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Die Halbwertzeit von Streetart in Deutschland
Warum Kunst auftaucht und Kunst wieder verschwindet

Ein nach dem Abriss eines Bankgebäudes in Berlin nun wieder sichtbares Wandgemälde von Eduardo Paolozzi aus dem Jahr 1977.
Ein nach dem Abriss eines Bankgebäudes in Berlin nun wieder sichtbares Wandgemälde von Eduardo Paolozzi aus dem Jahr 1977. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Jahrelang war ein Pop-Art-Gemälde hinter einer Berliner Bank verborgen – bis der Abriss kam. Der Bauboom in der Hauptstadt hat Folgen, auch für die Streetart.

(dpa) Es war bitterkalt, es gab Korn und Erbsensuppe, die Gäste waren illuster. Künstler wie Edward Kienholz und Christo kamen, als 1977 an der Berliner Kurfürstenstraße ein riesiges Wandgemälde von Eduardo Paolozzi eingeweiht wurde. Der Pop-Art-Pionier hatte für die 990 Quadratmeter große Fläche eine Schwarz-Weiß-Malerei mit Maschinenteilen entworfen. Später verschwand das Bild hinter einem Bankgebäude. Nach dessen Abriss ist es kürzlich in Teilen wieder aufgetaucht. Man kann das Bild von den Dächern nahe des Zoos sehen.


In Berlin wird wie in vielen deutschen Städten gerade viel gebaut. Das verändert auch die Kunst auf den Fassaden. Neue Bilder kommen, so wie vor ein paar Jahren das kilometerlange „Friedrichsfelder Triptychon“ auf Hochhäusern im Osten. Anderes verschwindet. So wie das älteste Berliner Fassadengemälde, der „Weltbaum“ von Ben Wagin am S-Bahnhof Tiergarten. Der riesige, verblichene Baum mit den kahlen Ästen aus dem Jahr 1975 ist ein Kind seiner Zeit, als die Umweltzerstörung ein Thema wurde. Heute steht dort ein Bauzaun. Ein Plakat verspricht: „Work-Life-Balance. Arbeiten im grünen Herzen Berlins“.

 Fassadenkunst & Graffiti, das ist kein Berliner Phänomen. In Köln kennt man etwa das „Tödlein“, das Harald Naegeli, der „Sprayer von Zürich“, auf die romanische Cäcilienkirche gesprüht hat. In Frankfurt-Niederrad gibt es ein eindrucksvolles Bild gegen Rassismus: Es zeigt auf einer ganzen Hauswand das Gesicht des früheren Eintracht-Stars Anthony Yeboah. München hat wie Berlin ein eigenes Museum für diese Kunstform, Urban Art und Street Art – das MUCA. Museumsgründerin Stephanie Utz kennt die Folgen der Gentrifizierung, wenn Viertel schick und teuer werden. Aber mittlerweile habe sich die Zwischennutzung von Flächen etabliert, das Nachdenken, bevor die Abrissbirne kommt. „Man versucht, das intelligenter zu lösen“, sagt Utz. Kunst werde zudem genutzt, um Viertel aufzuwerten.

In Berlin sind die vielen fensterlosen Brandmauern ein Phänomen. Früher tobten sich vom Senat beauftragte Künstler oder Hausbesetzer darauf aus. Heute sind es Street-Art-Künstler aus aller Welt. Kenner der Szene ist der Rentner Norbert Martins, der in 43 Jahren rund 800 Giebelbilder fotografiert hat – und das sind nur die Auftragswerke, bei denen der Urheber bekannt ist. Ein Drittel sei weg, schätzt Martins. Der 71-Jährige hat Bücher zum Thema veröffentlicht und macht Führungen. Viele Künstler wüssten, dass die Lebenszeit ihrer Werke bei 10 bis 15 Jahren liege, so Martins. Der Bauboom mache den Künstlern nichts. „Es kommen immer wieder neue Bilder.“ Plattenbauviertel würden durch Streetart aufgewertet. Sein Lieblingsbild liegt in einem Kreuzberger Hinterhof, eine Illusionsmalerei von Gert Neuhaus, die eine täuschend echte Hausfassade zeigt.

Wagins „Weltbaum“ wird nicht mehr zu sehen sein, aber soll als Kunstwerk nicht in der Versenkung verschwinden. Das Immobilienunternehmen hat dem Künstler Ausgleichsflächen angeboten. So soll der Baum auf dem Boden im Foyer des neuen Bürogebäudes zu sehen sein. Auch eine Gedenkstele ist geplant. Und der wiederaufgetauchte Paolozzi? Die Berlinische Galerie, die gerade eine Paolozzi-Retrospektive zeigt, wusste vom Abriss. „Dass sich so viel vom Wandbild noch erhalten hat und gerade jetzt wieder zu sehen ist, war ein glücklicher Zufall“, sagt Museumskuratorin Stefanie Heckmann. Natürlich wäre es schön, ließe sich das Wandbild erhalten, so Heckmann. „Aber der Baugrund in dieser Gegend ist so teuer. Damit ist wohl kaum zu rechnen.“