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„Tust du immer noch, als würdest du existieren?“

Saarbrücken. Eine Annäherung an den Ausnahmepianisten Grigory Sokolov, der Mitte Juni bei den Musikfestspielen Saar gastiert. Joachim Wollschläger

Wer ist Grigory Sokolov? Wer ist dieser Ausnahmepianist, der keine Interviews gibt, der seit Jahren keine Studioaufnahmen mehr macht und auch nicht mehr zusammen mit Orchestern auftritt? Angeblich, weil ihm die Probezeiten zu kurz sind. Die deutsche Grammophon geht dieser Frage mit einer hörens- und sehenswerten CD/DVD-Kombi auf den Grund.


Weil Sokolov sich beständig weigert, über sich und sein Leben zu reden, hat Regisseurin Nadia Zhdanova Weggefährten des russischen Pianisten interviewt - die Tochter seiner ersten Klavierlehrerin, Studienfreunde, Musiker. Es entsteht ein dichtes Porträt dieses Ausnahmekünstlers. Das etwa beschreibt, wie der kleine Grigory sich erst spielerisch unter dem Klavier versteckt, um dann an der Tastatur - wie ausgewechselt und spontan erwachsen geworden - in der Musik zu versinken. Das Porträt zeigt den 16-Jährigen, der 1966 auf Intervention des Wettbewerbsleiters Emil Gilels (selbst ein großer Pianist), als jüngster Preisträger unter Protest des Publikums den Tschaikowski-Wettbewerb gewann. Es zeigt seinen Werdegang hin zum gereiften, fast schon vergeistigten Pianisten, der penibel jede kleine Nuance der Werke herausarbeitet und dem nachgesagt wird, dass er noch im letzten Moment vor Konzerten die Stimmung der Klaviere korrigieren lässt. "A conversation that never was", ist der Film überschrieben - ein Gespräch, das nie stattgefunden hat. Sokolov ist tatsächlich immer nur Objekt, und doch gelingt es Zhdanova, in der einstündigen Doku viel von der Person einzufangen.

"Tust du immer noch, als würdest existieren?", wird sein Freund, der Pianist Sergej Malzew in der Dokumentation zitiert. Fast unwirklich sei dieser Ausnahmepianist, sagt er. Dieses Zitat klingt nach, wenn man die beiden auf der beiliegenden CD eingespielten Aufnahmen nach der Dokumentation hört. Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur, 2005 aufgenommen mit dem Mahler-Kammerorchester unter Trevor Pinnock. Selten hört man Mozart so intensiv wie hier. Leicht, spielerisch im Allegro des ersten und dritten Satzes. tiefgefühlt im Adagio des zweiten Aktes. Während eben noch die mozartschen Figuren leicht vor überperlten, bekommt im Adagio jeder einzelne Ton fast pastorale Bedeutung, um im Allegro assai wieder in Lebenslust überzugehen. Sokolov gelingt es, Mozart teilweise wie nebenbei zu spielen, ohne auch nur im Mindesten nachlässig zu werden.



In der Choreographie der CD allerdings erscheint Mozart eher wie ein Vorspiel zum pianistischen Meisterstück: Welch ein Kontrast, wenn die ersten Takte von Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 d-moll erklingen, dem Werk, das Sokolov auch bei seinem Abschluss an der Musikoberschule gespielt hat. Bei ihm wird das romantische Werk zu einem Kampf, Sturm der Gefühle. Das Werk, technisch jedem Pianisten Höchstleistungen abfordernd (der "Guardian" nannte es den K2 der Klavierliteratur), wird bei ihm zum Drama, dunkel, düster, dann wieder verspielt heiter. Vielleicht liegt es an der russischen Seele, aber es gibt wohl kaum einen Pianisten, der dieses Klavierkonzert in solcher Tiefe interpretiert hat wie Sokolov.

Grigory Sokolov: Mozart & Rachmaninoff (Deutsche Grammophon) plus DVD "A conversation that never was” Konzert am 20. Juni (20 Uhr) in der Saarbrücker Congresshalle.