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Pop
Tradition oder Resterampe – wie geht es dem Britpop heute?

Berlin. Oasis, Blur, Gitarren, stadiontaugliche Melodien: Die 90er Jahre waren die große Zeit des Britpop. Er hält sich bis heute, mal besser, mal schlechter.

  Will man die neuen Alben von Miles Kane und The Coral einordnen, dann kommt man an einem leicht angestaubten Begriff kaum vorbei: Britpop. Passt ja auch zu gut – enthält der Sound dieser Gitarrenrocker aus der Region Liver­pool doch viele typische Zutaten des Stils, der die 90er Jahre prägte. Und sie sind damit nicht allein: Weitere verdiente Britpopper haben zuletzt wieder neue Platten abgeliefert oder stehen gerade in den Startlöchern.


Rückblende: Zum dritten Mal nach der Beatlemania der 60er und dem Punk-Beben der 70er war das Vereinigte Königreich – auch noch pünktlich zur Fußball-EM in England 1996 – Nabel der Musikwelt. Britpop war die melodieselige, oft stadiontaugliche Gegenbewegung zum düsteren US-Grungerock jener Jahre. Deshalb wurde seinerzeit fast jede einigermaßen präsentable Gitarren-Combo, die nicht schnell genug auf den Bäumen war, von trendgierigen Plattenfirmen angeheuert.

In der Auseinandersetzung der gegensätzlichen Mega-Bands Oasis und Blur kulminierte der Hype. Das Britpop-Gigantenduell wurde vor gut 20 Jahren nicht nur an den Verkaufstresen, sondern von vielen Fans auch verbal so hitzig ausgetragen wie einst „Beatles versus Rolling Stones“. Doch wieviel ist vom Britpop übrig geblieben? Oder anders herum: Ist traditionsverhaftete gitarrenbasierte Männermusik nicht eigentlich mausetot, wie viele Popkritiker längst meinen?



Die Gegenwart sieht gar nicht mal so übel aus. Viel Liebe zum englischen Sixties-Pop und Seventies-Rock, hübsche Melodien, gediegene Arrangements, jeweils ein knappes Dutzend kurze, knackige Songs: Ja, die Liverpooler Band The Coral und der gleichfalls aus der Merseyside-Region stammende Sänger Miles Kane passen auch 2018 noch ganz gut in die Britpop-Schublade. Bahnbrechend ist da nichts – aber das war auch kaum zu erwarten, nachdem Pioniere wie Radiohead und Blur nach ihren Britpop-Anfängen bereits vor zwei Jahrzehnten zu neuen Ufern aufgebrochen waren.

Fast so lange sind The Coral schon Teil der Szene. Ihr abwechslungsreicher Mix umfasste im Laufe der Jahre Blues- und Folkrock, Westcoast- und Psychedelia-Pop. „Move Through The Dawn“ enthält nun zusätzlich Anklänge an Klassiker wie Beatles, Love oder Electric Light Orchestra – kurzweilig ist das durchaus, nicht mehr und nicht weniger.

Miles Kane wildert auf seiner dritten Soloplatte „Coup De Grace“ dezent beim britischen Punk der späten 70er, mehr noch aber beim Glitter- und Glam-Pop von David Bowie oder Marc Bolan („Cry On My Guitar“). Das hat Charme und Schwung,  Innovation aber nicht. Der 32-jährige Kane hat nun allerdings genau das Album gemacht, das sein bester Kumpel Alex Turner als Frontmann der Arctic Monkeys den Fans kürzlich verweigerte: Deren „Tranquility Base Hotel & Casino“ ließ im Mai mit bombastischen Orchester-Sounds aufhorchen – ein ambitioniertes, vergleichsweise überraschendes, manche alte Verehrer aber auch irritierendes Großwerk.

2018 scheint ein recht ordentlicher Britpop-Jahrgang zu sein. Der frühere Supergrass-Sänger Gaz Coombes und die Smiths-Gitarrenlegende Johnny Marr haben gute Soloplatten vorgelegt. Blur-Musiker Damon Albarn spielt mit der Cartoon-Band Gorillaz und demnächst wieder mit seiner All-Star-Truppe The Good, The Bad & The Queen ohnehin in einer eigenen Liga. Angekündigt sind neue Platten von Suede, Spiritualized und The Kooks. Zu guter Letzt darf man noch gespannt sein, wie sich demnächst zwei wichtige Britpop-Impulsgeber mit ihren neuen Alben schlagen: Erste Hörproben von Paul Weller (60, früher The Jam und Style Council) und Beatles-Genie Paul McCartney (76) wecken Hoffnungen auf späte Meisterwerke.