Al-Ansi
Saarbrücken. Rainer Hermann, „FAZ“-Journalist und langjähriger Beobachter der Situation im Nahen Osten, zeichnet in seinem Buch „Arabisches Beben“ die diversen Konfliktlagen in der notorischen Krisenregion nach. Selten wurde dieses komplexe  Ursachenbündel umfassender dargestellt. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Zwar leben nur fünf Prozent der Weltbevölkerung in arabischen Ländern, dennoch kommen mehr als 50 Prozent aller Flüchtlinge, die weltweit ihre Heimat verlassen, aus dem arabischen Raum. Dass sich an diesem Aderlass auf absehbare Zeit nichts ändern wird, ist eine der Grundthesen von Rainer Hermanns fundierter Analyse des Nahen Ostens, die der „FAZ“-Journalist unter dem Titel „Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten“ vorgelegt hat. Sieben Jahre nach dem 2011 mit so viel Hoffnung entfachten „Arabischen Frühling“, der fast überall wieder großer Ernüchterung gewichen ist, zieht Hermann eine äußerst kritische Bilanz der aktuellen Situation der arabischen Welt.


Nur in Tunesien gelang ein wirklicher Umbruch. Überall sonst, wo im Zuge der „Arabellion“ Demokratisierung ersehnt worden war, säßen die alten Regime weiterhin (oder wie in Ägypten wieder) fest im Sattel. Vielerorts herrschen Bürgerkriege (in Libyen, Irak, Jemen und allen voran in Syrien, wo die Konfliktlinien zwischenzeitlich „in einen lokalen Weltkrieg“ unter Beteiligung der USA, Russlands, Frankreichs und Großbritanniens und der Türkei ausgeartet sind). Andernorts wird nahezu jede Opposition unterdrückt (Türkei, Iran, Ägypten, Saudi-Arabien), andere Staatengebilde sind in Auflösung begriffen (Irak, Libyen). Kurzum: Es fehlt nicht an Gründen für einen Exodus der arabischen Bevölkerung.

 „Das Vertrauen der Bürger in ihre Regime ist aufgebraucht. Die Regime antworten auf den Ungehorsam mit Repression“, skizziert Hermann diesen Teufelskreis, der mit einem zweiten fast untrennbar verbunden ist: Je mehr die staatliche Bindungskraft verloren geht, umso stärker füllt die Religion dieses Vakuum, wodurch insbesondere die Konfliktlagen zwischen Sunniten und Schiiten weiter befeuert werden. Herrmann prognostiziert daher, der Nahe Osten werde sich erst dann wieder stabilisieren, „wenn die konfessionellen Gräben zugeschüttet und die Faktoren beseitigt sind, die zu den Massenprotesten des Jahres 2011 geführt haben“.



Bei seiner Ursachenforschung für das heutige gewaltige Konfliktpotenzial der arabischen Welt macht der wohltuend unpolemisch argumentierende „FAZ“-Journalist jeweils drei externe und interne Faktoren als maßgeblich aus. Auf der einen Seite trifft den Westen eine erhebliche Schuld an der Zerrüttung im Nahen Osten: Kolonialismus und Imperialismus begriffen ihn als Selbstbedienungsladen und zogen willkürlich Staatsgrenzen, die „quer durch ethnische, konfessionelle und sprachliche Räume verliefen, die homogener gewesen waren als das, was auf sie folgte“. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916 teilten die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches die Region unter sich auf. 100 Jahre später „zerfällt, was nie zusammengehört hat“, so Hermann. Dass zum anderen die USA – beginnend 1953 mit dem von ihr betriebenen Sturz des liberalen iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh bis hin zu der von ihr verursachten Zerschlagung des Iraks und Libyens in jüngerer Vergangenheit – die Region seit mehr als einem halben Jahrhundert destabilisieren, hat diese desgleichen zu einem Pulverfass werden lassen. Hermann lässt dabei keinen Zweifel: „Es war der Krieg im Irak, der von 2003 an die Identität der Muslime von Grund auf verändert hat. Die Menschen fragten nun nicht länger, ob jemand Araber oder Iraner war, sondern danach, ob er Schiit oder Sunnit war.“ Damit hatte die arabische Welt, gut 50 Jahre nach dem Palästina-Konflikt, ihren zweiten elementaren Grundkonflikt.

