| 20:41 Uhr

Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK)
Wie politisch ist eigentlich das Tanzen?

Sich bewegen, um etwas politisch zu bewegen: Workshop-Teilnehmer bei  ihrer Tanz-Performance auf dem Ludwigsplatz.
Sich bewegen, um etwas politisch zu bewegen: Workshop-Teilnehmer bei  ihrer Tanz-Performance auf dem Ludwigsplatz. FOTO: Esther Brenner
Saarbrücken. Die Tagung „...stepping to the left“ an der Hochschule der Bildenden Künste Saar beschäftigte sich mit Tanz und Migration.

Den argentinischen Tango entwickelten europäische Migranten vor über 150 Jahren in den Hafenkneipen in Buenos Aires. Beim brasilianischen Capoeira kombinierten afrikanische Sklaven tradierte Tanzschritte aus der Kampftechnik mit Rhythmen und Bewegungen Südamerikas. Tanzen hat also auch mit Migration zu tun.



Eine „Arbeitstagung“ am Donnerstag und Freitag in der Saar-Kunsthochschule (HBK) beschäftigte sich mit diesem Thema. Mehr noch: Es ging darum, ob und wie politisch und gesellschaftlich relevant der Tanz ist. Wie fördert Tanz die Gemeinschaftsbildung? Können wir womöglich aus dem Tanz Strategien entwickeln, um ein vielfältiges Europa zu gestalten?

Auf diese teils sperrigen Fragen wollten die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter freie Künstler, Tänzer und Kulturwissenschaftler, Antworten finden. Sowohl in Vorträgen verschiedener Experten als auch ganz konkret im Tanz – der erste Tag endete in einem Flash­mob auf dem St. Johanner Markt, wo Tagungsteilnehmer unter der Regie von Adnan Allouch und Muhammad Ali Deeb, beide aus Syrien, den syrischen Volkstanz „Dabke“ tanzten – mit willigen Passanten.

Am Freitag wurden experimentelle Choreografien mit dem „Planet Dance Ensemble“ aus Saarbrücken auf dem Saarbrücker Ludwigsplatz erarbeitet. Dort tanzten die Teilnehmer auch einen  „Kugeltanz“, den Georg Winter, Professor für Public Art an der HBK, erdacht hat. Kein Tanz im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Performance, bei der die Teilnehmer zu zweit ein an einem Stock befestigtes Beton-Gewicht (Kugel) tragen und sich – mit Seilen untereinander verbunden – zusammen um eine weiße Fahne im Kreis bewegen. In der durch das Gewicht anstrengenden Bewegung bringe man zum Ausdruck, dass Grenzen bauen (und abbauen) Anstrengung bedarf, erklärte Winter.  Versteht man ihn richtig – und das ist nicht ganz einfach –  ist das eine politisch-künstlerische Intervention über Zäune und Grenzen im öffentlichen Raum, die er an weiteren Orten in Europa plant.

Organisiert hatten die Tagung Winter  und die an der Saarbrücker Uni lehrende Kulturwissenschaftlerin und Junior-Professorin Amalia Barboza. Die Expertin für Migrationsforschung bezog sich auf die Geschichte des Tanzes und dessen Funktion nicht nur als ein Mittel zwischenmenschlicher, sondern auch  transkultureller Kommunikation – insofern auch ein politisches Mittel. Welchen gesellschaftspolitischen Einfluss Volkstanz und Bewegungskunst beispielsweise in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, thematisierte Jozsef Mélyi aus Budapest anhand von Filmmaterial.



Schon Nietzsche riet, „das Leben zu tanzen“. Auf ihn, Hannah Arendt und  Spinoza, der die Kraft des Tanzes lobte, Menschen zusammenzubringen, bezog sich Barboza in ihrem Vortrag. Ihre These: Der Tanz drückt eine Haltung im Leben aus. In ständiger Bewegung zu bleiben, sei auch eine Haltung, die man bei Migranten wiederfinde. Ankommen heiße nicht, an einem Endpunkt fixiert oder in einer neuen Kultur integriert zu sein. Vielmehr erlebten gerade Migranten, dass sie weiter in Bewegung bleiben müssen – und wollen.

In den Vorträgen (und Übungen) zu Capoeira, argentinischem Tango, HipHop und syrischem Dabke ging es vor allem um deren Entstehung – alle diese Tänze sind als Reaktion auf Migrationserfahrungen entstanden, verbinden Elemente und Tänze unterschiedlicher Kulturen. Wie subversiv sie sein können und inwieweit die Dynamik des Tanzens ein Instrument sein kann, gesellschaftliche Prozesse anzustoßen, bleibt letztlich die Frage.  Einig war man sich immerhin, dass es nicht reicht, über Sprache zu kommunizieren. „Wichtig ist auch, mit dem Körper zu arbeiten“, so Amalia Barboza.

Wer einmal die verbindende Kraft etwa eines kurdischen oder syrischen Volkstanzes erlebt hat, wird dies bestätigen. Man fasst sich an, bewegt sich zusammen und  bleibt doch ein Individuum. Vielleicht kommen manche Integrationsprobleme in Europa (aber auch in anderen Teilen der Welt) daher, dass zu wenig getanzt wird?