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Willi-Baumeister-Ausstellung
So sinnlich kann Abstraktion sein

Baumeisters Zeichnung „Apoll“ (1922), für ihn eine Schöpferfigur.
Baumeisters Zeichnung „Apoll“ (1922), für ihn eine Schöpferfigur. FOTO: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart / Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart/Wienand Verlag
Berlin . Eine hinreißende Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett trägt das zeichnerische Werk von Willi Baumeister zusammen. Von Christoph Schreiner

Zu Unrecht stehen die Zeichnungen Willi Baumeisters bis heute weitgehend im Schatten seiner Malerei. Insoweit ist die grandiose Ausstellung seines zeichnerischen Werks (ergänzt um wichtige Wegmarken seiner Druckgrafik und einige Vergleichswerke von Baumeisters  Zeitgenossen) im Berliner Kupferstichkabinett auch als Versuch zu verstehen, diese Schieflage zu korrigieren. Sie überspannt vier Jahrzehnte, angefangen von Baumeisters künstlerischen Anfängen in den 1910er Jahren bis zu seinem Tod – er starb Ende August 1955 bei der Arbeit in seinem Stuttgarter Atelier.


Die Berliner Schau schöpft aus dem gewaltigen zeichnerischen Fundus Baumeisters, zu dem über 2000 Blätter gehören – und damit ähnlich viel, wie er an Gemälden hinterlassen hat. Früh prägte Baumeister seine auf einer strengen Geometrie und Abstraktion gründende, ihn später in die Nähe des Konstruktivismus führende Handschrift aus, wie dies in Berlin bereits seine setzkastenartig in der Fläche entwickelten frühen Bildräume vor 1920 belegen. Baumeisters typischer Verzicht auf jede Tiefenwirkung schmälert nicht im Geringsten die Plastizität seiner Arbeiten. Kunstgeschichtlich hat man ihn nicht umsonst – maßgeblich in der Phase seiner aus den 20ern datierenden, zum Teil auch Lineal und Zirkel nutzenden „Maschinenbilder“ – in die Nähe von Oskar Schlemmer, El Lissitzky und Fernand Légers gerückt. Wenn auch Baumeister seine Zeichnungen durch Ritzen, Punktieren und Ausradieren ungleich stärker bearbeitet, ja auflädt.

Als er von den Nazis 1933 als Professor an der Frankfurter Kunstgewerbeschule (der späteren Städelschule) kaltgestellt und wenige Jahre gar mit einem Malverbot belegt wurde, gewann die Zeichnung für ihn auf doppelte Weise Bedeutung als Ort seiner inneren Emigration. Die chronologisch aufgebaute, knapp 100 Arbeiten umfassende Werkschau offenbart insbesondere anhand seiner hinreißenden Arbeiten aus den 30ern, wie sehr Baumeister in dieser Zeit zusehends zu einem organischen Zeichenstil findet: Die Figuren in seiner bereits in die 20er zurückreichenden Werkgruppe der „Sportbilder“ zeigen einen von fließenden Umrisslinien erzeugten Figurenstil, der Baumeisters intensive Beschäftigung mit altsteinzeitlichen Höhlenmalereien widerspiegelt.

Die Figuren lösen sich immer weiter in amöbenhafte, inselartig wirkende Gliedmaßen auf. Trotz dieser ins Äußerste gestriebenen Abstraktion bezwingen Baumeisters filigrane Bewegungsstudien durch ihre sinnliche Körperlichkeit, die an Skulpturen von Hans Arp erinnert. Mit den Jahren trieb er die Reduktion seiner modulhaften Figuren immer weiter in Richtung einer vollständigen Fragmentarisierung:

Ob in seinen „Eidos“-Blättern oder den beiden 1934 entstandenen Blättern „Tänzerinnen“ und „Läufer“: Hier wie da lösen sie sich in reine Kalligraphien auf. In seiner kunsttheoretischen Schrift „Das Unbekannte in der Kunst“ (1943-45) schrieb Baumeister, im wirklichen Schauen sei „das zweckhafte Sehen nicht vorhanden“. Was das meint, offenbart die Ausstellung in beglückender Weise.



Bis 8. April. Di und Mi, Fr bis So: 11 bis 19 Uhr, Do: 11 bis 20 Uhr.
Zur Ausstellung ist im Wienand Verlag ein v
orzüglicher Katalog erschienen.