Neben der fatalen Politik des Westens schildert Hermann ausführlich die drei maßgeblichen inneren Fehlentwicklungen in den arabischen Ländern: „autoritäre Staaten, totalitäre Ideologien und ein Islam, der Konflikte religiös auflädt“. Nach der 1948 gegen Israel erlittenen Niederlage seien die liberalen Regime in den seinerzeit einflussreichsten Staaten Ägypten und Irak geschasst und durch Militärdiktaturen ersetzt worden – ein Beispiel, das später auch in Nachbarstaaten Schule gemacht habe. Und vielerorts Patronagesysteme begünstigte, die jeweils die reichen Oberschichten zu Profiteuren machten, während die breite Masse geknebelt und gegängelt wurde. Indem so die säkularen, bürgerlichen Kräfte demoralisiert, mundtot gemacht oder in die Flucht getrieben wurden, sei, folgert der Autor, einer Re-Islamisierung der Gesellschaften der Boden bereitet worden, die gemäßigte Kräfte nur umso mehr marginalisierte.

Ein entscheidender innerarabischer Konfliktherd ist die religiös motivierte Feindschaft zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, die beide um die Vorherrschaft in Nahost ringen und dazu Stellvertreterkriege in den Anrainerstaaten (Syrien, Irak, Jemen, Bahrain) vom Zaun brachen. Maßgeblich Syrien dient ihnen dabei Hermann zufolge „als Brandbeschleuniger“. Hinzu kommt, dass sich die sunnitischen Länder, wie das Buch en détail nachzeichnet, selbst zermürben. Maßgeblich Saudi-Arabien torpedierte, um seine eigene Vormachtstellung zu zementieren, etwa den „politischen Islam der Muslimbruderschaft“, die nach dem Fall Mubaraks und ersten freien Wahlen in Ägypten dort vorübergehend die Macht übernahmen.

Ein großer Vorzug des Buches ist die differenzierte Darstellung der Konfliktlagen in den einzelnen Ländern, die Hermann immer wieder mit ihren historischen Prämissen rückkoppelt. So verdeutlicht er etwa, dass der „Islamische Staat“ („IS“) seine Kader aus den Reihen des irakischen Militärs und Geheimdienstes sowie der Baath-Partei Saddam Husseins rekrutierte, die von den USA allesamt zerschlagen worden waren. Genauso räumt er etwa mit dem Mythos auf, die „Arabellion“ 2011 sei im Kern eine Demokratie-Bewegung gewesen. Vielmehr standen Sozial-Gerechtigkeit und Anti-Korruption dabei im Zentrum. Desgleichen finden markante Seilschaften Erwähnung – etwa, dass Teile der Rente der ägyptischen Militärs bis heute von den USA finanziert werden.

Hermanns Resümee klingt äußerst verhalten: „Nur der Nationalstaat kann die Antwort auf die Konflikte des Nahen Ostens sein“, schreibt er. Das zu realisieren dürfte schwer sein. Gründen diese Staaten doch gerade nicht auf gewachsenen Nationen. Auch die übrigen Kriterien, die Hermann ins Feld führt, dürften in vielen Fällen auf sich warten lassen: funktionierende Institutionen, ein gemäßigter, säkularerer Arabismus sowie „eine regionale Ordnung, die multiple Identitäten zuließe“ nebst der Einrichtung von Freihandelszonen. Vieles spricht daher dafür, dass der Nahe Osten noch längere Zeit ein chronischer Herd von Unruhen und Ungerechtigkeiten bleibt.

Rainer Herrmann: Arabisches Beben. Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten. Klett-Cotta, 377 Seiten, 16,95 €.