| 20:31 Uhr

Begegnung mit den Saarbrücker Übersetzern Susanne Kihm und Nikolo Lomtadse
Zufälle schreiben das Leben – nein: Fügungen!

Das Übersetzerpaar Susanne Kihm und Nika Lomtadse in ihrem Wohnzimmer, dessen Wände ihre Kinder gestaltet haben.
Das Übersetzerpaar Susanne Kihm und Nika Lomtadse in ihrem Wohnzimmer, dessen Wände ihre Kinder gestaltet haben. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Soundtrack unserer Jahre: Die Saarbrücker Susanne Kihm & Nikolos Lomtadse über ihre Übersetzung des georgischen Epos’„Das erste Gewand“. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Wie dieses Buch zustandekam, sagt nicht nur einiges über den heutigen Literaturbetrieb. Noch viel mehr sagt es über seine beiden Übersetzer. Drei Jahre nach jenem großen Wendepunkt im deutsch-niederländischen Straelen, als ihr Übersetzungsprojekt endlich doch noch durchs Nadelöhr der Verlage kam, sitzen Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse im Wohnzimmer ihres Hauses in Kleinblittersdorf und erzählen.


Ende 2015 kamen beide zu einem Übersetzer-Kollegium nach Straelen. Da hatten sie schon 300 Seiten von Guram Dotschanaschwilis Roman „Das erste Gewand“ übersetzt. Und reihenweise Absagen von Verlagen erhalten. Darunter auch eine von Hanser in München. Dann aber lernte eine Hanser-Lektorin die beiden Saarbrücker Übersetzer in Straelen kennen. Als sie erfuhr, dass Kihm und Lomtadse (mit Unterbrechungen und auf eigene Rechnung) in vierjähriger Kleinarbeit 300 Seiten von Dotschanaschwilis georgischem Epos übertragen hatten, wurde sie hellhörig. 300 Seiten? Zehnmal mehr als branchenüblich? Aufs Geradewohl? Aus nacktem, leidenschaftlichem Interesse? Ein paar Monate später war der Deal mit Hanser gemacht. Und das nun von der Kritik bereits als „bedeutendstes Buch der georgischen Gegenwartsliteratur“ gefeierte Werk dann Anfang Oktober noch rechtzeitig fertig zur Frankfurter Buchmesse, die Georgien zu ihrem Gastland erkoren hatte.

Normalerweise finden Übersetzer literarischer Werke in Rezensionen bestenfalls mit ein, zwei Sätzen Erwähnung. Es heißt dann etwa, wie neulich in der „Zeit“-Besprechung von „Das erste Gewand“, dass die Lektüre dieses „in ein sehr plausibles Deutsch übertragenen Klassikers der georgischen Moderne“ jede Anstrengung lohne. That’s it. Und normaler­weise fragen Leser einer Übersetzung auch nicht, wie diese zustande kam. Wieviel an Recherchearbeit, Einfühlungsvermögen, Stilsicherheit und Selbstdisziplin es Übersetzern abverlangt, den Originalton zu wahren. Und all die Übertragungshürden zu nehmen, die sich dadurch ergeben, dass Satzbau, Klang oder Metaphorik etwa im Georgischen gänzlich anders sind als im Deutschen. All das interessiert uns üblicherweise nicht, sofern wir uns einen Wälzer wie „Das erste Gewand“ überhaupt zu Gemüte führen.



Wie achtlos dies ist, wird einem erst bewusst, wenn man mit zwei literarischen Idealisten wie Kihm und Lomtadse redet. Als sie 2011 in Tblissi, wo sie damals lebten, mit ihrer Übersetzung loslegten, gingen sie die ersten 300 der 680 Seiten über ein Jahr hinweg Satz für Satz gemeinsam durch. Erdichteten, verwarfen, präzisierten, lasen sich die Sätze laut vor und glichen sie in immer neuen Feinschliff-Versionen mit dem Original ab. Erst wenn man etwa weiß, dass im Georgischen endlose Konsonantenreihungen üblich sind und das Verb anders als im Deutschen alle Zeit- und Personalformen einschließt, mag man erahnen, wie komplex eine solche Übersetzung ist. Um wieviel mehr noch, wenn man es mit einem sprachverliebten Artisten wie Dotschanaschwili zu tun hat, der alles poetisch auflädt, seine Satzmelodien entlang gezählter Silben findet und die Grammatikkonventionen seiner Sprache nach Belieben aushebelt und lauter Neologismen einbaut.

