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Henni Nachtsheim von Badesalz im Gespräch
„Wie bei einem alten Ehepaar“

Gerd Knebel (links) und Hendrik Nachtsheim an der frischen Luft in Rodgau. Im Studio haben sie die erste Badesalz-CD seit 14 Jahren aufgenommen – das sehr gelungene Album „Mailbox-Terror“. Im Herbst 2019 gehen sie mit einem neuen Bühnenprogramm wieder auf Tournee und kommen auch nach Saarbrücken.
Gerd Knebel (links) und Hendrik Nachtsheim an der frischen Luft in Rodgau. Im Studio haben sie die erste Badesalz-CD seit 14 Jahren aufgenommen – das sehr gelungene Album „Mailbox-Terror“. Im Herbst 2019 gehen sie mit einem neuen Bühnenprogramm wieder auf Tournee und kommen auch nach Saarbrücken. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Saarbrücken. Hendrik Nachtsheim über die neue Badesalz-CD, Plattenfirmen-Yuppies und den alten Charme der Congresshalle. Von Tobias Kessler

1982 traten Hendrik Nachtsheim und Gerd Knebel erstmals als Duo Badesalz auf. Seitdem haben die Hessen TV-Serien produziert, Alben wie „Zarte Metzger“ aufgenommen, den Kinofilm „Abbuzze!“ gedreht – vor allem aber sind sie mit Bühnenprogrammen unterwegs: zuletzt mit „Dö Chefs“, der Geschichte zweier Pleite-Gastronomen. „Dö Chefs“ erscheint nun als DVD (ein Mitschnitt aus Mannheim), und auch das erste Album seit 14 Jahren kommt heraus: „Mailbox-Terror“. Überwiegend mit Anrufbeantworter-Botschaften dreht das Duo am Rad des Absurden. Um genervte Kinderbuchverleger geht es, am Stammtisch wird gegrölt, der Smoothie-Wahn löst eine Flut aus, eine allzu ehrliche Hochzeits-Laudatio stürzt eine Feiergesellschaft ins Chaos. Hier ein Interview mit einer Badesalz-Hälfte, Hendrik Nachtsheim.     


Eine neue CD nach 14 Jahren – die Erklärung im PR-Beiblatt ist ein lapidar-hessisches „Eija … warum net?“ So einfach ist das nicht, oder?

NACHTSHEIM Doch, eigentlich schon. Wir hatten auf den CDs vorher schon sehr viel erzählt, da sind ja immer so um die 40 Nummern drauf – wir hatten die Sorge, nur noch Routine abzuliefern. Aber es gab keine großen Diskussionen oder eine finale Entscheidung, es hat sich einfach ergeben. Wir haben viel live gespielt, jeder hat auch andere Projekte, die Jahre waren extrem voll. Bis die alte Lust wiederkam.



In den 14 Jahren hat sich einiges verändert – auch die deutsche Humorlandschaft?

NACHTSHEIM Nein, richtig neu erfunden hat niemand etwas. Was sich aber verändert hat, sind die Dimensionen der Auftritte: Bülent Ceylan  etwa in der SAP-Arena, Mario Barth im Berliner Olympiastadion. Das gab es vor 20 Jahren nicht. Jetzt spielen Kollegen wie Luke Mockridge oder Chris Tall in diesen wahnsinnig großen Hallen – und haben davor gar keine Angst.

Wäre das nichts für Sie?

NACHTSHEIM Das muss man erstmal können. Als wir unseren großen Durchbruch hatten, fragte man uns, ob wir nicht in der Frankfurter Festhalle spielen wollen – mit 10 000 Plätzen. Das wollten wir nicht, da würde man uns ja gar nicht mehr sehen, und mit Videowänden wollen wir nicht arbeiten.  Selbst wenn wir jetzt in der Jahrhunderthalle in Frankfurt vor 2000 Leuten spielen,  haben wir davor einen enormen Respekt.

Die Welt in den Badesalz-Sketchen war hinter der Fassade der Komik schon immer ziemlich düster – die Menschen sind bedrohlich, oft dumm, hinterhältig. Hat die Welt Ihre Satire mittlerweile eingeholt?

NACHTSHEIM Die Welt ist eine ganze Ecke schlechter gelaunt als vor 20 Jahren.  Dieses unglaubliche Potenzial an Wutbürgern ist schrecklich, der Ton ist viel rauer geworden. Aber dumme, böswillige und böse Menschen haben wir immer schon gerne gespielt – auf dem neuen Album gibt es etwa einen Stammtisch mit reaktionären nicht-arabischen Männern, die die Scharia gut finden, damit sie endlich ihre Frauen verschleiern können. Oder einen verlogenen Pornoproduzenten, der seinen kleinen Porno unter dem Deckmantel eines politisch ambitionierten Films drehen will. Wir spinnen so etwas gerne weiter – wie absurd, dumm und böse können die Menschen noch werden?

