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Neue Regionalliteratur
Traut nicht dem Klang eures Erinnerungsmotors

Sebastian Rouget (29).
Sebastian Rouget (29).
Saarbrücken. Eine neue Erzählerstimme: Der Saarbrücker Autor Sebastian Rouget debütiert mit einem bemerkenswerten Short-Stories-Band. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Zweimal hat Sebastian Andreas Rouget den Saarbrücker Hans-Bernhard-Schiff-Förderpreis bekommen (2014 und 2015), dennoch war er als Autor bislang kaum präsent. Jetzt lässt er sich besser wahrnehmen: Bei Conte ist ein Band mit bemerkenswerten Short Stories Rougets erschienen – darunter die prämierten Schiff-Preis-Texte „Jurij“ und „Der Schlag“ (nun unter dem Titel „City of Glass“).


Zwar suggerieren das Inhaltsverzeichnis und die Titel der Texte, dass sich die 13 Kurzgeschichten in vier formal oder inhaltlich verbundene Blöcke gruppieren lassen. Tatsächlich aber dürfte dies eher eine gezielte Irreführung sein – so leicht kommt man dem 1989 in Saarbrücken geborenen und dort heute auch wieder (nach einem in Trier absolvierten Psychologiestudium) lebenden Rouget also nicht auf die Schliche.

Nicht alle Geschichten des Bandes überzeugen, aber wann hat man das schon? Einige aber sind von einer Raffinesse und Ausgereiftheit, die für ein Debüt staunen lassen. Etwa Rougets Porträt eines abgehalfterten, ergrauten deutschen Protestsängers, der in einem alten Peugeot durch die Provinz tourt und dort in Mehrzweckhallen vor 70, 80 anspruchslos gewordenen Leuten mehr schlecht als recht sein Programm abspult. „Sein Publikum war mit ihm alt und älter geworden“, heißt es lapidar – und dann kurz darauf in einer Bilanz des erbarmungswürdigen Konzertabends: „Sie würden die Zugluft nicht vertragen. Er hatte nichts zu erzählen.“ Wie Rouget in „Das Gastspiel“ mitunter in zwei, drei Sätzen Situationen und Figuren einfängt, das beweist viel stilistisches Fingerspitzengefühl. Am Ende wird der alternde Rockmusiker die Nacht im Haus eines treuen Fans verbringen, dessen junge Geliebte den alten Säcken nur eine kaum verhohlene Verachtung entgegenbringt. „Du bist mir ja ein Rockstar. Immer höflich, frisch geduscht . . . “, gibt sie ihm am nächsten Morgen mit auf den Weg.



Nicht alle Erzählungen sind so geradlinig erzählt. In „Das Ende“ streut Rouget etwa Elemente eines Mystery-Plots ein und spielt die Geschichte eines Spukhauses durch, dessen Keller im Lauf der Jahrzehnte infolge zweier Hochwasser zur Sperrzone erklärt wird, um zuletzt abgerissen zu werden und einem Stausee Platz zu machen. Mal werden die Knochen des dereinst in den Wasserstrudeln verschwundenen Großvaters angespült, mal wird an den aufgedunsenen Leichnams eines Mädchens erinnert, der in einer Baumkrone gefunden wurde. Der Reiz des Textes gründet darin, dass nichts ausphantasiert, sondern nur mittels Andeutungen ins Mysteriöse gezogen wird. Wie Rouget überhaupt in den besten Short stories beständig Erzähl- und Zeitebenen gekonnt mischt.

Etwa in „Jurij“ – einem hinreißenden Prosastück, das um die existenzielle Frage kreist, was aus einem Leben überlebt und ob man „Erinnerungen erben“ kann und darin das Gewesene oder nur eine Version davon überlebt? Nach dem Tod seines Vaters bleibt Jura, Sohn und Ich-Erzähler, außer einem Karton mit Fotos des Vaters, der seit der Trennung der Eltern nurmehr als Besucher durch seine Kindheit huschte, einzig der eigene Bildspeicher. Und mit jeder Neuauflage immer weiter konfektionierte Anekdoten aus des Vaters Leben. So trügerisch wie jenes Foto, das die Eltern Anfang der 70er mit dem von ihnen in Chile ausfindig gemachten Dichter Pablo Neruda zeigen soll, in Wahrheit aber wohl nur einen Mechaniker – so trügerisch ist alle Erinnerung (und auch Literatur, wie Rouget uns nebenbei gleich mit auf den Weg gibt). Zuletzt weiß Jura immer weniger, wer Jurij je war? „Hat er allen etwas vorgespielt? Ein Spion? Ein Spion, der das Was vergessen hat und das Für wen, der nur das Wie bis zuletzt noch beherrschte?“

Das Grundmotiv, das Rougets Kurzgeschichten zusammenhält, ist das von Trennung, Verlust und Verschwinden. Immer wieder bewegen sich die Figuren auf unsicherem Grund: Schon in der Auftakterzählung „City of Glass“ bricht ein Paar im kanadischen Winter mit seinem Wagen im Eis eines Sees ein –  es ist nicht die einzige Textbühne, auf der plötzlich der Tod das Sagen hat. Während es in „Stars and Stripes“ ein paar Mädchenschuhe sind, die zum tödlichen Faustpfand in einem von  Imponiergehabe befeuerten Streit zwischen zwei Jugendgruppen werden, sind es in „Lena“ Fotos und Videos, die einmal mehr den Erinnerungsmotor anwerfen, der zuletzt einen Wagen zeigt, aus dessen zerquetschter Front ein Ast ragt.

Die innere Glaubwürdigkeit seiner Figuren treibt Rouget ersichtlich um und an. Oft geht das ganz gut auf – trifft er den Ton, so dass die Texte phasenweise wie bereinigte Transkriptionen mündlicher Rede wirken. Manchmal aber hakt es noch. Funktioniert sein mit literarischen Mitteln Filmisches (Kamerafahrten, Schwenks und Off-Stimmen!) imitierendes Monologisieren nicht. Doch zeigt dieses Debüt, dass ausgiebiges Feilen und Wegstreichen zuletzt wahre Kerne freilegen kann. Sofern man mit seinen Ideen haushaltet. Wie etwa in „Eis“, wo Rouget gleich mächtig heranzoomt („Was ist das? Eine Decke? Ein brauner Stoff mit weißen Punkten. Nein. Näher ran. Nein, ein Kopf liegt nach oben hin, in Richtung der Scheune.“) und dann in einen tarantinohaften Erzähl-Slang verfällt. „Sie müssen es sich vorstellen“ heißt es in der beschwörungsreichen Short Story „Stein“ immer wieder. Da können wir den Autor beruhigen: So plastisch, wie er es oft angeht, können wir’s.

Sebastian Andreas Rouget: Drei
Stufen im Trocknen.
Conte, 151 S., 16 €.