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Saarbrücker Live-Performance des Liquid Penguin Ensembles
Schwerelosigkeit auf saarländische Art

Das im Geist der Fluxus-Bewegung operierende Liquid Penguin Ensemble in seiner diesmal erweiterten Form: Philipp Neumann, Stefan Scheib, Katharina Bihler, Geoffrey Muller und Élodie Brochier (von links) im mittlerweile stillgelegten Sendegebäude von „Europe 1“ in Berus.
Das im Geist der Fluxus-Bewegung operierende Liquid Penguin Ensemble in seiner diesmal erweiterten Form: Philipp Neumann, Stefan Scheib, Katharina Bihler, Geoffrey Muller und Élodie Brochier (von links) im mittlerweile stillgelegten Sendegebäude von „Europe 1“ in Berus. FOTO: Pierre METZINGER
Saarbrücken. Das Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble lädt in dieser Woche zu zwei Live-Performances in den Pingusson-Bau und den Sender „Europe 1“. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Alles, was abhebt, fällt irgendwann wieder herunter. Das ungefähr besagt das Gravitationsgesetz. Wenn das so ist, gilt das für uns alle. Für Himmelsgucker und Hochspringer genauso wie für Hochstapler und Politiker. Wer den Gesetzen der Schwerkraft (und vielleicht auch denen terrestrischer Abstiegsgesetze) entgehen will, muss seinen Lebensmittelpunkt wohl ins All verlegen. Die Frage ist nur, ob die Schwerelosigkeit dort nicht womöglich mit einer gewissen Willenlosigkeit einhergeht – zum Beispiel, weil man dort die Standfestigkeit einbüßt.


Damit sind wir im Grunde schon mitten bei „Radio Elysée“ – einer 2012 entstandenen Hörspielproduktion des Saarbrücker Liquid Penguin Ensembles, aus der die Penguine nun eine Live-Performance destillieren, die sie in dieser Woche an zwei Schauplätzen mit einer reichen deutsch-französischen Historie aufführen: dem Saarbrücker Pingusson- und dem Beruser Sende-Gebäude von Europe 1. Beide Orte sind mit Bedacht gewählt – thematisiert „Radio Elysée“ doch die insbesondere in den 60er Jahren dies- und jenseits des Rheins betriebene Neuausrichtung der zuvor in drei Kriegen tief zerrütteten deutsch-französischen Beziehungen. Ein Neuanfang, der in einer sehr saarlandspezifischen Variante seinerzeit auch in der ehemaligen Französischen Botschaft en Sarre und dem im Januar 1955 in Betrieb genommenen ersten französischen Privatsender auf dem Überherrner Sauberg vonstatten ging. Dort also, wo die Penguine nun nochmals an zwei Abenden ihre „Geschichte und Zukunft zweier Raumfahrernationen“ in der performativ angelegten „Radio Elysée“-Fortschreibung ansiedeln.

Das für den SR produzierte Hörspiel, das die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste Ende 2012 zum ARD-Hörspiel des Monats kürte, wird weder im Pingussonbau noch im Sendegebäude selbst im Fokus stehen und auch nur auszugsweise zu hören sein. Vielmehr ranken die diesmal von Élodie Brochier, Geoffrey Muller und Philipp Neumann unterstützten Saarbrücker Penguine Katharina Bihler und Stefan Scheib vier Performance-Einheiten um ihren (ganz im Geist des Absurden) Witz mit Irrwitz paarenden Hörspiel-Plot. Das Publikum wird sich dazu teilen und an beiden Aufführungsorten in je zwei unterschiedlichen Workshop-Paarungen selbst zum Handelnden in einem collageartig komponierten Aktions-Parcours, der wohl auch die Magie der großartigen Saarbrücker und Beruser Raumbühnen zur Geltung kommen lassen wird.



