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Sendeanlage „Europe 1“ bei Überherrn
Eine gläserne Jakobsmuschel als saarländischer Schatz

Die 1954 erbaute „Europe 1“-Sendehalle: Die verglaste Spannbetonhalle mit Hängedach gleicht im Grundriss einer Jakobsmuschel mit nur einer Symmetrieachse.
Die 1954 erbaute „Europe 1“-Sendehalle: Die verglaste Spannbetonhalle mit Hängedach gleicht im Grundriss einer Jakobsmuschel mit nur einer Symmetrieachse. FOTO: Robby Lorenz
Überherrn. Die drei Leben der Sendeanlage von „Europe 1“ bei Überherrn: früher, heute und künftig. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

(Auto-)Wanderer, kommst Du nach Felsberg-Berus, dann suche in der weiten Landschaft nach der gläsernen Jakobsmuschel! Orientiere Dich an den beiden riesigen Sendemasten, dann wirst Du sie finden. Und damit einen der wundersamsten Schätze, die es im Saarland zu entdecken gibt. Nicht ganz: Die Schatztruhe wird, wer auf die Sendemasten zusteuert, zwar finden. Nur sie dann auch öffnen, das kann man leider nicht alleine. Die Fahrt endet schnöde an einem großen Schiebetor, hinter dem die gläserne Muschel in Sichtweite liegt.


Den Schlüssel dazu hat der Überherrner Bürgermeister Bernd Gillo (CDU). Seit Oktober 2016, als die Gemeinde Überherrn den Schatz in Besitz nahm, ist Gillo, wenn man so will, hier der Gralshüter. Und sperrt das Tor auf – dahinter liegt ein Stück saarländische Geschichte, das „es in sich hat“, wie Gillo zutreffend meint.

Nicht bloß, weil der 1954 in Felsberg bei Überherrn unweit der französischen Grenze in Betrieb genommene Langwellensender „Europe 1“ quasi ein „staatlich legalisiertes Piratenradio“ war und damit eine rundfunkgeschichtliche Besonderheit erster Güte – woran vor zwei Jahren die saarländischen Denkmalpfleger Axel Böcker und Ruprecht Schreiber in einem „Die Kathedrale der Wellen“ überschriebenen Beitrag im Fachmagazin „Die Denkmalpflege“ erinnerten. Die Sendeanlage ist heute, drei Jahre nach der Einstellung ihres Betriebs, zwar Geschichte. Aber, und damit sind wir mitten im Thema und auch im Inneren der gebauten Jakobsmuschel: Die vollständig erhaltene Sendehalle ist ein architektonisches Juwel und Schauplatz einer abenteuerlichen Zeitreise.



Die Idee, 1954 im Saarland ein französisches Privatradio zu etablieren, wäre ohne die komplexe französisch-saarländische Gemengelage jener Jahre nicht denkbar gewesen. Die Betreiber von Europe 1 wollten (nach dem Vorbild der Privatradios Radio Monte Carlo und Radio Luxemburg) das staatliche französische Rundfunkmonopol umgehen, während das Saarland damit anderes verband – die Option auf landeseigenes Fernsehen, finanziert durch ein auf Frankreich zielendes Privatradio. Aus dem landeseigenen TV-Sender wurde es auf dem Sauberg bekanntlich nichts, dafür aber in Saarbrücken dann mit „Tele-Saar“ (1953-58). Da sich die Saarrois, die ab 1948 eigenständigen Saarländer, zehn Monate nach Inbetriebnahme von „Europe 1“ dann allerdings im Oktober 1955 für die Rückgliederung an die Bundesrepublik entschieden, wechselten die politischen Vorzeichen: Aus der französischen wurde eine deutsche Zuständigkeit, woraufhin 1958 die Deutsche Post den von Tele-Saar (zur Ausstrahlung seines deutschsprachigen, jedoch nur von französischen TV-Geräten empfangbaren Programms) genutzten Sendemast auf dem Felsberg verplompte. Die Sendestation des französischen Privatradios von „Europe 1“ aber blieb noch weitere 57 Jahre in Betrieb.

