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Neu am Staatstheater
Vom Büro auf die Bühne

Der koreanische Sänger Sung Min Song ist am Samstag in „Guillaume Tell“ zu erleben.
Der koreanische Sänger Sung Min Song ist am Samstag in „Guillaume Tell“ zu erleben. FOTO: Martin Kaufhold
Saarbrücken. Der koreanische Tenor Sung Min Song ist seit dieser Spielzeit im Ensemble des Staatstheaters. Von Leslie Dennert

In Südkorea, da war alles anders. Da saß er im Großraumbüro und arbeitete als Ingenieur für Computertechnik. Mal acht Stunden am Tag, mal zehn. Oder zwölf, je nachdem, wie lange der Chef blieb. „Das hat mir schon Spaß gemacht“, beteuert Sung Min Song. „Ich habe auch viel verdient.“ Heute sieht sein Alltag anders aus. Der junge Tenor aus Seoul tauschte das Großraumbüro gegen die Opernbühne. Seit Beginn dieser Spielzeit ist Song festes Ensemble-Mitglied des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken. In Rossinis Oper „Guillaume Tell“ gab er im September als „Arnold Melcthal“ sein Debüt und begeisterte Presse wie Publikum. Aktuell singt er auch den „Tamino“ in Mozarts Zauberflöte.


Dass es zu dem Wechsel kam, verdankt er unter anderem seinem Kirchenchorlehrer. „Du musst singen!“, habe dieser immer wieder gesagt. Schließlich gab der studierte Ingenieur nach, hängte seinen Job an den Nagel und begann mit 26 Jahren ein Gesangsstudium in Korea. „Ich konnte bis dahin gar keine Noten lesen und hatte es doppelt schwer, einer Partitur zu folgen“, erzählt Song. Nach zwei Jahren Soldatendienst in Korea – der schlimmsten Zeit seines Lebens, wie er sagt – zog er nach Deutschland. Seine Aufnahmeprüfung zum weiteren Gesangsstudium bestand er auf Anhieb, und gleichzeitig bekam er eine Stelle im Opernchor an der Bayerischen Staatsoper in München. „Ich habe einfach Glück gehabt!“

In Saarbrücken fühlt Song sich wohl. „Ich bekomme großartige Rollen hier – ich weiß nicht, ob ich an einem anderen Haus so gute Partien singen könnte.“ Der junge Koreaner strahlt. „Ich habe sogar schon Fanpost bekommen – auf Facebook“. Dass er gleich auf den „Melcthal“ angesetzt wurde, war für ihn eine besondere Herausforderung. „Die Oper ist lang, eine richtige ,Grand opéra‘, und die Partie extrem schwierig. Man muss sehr oft das hohe ,C‘ oder das hohe ,B‘ singen. Das ist nicht gut für die Stimme. Es gibt derzeit meines Wissens nur sechs Tenöre, die diese Rolle singen. Wenn ich krank bin, muss die Oper ausfallen. Pavarotti hatte sie einmal gesungen. ,Nie wieder!‘ soll er danach gesagt haben.“ Song lacht. „Es gibt mit Sicherheit viele Tenöre, die die Rolle singen könnten, doch sie wollen es nicht. Es macht die Stimme kaputt.“ Es gibt auch nicht viele Bühnen, die diese Oper aufführen. Das Stück ist aufwändig, die Besetzung groß: viele Solisten, großer Chor, Ballett – das macht die Produktion teuer, so dass sich meistens nur große Häuser den Luxus leisten, etwa die Metropolitan Opera in New York im vergangenen Jahr oder Covent Garden davor. Derzeit läuft die Oper auch in Kiel.



Noch eine Vorstellung am 2. Dezember, dann kann Song sich neuen Aufgaben widmen. Er gastiert beispielsweise bei den Rheingau Musikfestspielen oder Operngalas. Gerade sang er mit dem Bariton Ludovic Tézier in Nancy. „Tézier gehört für mich aktuell zu den besten Bariton-Stimmen überhaupt“, schwärmt der junge Sänger. Gegen Ende der Spielzeit steht  Mozarts „Cosi fan tutte“ an, was auch seine Hürden mit sich bringt. „Da muss alles sehr kontrolliert sein.“

Was Sung Min Song hier vermisst, sind seine Eltern in der Heimat, Freunde in München und den Englischen Garten. „Ich habe es geliebt, mit meiner Frau ein Picknick dort zu machen – herrlich!“ Auch auf sie muss er noch verzichten, denn sie lebt derzeit in Korea. Aber der Umzug ist, wenn alles gut geht, für das kommende Frühjahr geplant – mit Baby. Da bleibt nur zu wünschen: Toi toi toi!

Am Samstag wird „Guillaume Tell“ zum letzten Mal im Staatstheater gespielt. Karten gibt es unter:
Tel (06 81) 30 92 486.