Wenn man so will, reaktiviert ihr Weiterspinnen der Hörspielfassung von 2012 im Grunde Ideen der 1962 entstandenen Fluxus-Bewegung, der „Radio Elysée“ bereits ein kleines Denkmal gesetzt hatte. Die Live-Performance besteht aus vier Teilen: 1) einer Art szenischem Gedicht in Gestalt einer mobilen Schachpartie im Raum, 2) einem gestischen Erproben einer Vertragsbesiegelung, 3) einer Atelier-Rekonstruktion des fiktiven Künstlerpaars Edda & Paul Martineau im Hörspiel sowie 4) einer paarweisen Zuschauer-Erkundung fallender Gegenstände. Schon das Hörspiel verschränkte die Historie des von Adenauer und de Gaulle bei dessen Staatsbesuch in Bonn im September 1962 ausgeheckten Elysée-Vertrags mit dem zeitgleich im nur 150 Kilometer entfernten, anarchischen Fluxus-Gründungsfestival in Wiesbaden. Daraus entstand 2012 ein radiophones Spiegelkabinett der Penguine, in dem ganz fluxus-like eine Horizonterweiterung betrieben wurde. Die ging so weit, dass nicht immer auszumachen war, wo an der Horizontlinie das Faktische ins Fiktive überging oder Fug in Unfug. Eine kreative Grenzverschiebung von Realitäten nebst Ideen, die von jeher der konzeptionelle Ansatz von Bihler & Scheib war und ist.

Zum Finale ihrer Performance wird das Publikum in per Los zusammengewürfelten Paarkonstellationen einen Vertrag paraphieren können, der (sofern gewünscht) etwa ein genau datiertes Wiedersehen der jeweiligen Zufallsbekannten beinhaltet. So wird der Abend die Politik ins Private zurückholen: Hier wie dort geht dem Besiegeln von Verträgen oder Vereinbarungen ein Interessens­ausgleich voraus, der dazu zwingt, aufeinander zuzugehen und damit (nicht nur räumlich gesprochen) den jeweils eigenen Standpunkt ein Stück weit aufzugeben. Als wären das nicht schon Gründe genug, der Performance beizuwohnen, wird zu guter Letzt noch eine Art insterstellares Kurz-Konzert geboten.

Dass die Raumfahrt dem Penguin-Quintett dabei als Großmetapher dient, macht nicht nur historisch betrachtet Sinn: Tatsächlich war das erste konkrete Projekt nach Inkrafttreten des Elysée-Vertrages die Entwicklung zweier gemeinsamer Telekommunikationssatelliten („Symphonie 1 und 2“). In Betrieb genommen wurden sie im Januar 1975 mit einem satellitengestützten Telefonat, das der in Bonn sitzende Kanzler Helmut Schmidt mit dem in Paris am Schreibtisch hockenden französischen Präsidenten Valéry Giscard D’ Estaing führte („Hallo Valéry“, „Hallo Ellmut“). Zugleich aber münden die Weltall-Szenarien der Pinguine in eine Sphäre, in der naturgemäß alles uns Bekannte aus den Fugen gerät – nicht umsonst ist daraus eine bis heute florierende Kunstsparte erwachsen: Science-Fiction.

So wie die Fluxus-Bewegung der 60er eine Art Fortschreibung der ein halbes Jahrhundert zuvor begründeten Dada-Bewegung war, betreibt das Liquid Penguin Ensemble neuerlich 50 Jahre später eine Art Fluxus-Fortschreibung – auch wenn diese, ungeachtet der extraterretristischen Anleihen in „Radio Elysée“, ungleich geerdeter wirkt als die legendären Wiesbadener „Fluxus Internationale Festspiele Neuester Musik“.

Live-Performances morgen (20 Uhr) im Saarbrücker Pingussonbau (Eingang: Park in der Hohenzollernstraße) und am Samstag (20 Uhr) im Sendegebäude Europe 1 in Berus (Ittersdorferstr. 101).

SR2 Kulturradio sendet das der Performance zugrundeliegende Hörspiel „Radio Elysée“ am Samstag um 17.04 Uhr.