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Premiere am Saarländischen Staatstheater
Sind wir der Regisseur unseres Lebens?

Das gut aufspielende Junge Ensemble des Saarländischen Staatstheaters in der Alten Feuerwache.
Das gut aufspielende Junge Ensemble des Saarländischen Staatstheaters in der Alten Feuerwache. FOTO: Martin Kaufhold;0049(0)171/4158942 / Martin Kaufhold
Saarbrücken. Das Jugendstück „Runnin’ blue“ mit dem Jungen Ensemble des Saarländischen Staatstheaters hat eine  mäßige Premiere erlebt. Von Silvia Buss

Merle heißt die Hauptfigur hier – statt Lola. Doch auch Merle muss rennen, um ihren Liebsten zu retten, vielmehr ihre Beziehung. 40 Minuten hat sie Zeit, um quer durch die Stadt zu hetzen und ihren Freund Fynn am Flughafen davon abzuhalten, auf Nimmerwiedersehen in die Maschine  zu steigen. „Runnin’ blue“ heißt das Jugendstück von Anouk Saleming, das Theaterpädagogin Luca Pauer am Samstag in der Alten Feuerwache mit dem Jungen Ensemble des Saarländischen Staatstheaters als deutsche Erstaufführung präsentierte. Autorin Salemning, die in ihrer niederländischen Heimat 2012 für ihr Stück einen internationalen Jugendtheater-Preis erhielt, macht kein Geheimnis daraus, dass sie sich neben dem gleichlautenden Doors-Song sehr, sehr stark von Tom Tykwers rasantem Film „Lola rennt“ mit Franka Potente inspirieren ließ.


Wie Tykwer lässt sie Merles Wettlauf gegen die Zeit mit vielen Hindernissen in drei Varianten durchspielen. Sind wir der Regisseur unseres Lebens? Treffen wir die Entscheidungen oder sind es zufällige Begegnungen und Ereignisse, die sich verketten? Darum soll es hier gehen. Fragen also, die gerade Jugendliche, die das Leben mit allen seinen Möglichkeiten vor sich und Angst vor falschen Entscheidungen haben, auf jeden Fall interessieren müssten.

Setzt sich da nicht gleich das Kopfkino in Gang? Leider nicht, denn Regisseurin Luca Pauer und Dramaturg Horst Busch trafen vorab eine Entscheidung, die pädagogisch begründet sein mag, den Genuss und vor allem das Verständnis des Stücks aber erschwerte. Sie verteilten die Dialoge von Fynn und Merle auf nahezu alle 18 Jugendlichen des Ensembles, so dass der Betrachtende den Überblick verliert, wer gerade spricht –  „sie“ oder „er“? Nur an der Kleidung, die männlichen und weiblichen Merles tragen einen Regenumhang und weiße T-Shirts, die Fynns sind ganz in Schwarz, kann man die Rollen auseinanderhalten. Doch da die Jugendlichen meist als Menschenmasse auf der schummrigen Bühne verteilt sind, ist es gar nicht einfach mitzuverfolgen, wer gerade zwei Sätze sagt. Auch die Aufteilung der Dialoge in Häppchen bekommt dem Stück nicht. Gedanken werden so zu bedeutungsschwangeren Kalendersprüchen zerhackt.

Die Jugendlichen, denen man wohl die Mühe großer Rollen ersparen wollte, tun sich deshalb schwer, nicht nur wie Text-Aufsager zu wirken. Vor allem aber leidet das Verständis der zahlreichen einzelnen Geschehnisse, von denen sich einige  in ihren Variationen nur minimal unterscheiden. Etwa die des durchgeknallten Jungen, der mit einem selbstgebastelten Flammenwerfer im Park je nach Variante unterschiedliche Lebewesen abfackelt. Das abstrakt bleibende Bühnenbild, bestehend aus nackten Gerüsten und Podesten (Ausstattung: Daniel Tauer) bietet wenig räumliche Orientierung. Erst nach der Lektüre der ausführlichen Zusammenfassung (nicht im Programmheft) begreift man, welche Aktionen stattfanden und wie sie zusammenhingen. Auch wird der Wettlauf Merles von A nach B wenig plastisch.

Mit Bewegungschoreografien, wie man sie aus Schülerworkshops kennt, sorgt Pauer dafür, dass das Spiel nicht nur statisch wird. Die Jugendlichen erfüllen die Bewegungsaufgaben gut, auch mit Ausdruck. Am Ende spendete das Publikum ihnen jubelnden Applaus. Die Nachfolger des SST-Jugendclubs U21 unter Leitung von Jörg Wesemüller haben es nicht leicht. Wesemüller, der nach Braunschweig wechselte, hat die Messlatte sehr hoch gelegt.



Termine: dieser Samstag;  9. und 23. Juni, jeweils 19.30 Uhr, Alte Feuerwache. Karten und Infos: Tel. (06 81) 309 24 86 und www.staatstheater.saarland