In der Nummer „Eddi Otzberg“ sprechen Sie unter anderem wachsenden Antisemitismus an, verkleiden das aber in einem Sketch eines Berufsbetroffenen, der vordergründig ein bedrohtes Tier retten will, aber vor allem bekannte Kollegen für einen kostenlosen Benefiz-Auftritt ködern will. Haben Sie das bewusst so verpackt?

NACHTSHEIM Nein, das vermuten manche, uns geht es aber um etwas anderes. Die Figur Eddi Otzberg schwingt derart die moralische Keule, dass man gar nicht mehr wegkommt. Er will etwas veranstalten zu seinem Nutzen unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft – das haben wir schon oft erlebt. Es gibt oft Benefizkonzert-Pläne unbekannter Kollegen, die gerne mit Torsten Sträter, Dieter Nuhr, Michael Mittermeier und uns auftreten wollen, weil niemand sie kennt. Mich hat mal jemand angerufen, als ich noch bei den Rodgau Monotones war, da sollten wir ein Benefiz spielen für einen ehemaligen Reservats-Indianer. Der lebte seit vier Jahren in Deutschland, arbeitete als Koch in Hanau-Kesselstadt und hatte sich beim Fleischklopfen die Hand verletzt. Nicht, dass der mir nicht leid getan hätte – aber aufgetreten sind wir nicht.

Vor 14 Jahren hat man mit einer CD noch gutes Geld verdienen können. Heute sieht das, durch eingebrochene Verkaufszahlen und schlecht zahlende Streaming-Dienste, anders aus. Das fließt auch in Ihre persönliche Finanzplanung ein, oder?

NACHTSHEIM Man muss natürlich seine Familie ernähren, aber wir haben das Glück, dass CD-Verkäufe eher ein Bonus für uns waren. Die Haupteinnahmequelle sind unsere Auftritte, die wir ohnehin am liebsten machen. Die sind für mich allerdings anstrengender geworden, weil ich in den letzten Jahren elf Augen-OPs hatte und sehr lichtempfindlich bin. Aber ich bin gerne auf Reisen und auch gerne mit Gerd unterwegs, wir sind ja wirklich Freunde.

Auch nach so langer Zusammenarbeit, bei der man doch ziemlich aufeinander hockt?

NACHTSHEIM Ja, wir staunen selbst. Als wir jetzt nach so langer Zeit zusammen nach Portugal gefahren sind, um das Album zu schreiben, waren wir sehr aufgeregt – wie ein altes Ehepaar, dass seit 14 Jahren nicht mehr zusammen im Urlaub war und nicht weiß, wie das ausgeht. Aber ab dem zweiten Tag war es wie immer: morgens Frühstück, zusammen schreiben bis zum Abend, neun Tage lang, ein wunderbares Arbeiten.

Album und DVD erscheinen auf dem neuen, eigenen Label Frau Batz Records. Was ist der Vorteil für Sie?

NACHTSHEIM Wir können alles selbst entscheiden. Wir haben uns zuletzt über Sony, wo  wir lange unter Vertrag waren, sehr geärgert: Nach 1,5 Millionen verkauften CDs kann man erwarten, freundlich behandelt zu werden – es ging um unsere Internet-Serie „AssoTV“. Die Produktion war mit Sony abgesprochen, die wollten uns trotzdem das wenige Geld streichen, das das gekostet hätte. Da ging es einfach nicht mehr. Vielleicht lässt man sich als naiver 18-Jähriger  von einem Plattenfirmen-Yuppie leimen, aber nicht mehr in unserem Alter. Ich habe Gerd die Idee eines eigenen Labels vorgeschlagen. Er schaute mich an und sagte. „So machen wir‘s – und jetzt gehen wir essen.“ Das Ganze hat keine Minute gedauert, wir sind einfach gegangen.

Gehen Sie auch wieder auf Tournee?

NACHTSHEIM  Ab Herbst 2019 gehen wir mit neuem Programm auf Tournee und kommen natürlich auch nach Saarbrücken. 2017 haben wir in der Congresshalle gespielt, es war extrem heiß, wegen eines Staus waren wir spät dran, aber es war ein wunderbar warmherziger Abend. Die Congresshalle mag etwas in die Jahre gekommen sein, im Garderobenbereich ist sie schon ein alter Kasten. Aber an so einem Abend ist das egal.

Das Gespräch führte Tobias Keßler.

"Mailbox-Terror" von Badesalz. Foto: Frau Batz Records
"Mailbox-Terror" von Badesalz. Foto: Frau Batz Records FOTO: Frau Batz Records