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Wie man der Penetranz des Wirklichen entkommt

Genazino bei der Arbeit. Foto: dpa
Genazino bei der Arbeit. Foto: dpa FOTO: dpa
Saarbrücken. Wer Wilhelm Genazino immer noch nicht kennt, sollte ihn spätestens jetzt für sich entdecken. Sein neuer Roman „Außer uns spricht niemand über uns“ ist ein Stück sehr gekonnte, äußerst amüsante Literatur. Für Genazino-Kenner aber kann er zuweilen auch ermüdend sein. Wie kann das sein? Christoph Schreiner

Diesmal ist die Genazino-Hauptfigur ein abgetakelter Rundfunksprecher, der bisweilen Modeschauen moderieren muss, um sich über Wasser zu halten. Dabei ist er eigentlich darauf aus, "endlich ein bedeutendes Leben zu führen". Hat aber als größten biografischen Lorbeer nur ein lange verjährtes Einjahres-Engagement an einer unbedeutenden Bühne aufzubieten.



Wieder mal also folgen wir einer typischen Versuchsanordnung des Büchner-Preisträgers von 2004, dem spätestens seither alle Feuilletons zu Füßen liegen: Prekärer Typ (finanziell wie charakterlich, bei derart viel mit Antriebslosigkeit gepaarter Selbstgefälligkeit) lebt in einer routinierten, sexuell aber recht munteren Paarbeziehung (diesmal mit der Telefonistin Carola, deren schwere Brüste seine liebste Bleibe sind). Ebenso wenig wie beide zusammenpassen - den späteren, unvermittelten Selbstmord Carolas wird Genazinos Erzähler-Ich mit Hang zu Defätismus mit Fassung tragen - , passen seine hehren Lebensentwürfe zu seiner verlotterten Existenz. Wie so oft bei Genazino begegnen wir einem Dasein im Wartesaal. Am Liebsten streunt dieser klassische, auch an seinem Altern laborierende Antiheld ziellos an seinem Wohnort Frankfurt herum und schaut dabei "auf die rätselvollen Splitter einer sich nicht zusammenfügenden Existenz". Seine latente Melancholie hält er in Schach, indem er all die gärenden Unglücke des Alltags, deren er bei seinen Streifzügen unentwegt gewahr wird, lediglich in homöopathischen Dosen in sich lässt: "Mein oberstes Prinzip war, der Penetranz des Wirklichen zu entkommen."

Dass wir nichtsdestotrotz mit einiger Sympathie an dieser zweifelhaften Existenz bereitwillig Anteil nehmen, verdankt sich nicht nur Genazinos feinem Sinn für Komik. Entscheidender ist, dass uns ein im doppelten Wortsinne verspieltes Leben vorgeführt wird, das womöglich mehr mit unserem zu tun hat, als es auf den ersten Blick scheint. Präzise zeichnet Genazino die Stimmungseinbrüche und sozialen Fluchtinstinkte seiner mit einem Überfluss an Zeit gesegneten und deshalb ständig in sich hineinhörenden Figur. Ihr Verramschtwerden vom Alltag wider Willen ("mit welcher Zartheit der erste Unwille an uns nagt") und der damit einhergehende Zwang zur Lebensaufschiebung werden so nach und nach zur eigentlichen Melodie des Romans. Wie es dem 73-Jährigen gelingt, Nihilismus und Humor (nicht Zynismus!) zu vermählen, ist ein seltenes Kunststück.

Damit nicht genug, wartet der Roman, als hätte Genazino seinen Zettelkasten mit lebensgültigen Sätzen dafür komplett geplündert, zuhauf mit brillanten, introspektiv tief blickenden Wendungen auf. Für Nichtkenner seines Werkes ist das Buch ein großer Schmaus. Auch deshalb, weil es stilistisch bezwingender ist als seine letzten. Genazino-Junkies hingegen kämpfen darin mit Anderem: der Plot, die Sujets, ja selbst der von Genazinos Nominalisierungssucht, Wortschöpfungsanfällen und Beiläufigkeitsarien zehrende, zutiefst lakonische Stil zeitigen streckenweise eine zur Masche werdende Absehbarkeit, die ein Stück weit ermüdend ist.

Wenn man so will, tritt da ein exzellenter Autor versiert routiniert auf der Stelle. Als fände die "Selbstversunkenheit" des Erzählers in dessen Schöpfer insoweit ihr Pendant, als der mehr auf Markenpflege denn Fortentwicklung setzt. Weil aber bei allem Remakehaften der neue Genazino-Roman ausdauernder und genauer als zuletzt die Haltlosigkeiten unserer Zeit diagnostiziert, ist es am Ende doch ein bedeutendes Buch.



Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Hanser, 155 Seiten, 18 €.