Und heute? Stellt sich die Frage, was aus der alten Sendehalle werden soll? Bürgermeister Gillo sitzt drinnen am gut zehn Meter langen Konferenztisch (wie das übrige Mobiliar und das gesamte Technik-Equipment alles noch original 50er Jahre!) und sprudelt gleich drauf los: Man müsse die alte Sendestation für die Öffentlichkeit öffnen, sie touristisch vermarkten, hier Konzerte und Bälle veranstalten, ihr „eine europäische Funktion geben“ – sie etwa zum Sitz eines europäischen Jugendparlaments machen und, und, und. Kein Wunder, dass rund um Überherrn manche das Schmuckstück bereits in „Gillodrom“ umtauften – so viel Herzblut, wie Gillo hineinpumpt. 2015, erzählt er, habe die französische Betreibergesellschaft „das Ding plattmachen wollen“. Ein Glück, dass die Senderhalle längst unter Denkmalschutz stand. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr hängendes, von Stahlseilen getragenes Spannbetondach weltweit das erste seiner Art war, das in solch gewaltigen Dimensionen (86 mal 46 Meter) realisiert wurde – ein Stück Ingenieurskunst, das jedoch erst im zweiten Anlauf gelang und seinen Architekten Jean François Guédy in den Selbstmord trieb: Während der Errichtung brach das Dach (aufgrund eines Berechnungsfehlers des Statikers) ein, woraufhin der nach Guédys Ableben zu Rate gezogene Eugène Freysinnet, damals Frankreichs Generalinspekteur für Brücken, zusätzlich quer verlaufende Zugbänder anbringen ließ und den Bau 1955 vollendete. Bürgermeister Gillo schaut Richtung Decke und ist wieder in der jüngeren Vergangenheit: Als klar war, dass der „Restbuchwert“ der Sendeanlage nebst 23 Hektar Areal 1,8 Millionen Euro betrug, begann er 2015 mit den Franzosen zu verhandeln. Am Ende bekam die Gemeinde für 120 000 Euro den Zuschlag – ein Schnäppchen. Zumal das Land noch die Hälfte des Kaufpreises übernahm.

Inzwischen hat Gillo eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die nicht nur künftige Nutzungsmodelle durchspielen, sondern auch die Kosten der Sanierung (Statikprüfung, Brandschutz) beziffern soll. Ihre Ergebnisse sollen demnächst vorliegen. Gillo rechnet mit Kosten von fünf Millionen Euro, von denen der Bund, wie er hofft, 90 Prozent tragen wird. Bislang seien die Signale ermutigend. Und den Rest? Werde er mit der Gemeinde irgendwie schultern. „Ich bin nur noch 13 Monate im Amt, dann muss es in trockenen Tüchern sein.“ Nicht allein für Überherrn ist Gillos Beinemachen ein Glücksfall. Um Brandschutzfanatikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, will er demnächst „mit der Feuerwehr mal den Keller unter Rauch setzen“ – damit klar werde, dass hier brandschutztechnisch nichts anbrennt.

Wer die Senderhalle betritt und nicht völlig abgestumpft und immun gegen Raumwirkungen ist, erliegt unweigerlich ihrem gewaltigen Charme. Als wäre das hier eine Abflughalle im Niemandsland: Draußen Felder bis zum Horizont, während drinnen (zumal in den verwaisten Büros und Werkstätten, die sich in den hinteren Seitenflügeln auftun) eine ganze Zeit konserviert scheint. Das Chefbüro etwa wirkt wie eben erst verlassen, in den Wandschränken liegen noch alte Lagepläne, Kalender, Fachbücher zur Rundfunktechnik. In der riesigen Senderhalle, wo sich auch zu Betriebszeiten immer nur eine überschaubare Anzahl von Technikern zur Überwachung des von jeher in Paris produzierten Programmes aufhielt, erinnern lediglich gewaltige Technikschränke mit Schaltplantafeln daran, dass hier auf dem Sauberg einmal der reichweitengrößte Langwellensender der Welt stand. „Wo haben die Franzosen die größten Wellen gemacht?“, lässt Bürgermeister Bernd Gillo am großen Konferenztisch mal eine rhetorische Frage aufsteigen. Na, hier!

