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Tanzen und Turnen

Immer den Ball in der Luft halten: Fotograf Ivo Gonzalez hat hier das Lebensgefühl am Strand von Rio eingefangen. Foto: I. Gonzalez/Museum
Immer den Ball in der Luft halten: Fotograf Ivo Gonzalez hat hier das Lebensgefühl am Strand von Rio eingefangen. Foto: I. Gonzalez/Museum FOTO: I. Gonzalez/Museum
Lausanne. Farben, Formen und der unüberhörbare Sound der Megastadt an der Copacabana: Aus Anlass der 31. Olympischen Sommerspiele, die morgen offiziell eröffnet werden, wirft das Olympische Museum im schweizerischen Lausanne jetzt einen umfassenden Blick auf Kunst und Kultur in Rio de Janeiro. den n Heiko Klaas,Nicole Büsing

Im Olympischen Museum in Lausanne gehört es zur Tradition: Das jeweilige Gastland der Olympischen Spiele wird mit einer großen kunst- und kulturgeschichtlichen Ausstellung gewürdigt. Mit der abwechslungsreichen Schau "Destination Rio" widmet sich das Museum hoch über dem Genfer See jetzt der kulturellen Diversität Brasiliens, eines Landes also, das einerseits für übersprühende Lebensfreude, andererseits aber auch für explosive soziale Konflikte und signifikante Unterschiede zwischen Arm und Reich steht. Favelas und Villenviertel grenzen hier oftmals direkt aneinander. Ein schwieriges Thema also, das mit viel Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt werden muss, um eine klischeehafte Darstellung zu vermeiden. Mit Leonel Kaz als Kurator hat man dafür einen ausgesprochenen Experten gefunden. Kaz, Jahrgang 1950, lehrt das Fach Brasilianische Kultur an der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro. Außerdem hat er sich als Kolumnist und Herausgeber zahlreicher kulturgeschichtlicher Bücher einen Namen gemacht.


Kaz betrachtet die Kultur seines Landes keineswegs nur durch die rosarote Brille. Seine mit zahlreichen Videos, Fotoserien und teilweise aktiv benutzbaren Skulpturen und Installationen angereicherte Schau legt den Finger durchaus auch in die offenen Wunden der zweitgrößten Stadt Brasiliens. Dennoch überwiegt in der Schau das Bild einer brodelnden, energiegeladenen Metropole, deren Kulturproduzenten offenbar alle vom Rhythmus der unterschiedlichen Musikstile getrieben sind. Ob Samba, Bossa Nova, Funk oder klassische Musik von Villa-Lobos: Wer die Ausstellung durchschreitet, erlebt auch den vielfältigen Sound der Traumstadt an der Copacabana. Das Verbindende, so sagt Leonel Kaz, sei die Vielfalt, die zu einer einzigartigen Melange verschmelze: "Rio, das ist ein Amalgam zwischen Mensch und Natur, Meer und Gebirge."

Adriana Varejão, eine der bekanntesten Künstlerinnen des Landes, ist mit ihrem konzeptuell unterfütterten Projekt "Polvo" vertreten. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet die Tatsache, dass es im brasilianischen Portugiesisch 106 verschiedene Begriffe gibt, um die Hautfarbe eines Menschen zu beschreiben. Varejão hat 33 nahezu identische Selbstporträts gemalt, deren einziger Unterschied darin besteht, dass ihre Hautfarbe von Mal zu Mal dunkler wird. Zwei dieser Bilder sind in Lausanne zu sehen.



Wesentlich spielerischer dann die Arbeiten von Felipe Barbosa. Er zerlegt bunte, handelsübliche Fußbälle in ihre sechseckigen Bestandteile. Dann setzt er diese zu großformatigen Ledermosaiken mit abstrakten, teils vegetabilen Motiven zusammen. Von Heleno Bernardi wiederum stammt eine Arbeit, die von den Besuchern aktiv benutzt werden kann. Seine Installation besteht aus mehreren Dutzend gestreiften Matratzen. Die Besucher sind eingeladen, sich auf den Matratzen niederzulassen, oder sie neu anzuordnen und der Arbeit so immer wieder eine andere Dynamik zu geben.

Maria Nepomuceno bedient sich für ihre komplexen Arbeiten in verführerisch bunter Farbigkeit traditioneller Seilmachertechniken. Es entstehen wuchernde, biomorphe Gebilde, die wie Dschungelpflanzen den Raum erobern. Nepomuceno hat wiederholt mit indigenen Stämmen zusammengearbeitet, um sich von deren uralten Knüpftechniken inspirieren zu lassen.

Den Schlussakkord der auch an Klangbeispielen reichen Ausstellung bildet das zehnminütige Vier-Kanal-Video "Música do Brasil" des Produzenten Belisario Franca, das 108 verschiedene Musikstile vereint. Entstanden ist es auf einer 80 000 Kilometer langen Reise durch das gesamte Land.

Destination Rio: Die abwechslungsreiche Ausstellung zeigt, dass der Mut zum Recyceln, die Fähigkeit also, aus dem oft genug bescheidenen Vorhandenen etwas verblüffend Neues entstehen zu lassen, eine der Hauptantriebskräfte dieser Metropole ist.

Bis 25. September 2016.

Di-So 9-18 Uhr.