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| 19:31 Uhr

Selbstzeugung eines Autors in Paris

Bachmann-Preisträger 2008: Tilman Rammstedt (41). Foto: Saage
Bachmann-Preisträger 2008: Tilman Rammstedt (41). Foto: Saage FOTO: Saage
Saarbrücken. Tilmann Rammstedts Fortsetzungsroman „Morgen mehr“ war im Internet ein interessantes Experiment. Als Buch ist es schon heute Schnee von gestern. Martin Halter

Auch Autoren, die zu den digitalen Natives gehören, sollten ihre Internetromane von Zeit zu Zeit in festere Behälter als wolkige Clouds und veraltete Datenträger eintüten: Dem US-Autor Dennis Cooper löschte Google gerade ohne Nennung von Gründen sein gesamtes Blog, die Frucht 15-jähriger Schreibarbeit. Tilman Rammstedt, prämierter Autor hochkomischer Romane ("Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters"), tat also gut daran, von seinem Netzroman "Morgen mehr" eine Sicherungskopie auf Papier zu ziehen. Doch ist dem Text der Medienwechsel nicht gut bekommen: "Morgen mehr" ist heute schon Schnee von gestern.

Nicht nur, weil Netzliteratur ein alter Hut ist. In den 90er Jahren experimentierten viele medienaffine Schriftsteller mit "Hyperlink-Literatur": Rainald Goetz erregte mit seinem Internet-Tagebuch "Abfall für alle" Aufsehen, Matthias Politycki und Ilja Trojanow schrieben im Auftrag des ZDF "Novels in progress", bei deren allmählicher Verfertigung das Publikum ihnen über die virtuelle Schulter schauen durfte. Rammstedt ging jetzt einen Schritt weiter. Von 11. Januar bis 9.April 2016 belieferte er interessierte Leser per Whatsapp oder Mail mit Tagesrationen von "Morgen mehr". Neugierige zahlten acht Euro für ein Schnupperabo, Fans und Förderer 40: ein hübsches Zubrot für darbende Urheber und ein guter Marketing-Gag. "Morgen mehr" war eine fluffig fröhliche Morgengabe, intelligente Stand-up-Literatur zum Frühstück. Es störte niemand, dass es neben charmanten Einfällen auch viel Quark und Quatsch gab. Das Feedback war fast durchweg freundlich, oft begeistert. "Morgen mehr" war nicht nur die Fortsetzung der alten Fortsetzungsromane eines Dumas, Dickens oder Karl May mit modernsten Mitteln: Der für seine Schreibblockaden berüchtigte Rammstedt konnte seine Hemmungen endlich in Produktivkräfte verwandeln. Wer jeden Tag ein Kapitel raushauen muss, hat keine Zeit für Skrupel und Selbstzweifel: Der Zeitdruck und der starre Rahmen lenkten Rammstedts oft anarchisch-assoziativ verspielten Schreibstil in feste Bahnen.

Die Buchausgabe jetzt unterscheidet sich kaum von der Netzversion: Statt 64 sind nun 69 Erzählpralinen in der Schachtel; manches ist von Rammstedt überarbeitet, gestrafft oder verworfen worden, Grundidee, Figuren und Handlung blieben gleich. Doch was als Internetroman, gefällig aufbereitet mit Emojis, Selfies und Spotify-Soundtrack, angenehm leicht und heiter war, wirkt jetzt angestrengt lustig, langweilig.

Nicht dass es dem Buch an Action, Slapstick und geistreichen Aperçus ("Ich hätte gerade gern ein Pflaster, aber ich habe ja nicht mal eine Wunde") fehlte, im Gegenteil. Es treten auf: Drei Männer im Pelz, ein Frankfurter Unterweltkönig, zwei Zeit-Beamte im Pariser Urmeter-Büro, Geld- und Rollkoffer sowie das Schaf Marie-Antoinette. Wenn der Handlungsfaden gar zu verworren wird, streut Rammstedt Pausenfüller und surrealistische Intermezzi ein: To-do-Listen, ein Interview mit einem Hammer, ein Kreuzverhör der Sehnsucht, ein Dialog mit der Traurigkeit. Die lineare Zeit ist immer für Wurmlöcher, Schaltsekunden und philosophische Kapriolen à la "Alice im Wunderland" gut. Der Erzähler ist zu Beginn noch ungeboren, eine aus "Tristram Shandy" geborgte Idee, die Rammstedt mit Futur-II-Konjunktiven, Schrödingers Katze und Zurück-in-die-Zukunft-Logik bis zum Geht-nicht-mehr ausreizt. Der Autor setzt jedenfalls am 30. Juni 1972 Himmel und Hölle in Bewegung, um seine Eltern binnen 24 Stunden zusammen und sein Buch zur Welt zu bringen. Damit seine Selbstzeugung gelingt, muss die Mutter von einem gewissen Jean-Baptiste in Marseille losgeeist, der Vater aus einem Betonblock der Frankfurter Russenmafia befreit und nach Paris gelotst werden. Wie die Eltern durch Zu- und Autounfälle verkuppelt und die losen Erzählfaden am Ende auf dem Eiffelturm miteinander verknüpft werden, ist eine rasante Road-Movie-Story, die aber bald schon ermüdet.

Um Leser bei der Stange zu halten, griffen Fortsetzungsromane immer schon zu starken Effekten der Kolportageliteratur: Cliffhanger, Verwechslungen, wunderbare Errettungen. Bei Rammstedt kommt erschwerend hinzu, dass er kein Thema hat außer dem Vergehen der Zeit und der Sinnlosigkeit aller Pläne. Das alles führt in "Morgen mehr" zu monotonem Gekasper, retrospektiver Besserwisserei und anderen selbstreferenziellen Volten. Planloses Herumfahren und fahriges Gag-Hopping mag als Abenteuerroman, TV-Serie oder Poetry-Slam funktionieren, aber es ist wohl doch nicht der Fortsetzungsroman von morgen.

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 229 S., 20 €.