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Literaturtage „erLESEN!“ im Saarland
Soll man Bestseller-Listen ernst nehmen?

Der Literaturkritiker Jörg Magenau hat für sein Buch 110 Bestseller-Titel von 1945 bis 2018 analysiert. Was sie verbindet, ist der Zeitgeist.
Der Literaturkritiker Jörg Magenau hat für sein Buch 110 Bestseller-Titel von 1945 bis 2018 analysiert. Was sie verbindet, ist der Zeitgeist. FOTO: Anna Weise
Blieskastel. Wie werden Bücher zu Kassenschlagern? Der Literaturkritiker Jörg Magenau hat es in seinem Buch „Bestseller“ erforscht – er stellt es am Sonntag in Blieskastel vor. Von Roland Mischke

Nehmen wir die Bundesligatabelle. Da sieht man sofort, wer die beste deutsche Fußballmannschaft ist – sie steht ganz oben auf der Liste, Punkte und Tore sind dokumentiert. Hierzulande ist es seit Jahren der immer selbe Club. Sind aber bei Bestsellerlisten, wie allwöchentlich im „Spiegel“, wirklich die besten Bücher auf ersten Plätzen? In dieser Woche zum Beispiel auf Platz eins „Freedom. Die Schmahamas-Verschwörung“, gefolgt von Büchern von Ferdinand von Schirach und Maja Lunde. Nein, weiß der Belletristik-Fan, hier geht es nur um meistverkaufte Bücher. Das sagt über ihre Qualität noch nichts aus.


Das ist dem Berliner Literaturkritiker Jörg Magenau egal. Er bekennt, er sei „ein großer Freund tabellarischer Weltordnungssysteme, sie schaffen eine Ordnung“. Zudem: „Die Bestsellerliste setzt der Unübersichtlichkeit des Buchmarktes eine überschaubare Form entgegen.“ Genau das empfinden Feinde der aktuellen Top-10-Listen als schlimm. Sie wollen, dass die am besten geschriebenen, die literarisch intensivsten Bücher verbreitet und gelesen werden und nicht der flache Kitsch mit gefälligem Titel. Ein Platz auf der Bestsellerliste ist deshalb noch kein Qualitätsmerkmal.

Dennoch gibt es Gründe, die Bestsellerliste ernst zu nehmen, meint Magenau. Sie spiegelt die derzeitige gesellschaftliche Stimmung im Lande. Der Autor hat 110 Titel von 1945 bis 2018 analysiert, dabei stieß er immer wieder auf das Phänomen der Zeitstimmung. Ein Buch, das in die Zeit passt, entwickelt eine Wirkungsgeschichte, löst Debatten aus und führt zur Gesellschaftskritik. Beispiel Peter Wohlleben. Der Förster hat als Schriftsteller mit seinen Sachbüchern überragenden Erfolg. Er lässt die Bäume sprechen, erklärt ihr Wesen, ihre Gesellschaft und dass sie sich sogar unter ihresgleichen solidarisch verhalten und einander helfen. Das gefällt Zehntausenden Lesern, sie kaufen Wohllebens Bücher und machen sie zu Dauer-Bestsellern. Sie handeln vom Wald als sozialdemokratischer Welt, in der die Starken die Schwachen stützen. Das hat derzeit in der Politik, also unter Menschen, keine Priorität. Selbst Sozialdemokraten interessieren sich kaum noch für Arbeiter, Arbeitslose, Allein­erziehende, arme Kinder, Witwen und Waisen.



Außerdem ist die Natur bedroht, da wird es als wohltuend empfinden, dass sie in sich noch intakt zu sein scheint. Wohllebens Botschaft ist für Jörg Magenau „ein typisches Bestsellermuster: Es geht um etwas, das im Schwinden begriffen ist.“ Und an dem wir alle hängen. Schon in den 1980er Jahren, dem Jahrzehnt der „German Angst“, als das Wald­sterben begann, gab es Bücher, die die Natur als verlorengehendes Idyll verherrlichten. Robert Jungk schrieb darüber, Franz Alt und auch der Dalai Lama. Massenhaft verkaufte Bücher verraten also etwas über ihre Leser, ihre Sehnsüchte, Befindlichkeiten, Ängste und Wünsche.

Den Bestsellerlisten steht Mage­nau dennoch kritisch gegenüber. Weil sie ein Marktinstrument der Marktforschung sind, weil die Basis Hunderte Händler sind, die alle ihre eigenen Interessen haben. Deshalb gibt es allein in den Listen von „Spiegel“, „Focus“ oder „Buchreport“ erhebliche Unterschiede in der Seller-Liste. Auch die Bevorzugung von stationärem Handel und Onlinehandel spielt eine Rolle.

Schön an Magenaus Buch ist die Rückkehr alter Bekannter. C.W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ über Archäologie war 1949 ein Riesenerfolg, weil der Krieg verdrängt werden sollte. In Peter Weiss’ „Ermittlung“ (1968) ging es um die schweigenden Väter, die ihre Kinder in die Rebellion drängten. Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ (1968) ist zentrale Nachkriegsliteratur. Alle diese Bücher dominierten die Bestsellerlisten über viele Monate.

Jörg Magenau: Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten. Hoffmann und Campe, 288 Seiten, 22 Euro.
Buchvorstellung am Sonntag um 11 Uhr im Rahmen des Literaturfestivals „erLesen!“ in der Blieskasteler Orangerie (Eintritt: zehn Euro inklusive Begrüßungssekt): Magenau spricht mit dem langjährigen SR-Literaturredakteur Ralph Schock darüber, warum bestimmte Bücher zu ihrer Zeit eine Debatte lostraten oder einen Hype auslösten.