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Auffallen um jeden Preis: Wie wir unser Leben kuratieren
Wie tickt unsere heutige Gesellschaft?

Saarbrücken. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz versucht sich an einer umfassenden Zeitdiagnose unserer postindustriellen Gesellschaft. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Wenn heute wieder die scheinbar gute alte Zeit der Nationalstaaten, der alten Volksparteien und der wenigen TV-Kanäle, ja überhaupt die Aufgeräumtheit und Langsamkeit des analogen Zeitalters nostalgisch beschworen wird, so spricht daraus das Vermissen einer noch überschaubar wirkenden industriellen Moderne – einer Zeit, als die Lebensläufe noch ähnlicher und der Wohlfahrtsstaat die Gesellschaft noch halbwegs verlässlich Kurs in Richtung besserer Zeiten halten ließ. Folgt man Andreas Reckwitz’ großem soziologischen Zeitbild „Das Zeitalter der Singularitäten“, dann ist von der alten Stabilität nicht mehr viel geblieben. Schon im ersten Satz seiner erhellenden Studie liest man: „Wohin wir schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere.“


Damit ist Reckwitz’ Grundthese formuliert: Der Durchschnittsmensch, der in der alten Bundesrepublik hochgehalten wurde, ist heute in Verruf geraten. Konformismus gilt als Makel. Jedenfalls in den Augen derer, die Reckwitz als die Profiteure und Vorreiter der heutigen westlichen Gesellschaft ausmacht: die aus der beispiellosen Bildungsexpansion und dem Siegeszug der Kreativindustrien hervorgegangene „Neue Mittelklasse“. Laut Reckwitz macht sie heute ein Drittel der deutschen Gesellschaft aus. Als ihre Leitbilder macht der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lehrende Kultursoziologe Selbstständigkeit und Selbstoptimierung aus. Die Neue Mittelklasse kultiviert einen radikalen Individualismus und konterkariert insoweit das seit der Aufklärung bis in die 1980er Jahre geltende Ethos vergleichsweise normierter Arbeits- und Lebensformen.

Der daraus resultierende Mentalitätswechsel ist einschneidend und tangiert Arbeits- und Freizeitverhältnisse gleichermaßen: Überall pflegt im heutigen „Kulturkapitalismus“ demnach die maßgeblich aus der Kreativbranche kommende neue Mittelklasse den Lebensstil eines weitreichenden Individualismus. Wobei Reckwitz als historische Vorläufer dieses Denkens interessanterweise zum einen das Zeitalter der Romantik und zum anderen die 68er-Bewegung nennt, die beide auf je eigene Weise einen radikalen Ich-Kultt zeitigten. Um wieder auf die Gegenwart unserer postindustriellen Ära zurückzukommen: Länder, Moden, Essen, Locations, Meinungen, Design, Sportarten oder Jobs werden, mit Reckwitz zu sprechen, heute mehr denn je nach ihrer Originalität und ihrem Erlebniswert ausgesucht. Genauso wie Waren, Menschen, Städte, religiöse oder politische Gruppierungen hinsichtlich ihres Selbstentfaltungspotentials, ihrer „Performance“ und ihrer Authentizität bewertet werden. Atmosphäre geht vor Funktion. Märkte definieren sich weniger nach Leistungs- denn nach Attraktivitätskriterien; Medien transportieren weniger Informationen denn Affekte. „Was heute als exzeptionell gilt, kann morgen schon entwertet und als konformistisch oder gewöhnlich eingestuft werden.“ So zutreffend diese Analyse im Detail ist: So absolut, wie Reckwitz den Einfluss der heutigen Akademikerklasse für den von ihm ausgemachten Strukturwandel der Moderne setzt, ist er faktisch wohl nicht.



So mühsam und sprachlich in einem spröden Soziologendeutsch sich Reckwitz’ Zeitdiagnose liest, so schlüssig und anregend ist insbesondere im zweiten Teil des Buches dessen heutige Gesellschaftsskizze: Die ganze Welt und mit ihr sämtliche Lebensformen werden demnach zur „kulturellen Ressource“, um „Singularitätsgüter“ zu generieren. „Etwas gilt nur dann in der Welt, wenn es interessant und wertvoll ist.“ In der von den sozialen Medien unterfütterten Überflussgesellschaft herrscht insoweit nicht mehr ein Mangel an Gütern und Informationen, sondern an Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Weshalb Reckwitz sie treffend eine von Rankings und Quoten befeuerte „Superstar-Ökonomie“ nennt.

In der „Drei-Drittel-Gesellschaft“ von heute macht Reckwitz die alte, aus Beamten und Angestellten rekrutierte Mittelklasse, die nicht mehr Maß und Mittelmaß, sondern nur noch Mittelmaß ist, ebenso als Verlierer aus wie die durch die soziale Entwertung der alten Pflichtethik immer weiter deklassierte Arbeiterklasse. Tonangebend ist die vom Neoliberalismus der 90er Jahre, vor allem aber von der Absolutsetzung kultureller Werte in den heutigen Bewusstseinsindustrien maßgeblich gepush­te neue Mittelklasse. Heute werde allenthalben Besonderheit kultiviert, bilanziert Reckwitz. Die Gesellschaft habe ihre Bindungskraft verloren, sodass es eher darum geht, „Singularitätskapital“ anzuhäufen und am eigenen Persönlichkeitsprofil zu feilen.

Dabei ist die creative economy nach Auffassung des Autors „von jenem Künstlerdilemma geprägt, das sich im 19. Jahrhundert ausgebildet hat“: Ihre Arbeit soll ihr, wie dem Künstler sein Werk, Sinn und Befriedigung geben. Gleichzeitig aber funktioniert dies nur, wenn sie den Bedürfnissen des Marktes und der Konsumenten entspricht. Die Folge davon ist ein oft gnadenloser Profilierungswettbewerb, in dem das eigene Leben aus Statusgründen quasi kuratiert wird. Das Burn-out-Potential dieses Aktivismus-Diktats (und der mit ihm einhergehenden „Verzichtaversion“) zeigt Reckwitz an vielen Krisensymptomen (etwa der Depression als neuer Volkskrankheit und des Verlusts von Gerechtigkeitsmaßstäben) auf.

Zuletzt widmet sich das Buch den Ursachen der „Krise des Politischen“. Durch die digitalen Medien verlagerten sich politische Debatten in autonome Teilöffentlichkeiten. Der Staat gewährleiste eher privaten Konsum denn soziale Ziele. Dass in einer Gesellschaft, die Affekte zelebriert und neue Eliten (und Verlierer) gebiert, Populismus (und Nationalismus) Tür und Tor geöffnet werden, spart die glänzende Studie nicht aus.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp, 480 S., 28 €.