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Streamingdienste und die Folgen
Für jede Stimmung den passenden Sound, das zeitigt Folgen

Berlin / Wien. Streaming ist das größte Umsatzsegment im deutschen Musikmarkt. Beeinflusst es mittlerweile auch, wie Popmusik geschrieben und gehört wird?

(dpa) Es gibt da jemanden, der unsere Musikvorlieben sehr gut kennt. Der uns zum Joggen eine Playlist mit der Musik vorschlägt, zu der wir uns am liebsten bewegen. Der uns am Montag mit den Liedern versorgt, die uns am ehesten aus dem Bett holen. Es sind Streaming-Anbieter wie Spotify oder Apple Music, die immer mehr Playlisten für alle möglichen Stimmungen und Genres bieten. Inzwischen ist Streaming in Deutschland der beliebteste Weg, Musik zu hören. Die Anbieter reagieren darauf. Das hat nicht nur wirtschaftliche Folgen. Streaming kann auch die Art verändern, wie Musik geschrieben und gehört wird.


 Seit Mitte 2018 ist Audiostreaming das größte Umsatzsegment des deutschen Musikmarktes. Neben den Streaming-Anbietern hat das auch für die Labels Vorteile. Durch Datenanalysen ihrer gestreamten Musik können sie sehen, wann ein Hörer wegklickt – und darauf reagieren. „Musik wird anders geschrieben, seit das Streaming so wichtig ist“, sagt der Musikwissenschaftler Martin Lücke. Zum einen sei der Anfang eines Liedes noch wichtiger geworden. Verdienen die Labels doch nur an einem Stream, wenn die Hörer einen Song länger als 30 Sekunden anhören. „Also versuche ich als Label alles dafür zu tun, dass man nicht wegklickt“, sagt Lücke, der am Campus Berlin der Hochschule Macromedia Musikwirtschaft lehrt.

 Die Musiker sind bei solchen Aussagen naturgemäß zurückhaltender. Der deutsche DJ Felix Jaehn, dessen „Cheerleader“-Remix von OMI ein Riesenhit war, sagt, er mache sich beim Musikproduzieren von solchen Überlegungen frei. Lücke erzählt von Studien, die zeigen, dass der Gesang bei Popliedern inzwischen immer früher einsetzt, um möglichst schnell ins Ohr zu gehen. Früher habe es Hits gegeben, die erst nach langen Intros richtig loslegten, etwa Meat Loafs „I’d do anything for love“. Neben dem Anfang eines Pophits wird auch die Stimmung eines Liedes wichtiger. „Ich komme nach Hause und sage zu Siri oder einem anderen Smart Speaker: ,Spiel mir Chill Out-Musik’“, sagt Peter Tschmuck, der an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien lehrt. Der Großteil der Konsumenten sei nicht so sehr daran interessiert, von wem ein Song ist. Welche Musik man hört, sei stimmungsabhängig. „Dinnertime Acoustics“, „Deep Focus“ oder „Movin’ and Groovin’“: Lieder, die zu bestimmten Stimmungen oder Genres passen, werden von Redakteuren oder Algorithmen Playlisten zugeordnet. Was die Relevanz betrifft, sind Playlisten die neuen Alben, sind sich Lücke und Tschmuck sicher.



 Eine beliebte Playlist bei Spotify heißt „Tropical House“. Sie ist voller tanzbarer Elektrohits, die irgendwie nach Pauschalurlaub in der Südsee klingen. Felix Jaehn ist einer der beliebtesten Vertreter des Genres. Er ist sich „ganz sicher“, dass die „Tropical House“-Liste seinen Erfolg befördert hat. „Ich war einer der ersten Künstler, die 2014 über Spotify bekannt wurden“, erzählt er. „Mittlerweile habe ich allein dort fast zwei Milliarden Streams auf meinen Songs und Remixen. Das ist verrückt und wäre sicher ohne  genrespezifische Playlisten wie „Tropical House“ nicht möglich.“

 Für die Labels ist es besonders wichtig, Eingang in Playlisten zu finden. „Es hat sich schnell gezeigt, dass die Playlists ganz wichtige Tastemaker sind“, sagt Tschmuck. Doch welchen Einfluss haben Labels auf die Streamingdienste? Klar werde man von Labels kontaktiert, erklärt Maik Pallasch, Leiter der deutschen Spotify-Musikredaktion. „Aber man kann als Lizenzgeber nicht bestimmen, ob und was in die Spotify-Playlists kommt.“ Ein Sprecher von Apple Music möchte zur konkreten Zusammenarbeit mit Labels keine Angaben machen, betont aber die Unabhängigkeit der Redakteure, die  Playlisten bestücken. Inzwischen gebe es Tausende kuratierter Listen.

 Bei Spotify existieren alleine in Deutschland 400 kurartierte eigene Playlists, die täglich oder wöchentlich von sechs Redakteuren neu bestückt werden. Zusätzlich gibt es bis zu zehn persönliche Playlists, die durch Algorithmen Hörern für sie passende Musik vorschlagen. Inklusive der von Nutzern erstellten Playlisten gibt es über zwei Milliarden Listen, so Pallasch. Daraus könnte sich eine Eigendynamik entwickeln. „Manche Songwriter haben beim Komponieren womöglich den Sound eines bestimmten, bei Streaming-Anbietern beliebten Genres im Kopf“, überlegt Lücke. „Es wird auf jeden Fall Versuche der Labels geben, Künstler zu suchen, die in bestimmte Playlisten passen.“ Frank Briegmann, Chef von Universal, widerspricht. „Wir wählen Künstler nach Talent und Potenzial aus.“ Räumt aber ein: „In Genres wie EDM oder Hip-Hop, in denen der Streaming-Anteil besonders groß ist, werden natürlich auch passende Playlists mit in die Überlegungen einbezogen.“

 Wird sich Popmusik dadurch am Ende immer ähnlicher? Dieser Vorwurf sei so alt wie die Popmusik selbst, sagt Tschmuck. Felix Jaehn ist sich sicher: „Musik funktioniert nicht nach Mustern, Formeln oder nach logischem Denken.“ Und auch Lücke sieht es ähnlich. Man könne zwar viel durch Datenanalysen berechnen, erklärt er. „Aber am Ende gibt es in der Popmusik immer noch den Faktor des Unbekannten – zum Glück.“