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Saarbrücker Ophüls-Filmfestival
Szenen einer Ehe und Notizen aus der Provinz

Wie viel Vertrauen braucht eine Ehe, um noch als gut zu gelten? Barbara Auer im sehenswerten Wettbewerbsfilm „Vakuum“.
Wie viel Vertrauen braucht eine Ehe, um noch als gut zu gelten? Barbara Auer im sehenswerten Wettbewerbsfilm „Vakuum“. FOTO: Dschoint Vetschr
Saarbrücken. Ein Blick auf die ersten Produktionen im Spielfilmwettbewerb des Ophüls-Festivals, die nicht alle vollends überzeugen. Von Tobias Kessler

Sieben Filme starten heute im Spielfilmwettbewerb und schlagen einen weiten Bogen: von der episodischen Komödie zu Szenen einer Ehe, von Notizen aus der Provinz bis zum pubertären Kollaps. Der Film „Blue my mind“ war vorab nicht zu sehen, die Kritik folgt.


Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung: Der Mann hilft der Frau beim Färben der ungeliebten grauen Haare. Dann geht er ins Architektenbüro, sie werkelt im herbstlich diesigen Garten oder geht zum Tennis. In den mittleren Jahren sind Meredith und André, der 35. Hochzeitstag steht bevor; die Liebe ist noch da, wenn auch  von Jahrzehnten des Alltags etwas ausgebleicht. Doch Merediths HIV-Diagnose beendet den ruhigen Trott. Hat ihr Mann sie infiziert? Wenn ja – wo hat er sich angesteckt? „Vakuum“ von Christine Repond (heute: 15 Uhr, CS 1; Mi: 20 Uhr, FH; Fr: 17.30 Uhr, CS 8; Sa: 17.15 Uhr, CS 4; So: 13.30 Uhr, CS 5) erzählt von Vertrauensverlust und  Kompromiss. „Ich vermisse unser altes Leben“, sagt Meredith, nachdem sie ihren Mann aus dem Haus geworfen hat. Was wird sie tun, um dieses Leben  zurückzubekommen – oder zumindest die Illusion davon? Das Drehbuch  von Repond und Silvia Wolkan gibt den Figuren viele Schattierungen, Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler halten ihre Figuren von Klischees fern. Sie spielt eine Frau, die nahezu alles neu bewerten muss („Irgendwie hätte mein Leben ja auch anders verlaufen können“), er einen Mann, der einerseits zwar ein menschgewordenes Würstchen ist, seinen Ehebruch aber auch, unter anderem, aus Scham vor seiner Frau begangen hat. Ein souveräner, stimmiger Film voller Melancholie.

Ja, Kiffen kann tödlich sein. Dann nämlich, wenn ein Mitraucher einem aus Versehen die schwere Stereoanlage auf den Kopf fallen lässt. Ben ist also tot und muss entsorgt werden. Wie das vonstatten geht, davon erzählt Jan Frers (Regie, Buch, Produktion) in „Just Drifting Along“ (heute: 18.30 Uhr, CS 1; Mi: 12.45 Uhr, CS 5; Do: 19.30 Uhr, FH; Fr: 15.15 Uhr, CS 3; So: 13 Uhr, CS 2). In verzahnten Episoden (mit Titeln wie „Brokkoli“ oder „Erdbeereis ist aus“) lernen wir Menschen kennen, die nicht so richtig in die Pötte kommen: Das Start-Up-Miniunternehmen etwa will nicht florieren, und ehe man es sich versieht, fährt man nachts mit einer Leiche im Kofferraum durch die Hamburger Nacht oder diskutiert penibel über Tankstellen-Essen, als habe man gerade einen Tarantino-Film gesehen. Charmant und locker ist das Ganze, aber das Niveau der Dialoge und der Darsteller hat von Episode zu Episode deutliche Unterschiede, die den Film nicht driften, sondern manchmal ruckeln lassen.

„Ich wohn’ ja eigentlich in Berlin“, sagt die junge Toni. Doch Fuß gefasst hat sie da nie, und nun ist sie  wieder in der alten Heimat: „Bubenhausen. Stadt Weißendorn. Kreis Neu-Ulm“. Dort, wo ihr Vater den Schmerbauch zum Bräunen in die Sonne reckt und die Mutter bei Küchenarbeit und Schlagerradio gerne mal am Eierlikör nippt. Lisa Millers Film „Land­rauschen“ (heute: 19.45 Uhr. CS 3; Mi: 14.30 Uhr, CS 1; Mi: 19.45 Uhr, CS 5; Do: 21.45 Uhr, FH; So: 17.30 CS 1) zeigt ein Hinterland, in dem sich die Alteingesessenen trotzig gegen Veränderungen stemmen, gegen Flüchtlinge etwa: „ Man weiß ja gar nicht, wie sie ticken, die Neger.“ Miller (Regie, Buch, Schnitt) trägt dabei dick auf – im Karneval darf der angepasste Spießer mal richtig ausrasten, die Kirche heuchelt, der hilflos grinsende Dorfjäger sucht im Wald seinen Hund, denn „der Fiffi isch abgehaue“. Im Kontrast zur Spießerwelt steht die Freundschaft zwischen Toni und der lesbischen Rosa, dem moralischen Zentrum des Films. Er erzählt überwiegend mit Laiendarstellern, wodurch ihm manchmal Momente nahe am wirklichen Leben gelingen: die dösende Busfahrt angeschlagener Nachtschwärmer etwa. Aber manche Dialogszenen wirken nicht so authentisch wie wohl geplant, sondern unbeholfen.