Der kühne Schwung der bis zu 16 Meter hohen, von einem umlaufenden Ringanker in eine Art „Schwitzkasten“ genommenen Betondecke, die einen leicht mal ins Schwärmen geraten lässt, wirft noch eine andere Frage auf: Wieso trieben die Franzosen 1954 für eine technische Sendeanlage solchen architektonischen Aufwand? Umso mehr, wenn man die keinen Kilometer entfernte heutige Sendeanlage sieht: Eine hässliche kleine „Schuhschachtel“ von vielleicht zehn mal fünf Meter Größe enthält dort alle Sendetechnik. Zum einen wollte man damals einen großen Auftritt. Zum anderen ließ sich Architekt Guédy von hier im Saargau häufiger zu findenden Kalkmuschel-Versteinerungen inspirieren – daher die spektakuläre Dachform.

Aber das ist es nicht allein, was die Magie dieses Ortes ausmacht. Sondern auch dessen Interieur: all die Mischpulte, Lautsprecher, Schaltkästen und Möbel sowie teils komplett erhaltene Zimmer und Werkstatträume, die die Anlage zu einem Alltagsmuseum der Arbeit machen. Kleiderspinde, Kamin-Attrappen, Schlüsselbretter, Küchengeräte, Schilder (mit Schriftzügen wie „Komplexer Komparator“ oder „Fernsehkeller“) und dazu im Keller gestapelte alte Scheinwerfer, Zeilenprojektoren oder Maschinenölfässer – ein Fest für Augenmenschen und unbedingt genau so erhaltenswert, wenn auch besuchertechnisch der Allgemeinheit kaum zugänglich zu machen.

Das dürfte sich mit der Sendehalle, Herzstück des Ensembles, sehr viel einfacher machen lassen. Zu hoffen ist, dass für dieses Juwel eine gute Nutzung gefunden wird und ihr bestehendes Technik-Inventar als Kulisse erhalten bleibt. Zumal auch noch die Landschaft drumherum fraglos zu den bezauberndsten der Region gehört, fehlt es mithin nicht an Gründen, einmal zu diesem Schatz hinzupilgern. Sein Gralshüter sitzt im Überherrner Rathaus.

Wer an einer Führung interessiert ist, kann im Rathaus Überherrn eine Termin­anfrage stellen. Tel: 06 83 6/ 909 0.

Das Chefbüro im hinteren Seitentrakt der Senderhalle: Alles wirkt so, als sei der Chef nur in Urlaub. Besucher gelangen normalerweise nicht hierhin.
Das Chefbüro im hinteren Seitentrakt der Senderhalle: Alles wirkt so, als sei der Chef nur in Urlaub. Besucher gelangen normalerweise nicht hierhin. FOTO: Robby Lorenz
Stühle, für das Foto vor eine der Trafokästen-Batterien im Inneren der Sendehalle postiert: Das Interieur verströmt noch den originalen Charme der 50er.
Stühle, für das Foto vor eine der Trafokästen-Batterien im Inneren der Sendehalle postiert: Das Interieur verströmt noch den originalen Charme der 50er. FOTO: Robby Lorenz
Blick in den rückwärtigen Küchentrakt der Sendehalle mit pastellfarbenen Einbauschränken, in deren Innerem sich noch Geschirr und Besteck befinden.
Blick in den rückwärtigen Küchentrakt der Sendehalle mit pastellfarbenen Einbauschränken, in deren Innerem sich noch Geschirr und Besteck befinden. FOTO: Robby Lorenz
Eine Zigarrenkiste Marke „Exquisitos“ im Chefbüro: Zahllose Überbleibsel wie dieses erinnern noch an die Zeit des Sendebetriebs.
Eine Zigarrenkiste Marke „Exquisitos“ im Chefbüro: Zahllose Überbleibsel wie dieses erinnern noch an die Zeit des Sendebetriebs. FOTO: Robby Lorenz
Der Sendemast in Beru: Von hier wurde auf Langwelle bis Nordafrika gesendet.
Der Sendemast in Beru: Von hier wurde auf Langwelle bis Nordafrika gesendet. FOTO: Robby Lorenz
Das 1954/55 von den damaligen Bediensteten noch selbst verlegte Mosaikfußbodenrelief in der Sendehalle.
Das 1954/55 von den damaligen Bediensteten noch selbst verlegte Mosaikfußbodenrelief in der Sendehalle. FOTO: Robby Lorenz