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Boltanskis Völklinger Installation „Erinnerungen“
Der Aufmarsch stolzer Hütten-Kameraden

Saarbrücken. Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Der Künstler Christian Boltanski ehrt die Völklinger Hüttenarbeiter. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Nicht nur Tote verschwinden. Vielleicht weiß man das erst jetzt, durch diese Installation: Die alte Völklinger Hütte ist per se ein Gedenkort. Tausende Arbeiter sind gegangen. Jeder nahm einzeln Abschied, doch die Geschichtsschreibung kennt nur die anonyme Masse, das Individuum sackt ab im kollektiven Erinnern. Vergeblichkeit liegt wie eine Patina über der Installation „Erinnerungen. Souvenirs. Mémoires“ in der Erzhalle des Eisenwerks.


Es ist ein Aufmarsch von 91 Spinden, arrangiert vom vielleicht bedeutendsten französischen Gegenwarts- und Konzeptkünstler Christian Boltanski (74). Das Weltkulturerbe gewann ihn für ein NS-Zwangsarbeiter-Mahnmal (die SZ berichtete), das dieser Tage eingeweiht wurde. Jedoch sah Bol­tanski bei seinen vorbereitenden Besuchen mehr, sah „ägyptische Sarkophage“ des Alltagslebens, die Werkzeug- und Kleiderschränke der Arbeiter, standardisiert durch ihre Funktion und Masse, zugleich individualisiert durch ihr Innenleben, das nur einem Einzigen gehörte. Das passt nahezu idealtypisch zu Christian Boltanskis Werk, das intime Hinterlassenschaften Einzelner zu universalen Mosaiken legt über Sterblichkeit, Schicksal, Endlichkeit.

Der Künstler riss die Spinde heraus aus ihrem dienenden Dasein als Erklär-Objekte für Touristen. Jetzt sind sie Kunst – nach dem Duchamps-Muster der „Objets trouvés“. Boltanski hat sie vermeintlich willkürlich kreuz und quer in die 800 Meter große Halle gestellt, mit engen Zwischenwegen: verratzte und verrumpelte, aber stolze Kameraden aus Blech oder Holz, in grau verwaschener Farbigkeit. Abnutzungserscheinungen verweisen auf den Faktor Zeit. Der eine steht da schlank und hochgewachsen, der andere breit und gedrungen, Kraftmeier und Aufschneider sind darunter. Man kommt um diese banale Vermenschlichung nicht umhin, und man ist fast erschrocken, wie einfach es sich Boltanski doch macht mit diesem wertfreien, unspektakulären Nebeneinanderstellen. Und dann lässt er die Arbeiter auch noch aus dem Inneren der Schränke heraus über ihre Erfahrungen sprechen. Zeitzeugen-Aussagen, wie wir sie aus dem Unesco-Besucherzentrum im Weltkulturerbe kennen, nichts aufregend Neues also.



Auch ist die Beleuchtung weniger magisch und suggestiv wie in der Sinterhalle, über der „Zwangsarbeiter“-Installation. Und der Chor der Hüttenarbeiter in der Erzhalle fällt bei weitem nicht so kunstvoll aus wie das Flüstern, das sich über Boltanskis „Zwangsarbeiter“-Installation legt. Trotzdem lösen manche Formulierungen, die man von Ferne hört, den Drang aus, sich sofort zum Spind zu begeben, der sie in den Raum spuckte. „Dieser Platz war heilig“? Man drückt sein Ohr dichter ran.

Für Boltanski ist es nicht die erste Beschäftigung mit Industriekultur, er schuf bereits eine Erinnnerung an die Belegschaft einer aufgelassenen Fabrik in Nordengland. Beide Male – dort wie hier in Völklingen – ging es ihm darum, den Arbeitern Wertschätzung zu zeigen.

Anders als die Installation „Die Zwangsarbeiter“ wird die Installation „Erinnerungen“ nur temporär gezeigt – und zwar bis zum 31. August 2019 in der Erzhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.
Weltkulturerbe-Besucherservice unter Telefon: (0 68 98) 9 100 100