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Interview mit Autor Frank Goosen
„Die Lage ist oft besser als die Stimmung“

  Autor Goosen (52)
Autor Goosen (52) FOTO: dpa / Caroline Seidel/dpa
Bochum. Der aus Bochum stammende Schriftsteller über die Ruhrgebietsfolklore und die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeitsgefühl. Von Klas Libuda

Die einen halten das Ruhrgebiet für gescheitert, die anderen übertreiben es mit der Ruhrpott-Romantik. Über die Probleme der Region haben wir mit dem Bochumer Autor Frank Goosen gesprochen. Er hat gerade den Roman „Kein Wunder“ (Kiepenheuer & Witsch, 352 S., 20 €) veröffentlicht, der in Bochums legendärer Diskothek „Zeche“ beginnt.


Ich muss Ihnen sagen, dass ich genervt bin vom Ruhrgebiet. Dass ständig die Bergbau-Vergangenheit abgekultet wird, stört mich.

GOOSEN Warum nervt Sie das?



Weil die meisten Zechen schon vor Jahrzehnten geschlossen wurden und die Leute dort mit Staublungen und kaputten Rücken rausgegangen sind. Ich kann daran nichts Gutes finden.

GOOSEN Mit dem Kult haben ja erst die nachfolgenden Generationen angefangen. Als ich jung war, in den 70ern und -80ern, war das überhaupt kein Thema. Die Folklore gab es nicht. Trotzdem ist es auch so, dass die, die unter der Arbeit gelitten haben, im Nachhinein stolz darauf sind, gerade weil die Arbeit so hart war.

Aber muss man daraus jetzt so eine große Sache machen?

GOOSEN Lokale Identitäten beziehen sich immer auf das, was einen von den anderen unterscheidet. Das ist bei uns nun mal die Schwerindustrie, Kohle und Stahl. Was mich mehr stört ist, wenn die Leute in Selbstmitleid baden.

Das müssen Sie erklären.

GOOSEN Wenn die Leute jammern: Uns hilft keiner! Wir sind alle so arm hier! Das ist richtig, es gibt echte Armut im Ruhrgebiet. Andererseits hat die Region während des Strukturwandels auch viel Unterstützung erfahren. Natürlich ist es so, dass das Ruhrgebiet als strukturschwache Region größere Probleme hat als andere Gegenden. In dieser Situation muss man sich eben überlegen, welche Perspektive man entwickeln kann, damit die Leute sich weiter heimisch fühlen. Da finde ich den Rückgriff auf Vergangenheit völlig in Ordnung. Das führt hier und da zu Trivialisierungen, aber auch dazu, dass man sich unterscheidbar macht.

Die Wahrnehmung des Ruhrgebiets ist von Bergbau, Fußball und „Komma bei die Omma“-Witzen bestimmt, und wenn es etwas zu feiern gibt, tritt Herbert Grönemeyer auf. Jetzt, wo die letzte Zeche geschlossen ist, wäre doch eine gute Gelegenheit, mal eine andere Geschichte zu erzählen.

GOOSEN Wer soll das denn machen?

Sie könnten das doch.

GOOSEN Mache ich ja. Ich habe zwar auch an der Verklärung mitgeschrieben, aber immer versucht, das ironisch zu brechen. Mein aktuelles Buch spielt im zweiten Halbjahr 1989

Und teilweise spielt es gar nicht im Ruhrgebiet, sondern in Berlin.

GOOSEN Ich beziehe darin das Ruhrgebiet auf Berlin und stelle es dadurch in einen größeren Zusammenhang. Es geht auch darum, was hier schon in den 1980ern aufgebrochen ist, wie sich die Welt verändert hat. Allein die Hauptfigur: Der will schreiben und ist auch noch Professorenkind. Ich halte viele meiner Bücher nicht für explizite Ruhrgebiets-Romane. Aber das ist das Label, das ihnen verpasst wird.

 Das liegt auch daran, dass sich Ihre Leser darin zurechtfinden.

GOOSEN Es sind Geschichten, die im Ruhrgebiet spielen, aber nicht permanent versuchen, die alten Klischees zu bedienen. Genauso gibt es massive Marketingbestrebungen, ein anderes Bild vom Ruhrgebiet zu erzeugen. In der aktuellen Image-Kampagne der Stadt Bochum etwa spielen Kohle und Stahl gar keine Rolle. Interessanterweise variieren die nach mehr als 30 Jahren immer noch den „Bochum“-Text von Grönemeyer. Da ist offenbar noch niemandem etwas Treffenderes eingefallen. Was von den Marketing-Leuten aber völlig unterschätzt wird, ist das Bedürfnis der Leute, sich auf die Klischees zu beziehen. Ich erschrecke manchmal, wie leicht man die Leute über Klischees packen kann. Die haben Sehnsucht nach dem Zusammengehörigkeitsgefühl, das über die Ruhrgebiets-Schiene transportiert wird. Das muss man zur Kenntnis nehmen und sich fragen, woher das kommt.

Was meinen Sie denn?

GOOSEN Der Bezug aufs Lokale ist eine Reaktion darauf, dass die Welt immer globaler wird. Das überfordert manche. Das beobachte ich übrigens auch bei vielen jungen Leuten, die das Einfache und Bodenständige verherrlichen. 

Und der Rückzug führt dann dazu, dass in Erle-Süd in Gelsenkirchen 21,5 Prozent die AfD wählen?

GOOSEN Ich habe mal Geschichte studiert und mir eine Sache gemerkt: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Das alles ist vielschichtiger. Ich glaube, die Leute fühlen sich auch allein gelassen, weil sich der Staat immer weiter zurückgezogen hat. Das fängt schon beim öffentlichen Nahverkehr an.

Der funktionierte im Ruhrgebiet nie.

GOOSEN Nie! Wenn in ländlichen Gegenden pro Tag nur noch ein Bus fährt, fühlen sich die Leute im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt. Andererseits wird vieles übertrieben. Die Lage ist oft besser als die Stimmung.