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Über zwei Jahrzehnte Hintergrundarbeit

Doch, war eine schöne Zeit hier: Holger Schröder in der Kantine des Saarländischen Staatstheaters. Foto: Oliver Dietze
Doch, war eine schöne Zeit hier: Holger Schröder in der Kantine des Saarländischen Staatstheaters. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Seit 1996 ist Holger Schröder Dramaturg am Saarbrücker Theater. Jetzt zieht er mit Intendantin Dagmar Schlingmann weiter nach Braunschweig. Christoph Schreiner

Erst zehn Jahre unter Kurt-Josef Schildknecht, danach elf unter Dagmar Schlingmann: Mit dem Schauspieldramaturgen Holger Schröder verlässt zum Ende der Spielzeit jetzt ein SST-Fossil Saarbrücken. Keiner aus dem künstlerischen Team war länger hier als er. Nun aber folgt Schröder zusammen mit seiner Frau, SST-Pressereferentin Ellen Brüwer, Intendantin Schlingmann nach Braunschweig. Für ihn ist es fast eine Heimkehr. In ein Stück Welt mit hohem Himmel, viel Weite und schönen Dörfern: Schröder stammt aus Hannover. Und landete nach dem Germanistik-Studium in Erlangen und Theaterstationen in Detmold und Marburg 1996 am SST. "Unser Sohn saß mit in einer Umzugskiste, er war drei Monate alt. Jetzt ist er 21", sagt der Vater und kann selbst nicht fassen, wieviel Zeit vergangen ist. 34 war er selbst, als er damals bei Schildknecht vorsprach. Ein bisschen sei es so gewesen, als säße er da im Intendantenbüro "einem großen Banker gegenüber".


Als 20 Jahre später dann Schlingmann und ihr Lebensgefährte Christoph Diem, mit dem Schröder "wahnsinnig gern und eng zusammengearbeitet" hat, Brüwer und ihm offerierten, nach Braunschweig mitzugehen, "war schnell klar, dass wir das machen". Nicht, weil sie hier weg wollten. Sondern weil er (und seine Frau, die persönliche Referentin der Intendantin wird) weiter mit Schlingmann und Diem Theater machen will. Dafür nahm er in Kauf, hier seinen Unkündbarkeitsstatus aufzugeben, den man nach 15 Jahren an einer Bühne erhält.

Die Jahre mit "Herrn Schildknecht" seien bereichernd, der damalige Intendant in all seiner soignierten Korrektheit durchaus zugänglich gewesen. Schildknecht habe das Saarbrücker Theater künstlerisch sichtlich hochgebracht. Und Schlingmann? "Dagmar hat das Theater dann nochmal ganz anders verankert", zieht Schröder seine eigene Bilanz. Und meint damit, dass die Jugendarbeit massiv ausgebaut, noch mehr studentisches Publikum gewonnen wurde, gewagtere Theaterformen Einzug gehalten hätten. Und maßgeblich auch nicht-dramatische Stoffe, die in der Ära Schlingmann in der Sparte 4 und der Alten Feuerwache auf die Bühne gebracht wurden. Ob Jules Vernes "20 000 Meilen unter dem Meer", Graham Greenes "Die Stunde der Komödianten", Daphne Du Mauriers "Wenn die Gondeln Trauer tragen" oder "Ein schlichtes Herz". Die Dramatisierung von Flauberts Erzählung sei ein "Schlüsselerlebnis" gewesen, erzählt Schröder, weil Christoph Diems Inszenierung mustergültig vorführte, "wie man über kleine, leise Geschichten eine wahnsinnige Fallhöhe aufbauen kann".



So nachdenklich, wie Schröder an diesem Nachmittag in der Theaterkantine hockt und im Kopf nochmal ein paar glitzernde Mosaiksteine seiner letzten 21 SST-Jahre zusammensetzt, spürt man: Ein halbes Theaterleben lässt man nicht mal so eben zurück. Andererseits ist es nur ein halber Abschied: Viele gehen ja mit nach Braunschweig, darunter mehr als die Hälfte der Schauspieler.

Was für ihn richtungsweisende Inszenierungen in Saarbrücken waren? Die Frage hatte er erwartet. Hakon Hirzenbergers "Die Riesen vom Berge", Gerhard Webers "Troilus & Cressida", Schildknechts "Medea", Hasko Webers "Nibelungen", Schlingmanns "Faust", Daniela Kranz' "Horace", Michael Talkes "Elefantenmensch" oder Christoph Diems "Wenn die Gondeln Trauer tragen" nennt er und fürchtet, "jetzt bestimmt welche zu vergessen". Bei einigen dieser Regiearbeiten hat Schröder als Dramaturg mitgewirkt. Ist aber immer, wie sein Theaterpart es mit sich bringt, im Hintergrund geblieben. In einer "merkwürdigen Zwitterposition". Ohne selbst Regisseur oder Ausstatter zu sein, sei man als Dramaturg doch in alles involviert.

Schröder war an der Spielplangestaltung beteiligt; kniete sich hinein ins Sichten von Theatertexten und in die Dramatisierung literarischer Texte für die Bühne; entschied mit bei der Auswahl von Regisseuren. Bei Matineen und Stück-Einführungen fungierte er als künstlerischer Vermittler gegenüber dem Publikum, organisierte Projekte wie "Total Théâtre" oder das "Primeurs"-Festival frankophoner Dramatik mit. "Ein Privatleben ist schwer zu vereinbaren mit der Theaterarbeit", sagt er im Rückblick, die Arme vorm Bauch verschränkend. Trotzdem ist das Theater seine Welt. Manchmal stand er, der schon in Detmold "Dramaturg mit Spielverpflichtung" war, auch selbst auf der Bühne. Oder packte bei Abenden in der Sparte 4-Reihe "Direktmusik" die Geige aus.

Dieser Tage erst hat Holger Schröder bei der 100. Ausgabe wieder von der Theke aus zusammen mit Christoph Diem frotzelnd durch den Abend geführt, die dargebotenen Stücke angesagt und wohl auch Ironiepflege betrieben. Ironie, sagt Schröder, werde für ihn "in dieser immer ironiefreieren Zeit immer wichtiger". Recht hat er. Weil Ironie auf hintersinnige Weise Witz und Subversivität verknüpft. Bei Schröder jedoch nicht auf Kosten Dritter. Er sei "ein eher leiserer, grüblerischer Typ", meint er selbst. Wenn er hier nun bald zusammenpackt, wird das jüngste Kind, die 15-jährige Tochter, jedenfalls nicht mehr wie damals ihr Bruder in die Umzugskiste passen.