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Literatur
Wenn der Weihnachtsmann einen Joint zuviel raucht

Saarbrücken. Der Band „Winterschwimmer“ versammelt Alexander Osangs exzellente Weihnachtsgeschichten.

Seit mehr als 20 Jahren schreibt Alexander Osang jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte für die „Berliner Zeitung“. Für manchen Hauptstädter eine liebgewonnene Weihnachtsroutine. Der Band „Winterschwimmer“ versammelt 14 dieser Erzählungen. Immer geht es um Menschen, die  in Routinen gefangen sind und an sich und den Verhältnissen scheitern. Alle Geschichten spielen im neuen Berlin, da, wo die Ansprüche am höchsten und die Abgründe am tiefsten sind. Die Pro­tagonisten sind nicht mehr jung. Ihre besten Jahre haben sie hinter sich. Hinter der hippen Großstadtfassade offenbart sich oft eine trostlose Leere. Es sind Weihnachtsgeschichten der anderen Art, ohne Kitsch, Glitter und Glockenklang.



Da wird das „Weihnachtsbaumschlagen für Geschäftskunden der Berliner Volksbank“ im Wandlitzer Forst, zu dem die Familienväter mit schwarzen Limousinen und SUVs fahren, zum prestigeträchtigen Wettlauf um den größten Baum, bei dem die Kinder mit Frostbeulen auf der Strecke bleiben („Weißenseer Wölfe“). Oder es stellt sich heraus, dass der in Thailand verstorbene Vater nicht alleine im Unfallauto saß, sondern eine „einheimische Begleiterin“ bei sich hatte. Martin Barnow, der seinen Vater an Heiligabend überführen muss, fragt sich, ob er der Schwester davon erzählen soll, als die ihm mitteilt, sie habe die Worte für den Grabstein schon in Auftrag gegeben: „Er konnte ohne seine liebe Frau nicht sein/ Er folgte ihr nach nur drei Jahren.“

Melancholie und Humor verbinden sich in diesen exzellenten Erzählungen auf subtile Art. Sie offenbaren das Können Osangs, der als Reporter für die „Berliner Zeitung“ und den „Spiegel“ 1993, 1999 und 2001 den Egon-Erwin-Kisch-Preis erhielt. Auf engstem Raum schafft er Atmosphäre und gibt dem Lebensgefühl einer Generation Ausdruck. Aus so manchem Text ließe sich ein wunderbarer Spielfilm machen.

So auch aus „Unsichtbar“, der einzigen neuen Geschichte für diesen Band. In ihr kehrt ein erfolgreicher BMW-Manager am Heiligen Abend zurück zu seiner Familie und steht der Exfrau und den Exschwiegereltern gegenüber. Der Sohn hat ihn überredet, den Weihnachtsmann zu spielen. In der Verkleidung von keinem erkannt, muss er feststellen, dass er seinen „Geliebten“ gleichgültig ist. In einem Satz handeln sie sein Leben ab.  Damit käme er vielleicht ja noch klar, wenn der Sohn ihm nicht zuvor einen Joint angeboten hätte, der den wortgewaltigen Weihnachtsmann völlig aus dem Konzept bringt.

Alexander Osang: Winterschwimmer. Aufbau, 240 Seiten, 20 €.