Der Rolladen rattert noch ein paar Zentimeter nach unten, die Tür ist ohnehin zu. Der 18-Jährige Mike hat sich von der Welt zurückgezogen, ein Phantom, das nur manchmal rätselhafte Zettel mit Wetterdaten unter der Tür durchschiebt. „1000 Arten Regen zu beschreiben“ (heute: 21 Uhr, CS 1; Mi: 10.15 Uhr, CS 5; Do: 14.45, CS 3; Fr: 20 Uhr, FH; So: 15.45,  CS 4) erzählt von einem Rückzug, beschreibt aber vor allem, wie die, die zurückbleiben, reagieren. Die Parolen der Eltern, „wir schaffen das schon“ und „wir haben ja uns“, wirken so trotzig wie hilflos – sie suchen sich ihre Fluchten, Situationen, in denen sie mehr ausrichten können als zuhause. Der Vater (Bjarne Mädel) will einen Kranken ins Leben zurückholen; die Mutter (Bibiana Beglau) klammert sich an einen alten Schulfreund von Mike, eine Art Ersatzsohn. Und Mikes Schwester (Emma Bading) versucht einfach nur die Pubertät zu überstehen, während die Eltern, fixiert auf Mike,  sie aus  den Augen zu verlieren drohen. Es ist eine der Stärken des sehr gut gespielten Films (Buch: Karin Kaci), dass er die Familie nicht überzeichnet, um Mikes Entscheidung nachvollziehbarer zu machen. Es sind letztlich liebende Eltern, keine Spießermonster, vor denen man zwingend flüchten müsste. Keine Offenbarung des Sohnes gibt es am Ende, keine Familienumarmung – da bleibt der Film konsequent und verschließt sich einer simplen Lösung. Immerhin die Schwester (herzerweichend sensibel gespielt von Emma Bading) scheint noch am nächsten dran zu sein am Bruder. Durch die Tür sagt sie ihm: „Ich habe doch auch Angst.“ Die haben sie im Grunde alle.

Eine bruderlose Schwester ist auch die Hauptfigur in „Sarah spielt einen Werwolf“ von Katharina Wyss (heute: 17.15 Uhr, CS 3; Mi: 12 Uhr, CS 1; Do: 17.30 Uhr, CS 5; Fr: 10 Uhr, CS 8; So: 19.45 Uhr: CS 8). Alleingelassen fühlt sich die 17-Jährige, ihr Bruder ist nach Heidelberg gezogen (oder dezent geflüchtet?). Auch in der Schule und einer Theatergruppe fühlt sie sich isoliert: Teenager, die sich mit dem „Liebestod“ beschäftigen, haben es in der Hackordnung nicht leicht. Der Film führt sensibel in das Gefühlsglühen seiner Figur hinein, in Paradoxien zwischen Einsamkeit und dem Schrei „Warum kann ich nicht allein sein?“. In kleinen, scheinbar beiläufigen Szenen wird zudem eine ziemlich trostlose Ehe geschildert und ein Vater zum  Fürchten. Manchmal ist dieser Film spröde und nicht leicht zugänglich, so wie seine Figur, und dennoch sehr berührend – auch dank der Darstellerin Loane Balthasar als Sarah. Sie verleiht ihrer Figur, die an der Welt langsam zerbricht, eine schmerzhafte Intensität.

Der formal ungewöhnlichste Spielfilm des Wettbewerbs ist „Angst (Love will keep us safe from Death)“ von Vladislav Yö (heute: 20.15 Uhr, CS 2; Mi: 22.15 Uhr, CS 3; Do: 11.30 Uhr, CS1; Fr: 14.30 Uhr, CS 5; So: 17.15 Uhr: FH). In atmosphärischen Schwarzweißbildern (Kamera: Raphael Fischer-Dieskau) erzählt er von Liebe und der Angst vor ihr. Ein überirdisches Wesen wird in Form eines Mannes auf die Erde geschickt, um die Liebe zu erforschen: ein Phänomen, das ihm und denen, die ihn entsandt haben,  unbekannt ist. Er lernt einen anderen Mann kennen, gemeinsam sinnieren sie über Liebe und die ihm zuvor unbekannte Angst („ein Virus, den wir nicht kennen“). Da hat der Film eine entrückte, meditative Qualität, auch wenn sich die Dialoge des englischsprachigen Films manchmal im Kreis zu drehen scheinen. Zwischen den Dialogszenen kulminiert der ambitionierte Film immer wieder in aufwändigen und düsteren Animationen, einmal gibt es auch einen schönen Exkurs in die Welt von Märchen und Zeichentrick. Aber insgesamt wirkt das Werk von Regisseur Yö, der laut Katalog hier seine „intimsten Vorfälle mit einer psychisch instabilen Person“ dokumentiert, etwas länger als er ist. Manche Szenen, vor allem die Dialoge mit einem anderen überirdischen Wesen (mit Stummfilmstar­optik, russischem Akzent und dem schönen Namen Dr. Oberhaupt) wirken redundant – da würde ein strafferer Schnitt nicht schaden.

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kul-sarah FOTO: Intermezzo Films