Aber wie funktioniert das überhaupt, zu Zweit ein Buch zu übersetzen? „Anfangs gab es viele Streitereien, weil wir unterschiedliche Vorstellungen hatten“, erinnert sich Nikolos Lomtadse. „Mit der Zeit haben wir dann Kompromisse gefunden.“ Im zweiten Teil gingen sie dann auch anders vor – nachdem sie mittlerweile zwei Kinder bekommen hatten, setzte sich Lomtadse abends alleine an den Computer und machte eine erste, dicht am Original bleibende Vorübersetzung. Morgens, wenn die Kinder in der Kita und ihr Mann als Broterwerb Syrern Deutsch beibrachte, feilte Kihm weiter und hielt am Rand jeder Seite ihre Anmerkungen fest, die ihr Mann dann wieder am nächsten Abend . . . – so hangelten sie sich immer weiter.

Gut möglich, dass die vielleicht schwierigste Konstellation überhaupt – zu Zweit ein Buch zu übersetzen – in ihrem spezifischen Fall dann doch die ideale war: Als Muttersprachler und langjähriger Kenner des Originals entgingen Nikolos nicht die versteckten landestypischen und geistesgeschichtlichen Verweise Dotschanaschwilis. Umgekehrt wusste er, „dass ich eine Übertragung ins Deutsche alleine kaum schaffen und wagen würde“. Was ihm in der Zielsprache an umfassendem Stilrepertoire und Kontexterfahrung fehlte, konnte dafür seine Frau einbringen, die seit 2007 in Tblissi als Deutschlehrerin arbeitete und sich das Georgische weitgehend im Selbststudium beigebracht hatte. Natürlich, sagt sie, habe es auf jeder Seite ein, zwei Worte gegeben, „deren Bedeutung ich nicht wirklich kannte, doch ich konnte den Ton des Autors hören, ja fühlen“. Und sie diesen Ton in kniffligen Fällen dann vielleicht eher ins Deutsche retten als er. Der Ton, mit dem auch in der Zielsprache alles steht und fällt.

Zwölf Jahre arbeitete Dotschanaschwili an seinem Roman, ehe dieser zwischen 1975 bis 1980 in drei Teilen erschien – zunächst als Fortsetzungsroman in georgischen Literaturzeitschriften. Es ist eine Art biblisch grundierter Abenteuerroman im überbordenden Gewand des magischen Realismus und zugleich eine finstere Parabel auf die georgischen Traumata unter Stalin. Sehr grob gesagt handelt „Das erste Gewand“ vom jungen Domenico, der mit seinem väterlichen Erbe aus Georgien in die Welt aufbricht, um deren Licht- und (vor allem) Schattenseiten zu erfahren und zuletzt wieder heimzukehren – es ist ein gewaltiges, schillerndes Epos voller Spiegelungen und Verweise. Wiewohl man sich leicht darin verliert, treibt seine dichterische Sogkraft einen doch weiter.

Als Kihm und Lomtadse den Autor 2010 in Tbilissi aufsuchten, wussten sie nicht, dass er damals mit seiner Frau, einer Germanistin, selbst eine Übersetzung seines Romans auf den Weg bringen wollte. „Also ließ er unsere Übersetzungen prüfen, holte aber auch noch einige Proben von anderen ein“, erzählt Lomtadse. Die einzig vorhandene Übersetzung – ins Russische – hatte Dotschanaschwili missfallen, weil seine Poesie darin nicht zum Tragen gekommen war. Dass der heute 79-Jährige, den Kihm und Lomtadse als einen gütigen, äußerst bescheidenen Menschen beschreiben, ihnen schließlich sein Placet gab, war bei aller Ehre auch eine Hypothek: Ihnen durfte nicht derselbe Fehler unterlaufen wie dem russischen Kollegen.

Als sie den fertigen Roman im vergangenen Sommer an den Hanser Verlag abgaben und der ihn an die Druckerei, habe sie gedacht, „jetzt nie mehr etwas ändern zu können“, sagt Susanne Kihm. Das fertige Manuskript, von dem eine Fassung an diesem Oktoberabend neben ihnen auf dem Wohnzimmertischen liegt, aus der Hand zu geben, sei „wie der Auszug eines alten Bekannten aus dem gemeinsamen Haus“ gewesen. Wenn man so wolle, bilde der Roman für sie beide „einen Soundtrack zu all diesen Jahren“. In Saarbrücken hatten sie zwar beide studiert – Lomtadse BWL, Kihm (auch in Bonn und Bilbao) Hispanistik und Romanistik. Kennengelernt haben sie sich aber erst später – 2007 in Tblissi, wo Nikolos sie auf der Straße wiedererkannte und ansprach. Er versuchte, sich damals als Webdesigner durchzuschlagen und wollte eine Tangoschule eröffnen. Kihm wurde dann seine Tanzpartnerin und Frau. Vielerlei Zufälle, nein: Fügungen, haben also nicht nur sie zusammengeführt, sondern überhaupt erst diesen Roman in deutscher Übersetzung ermöglicht, den man nun mit anderen Augen und mehr Achtsamkeit lesen kann und lesen sollte.

Guram Dotschanaschwili: Das erste Gewand. Aus dem Georgischen von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse.
Hanser, 696 Seiten, 32 €.