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33 Hefte à 200 Exemplare in 28 Jahren: Die saarländische Literaturzeitschrift „Streckenläufer“
„Schlechte Sprache wird nicht geduldet“

„Unsere Außenwirkung ist gering. Man könnte fast sagen, dass wir vor allen Dingen von Autoren gelesen werden.“ – Klaus Behringer (58 und Mitbegründer des „Streckenläufers“) zu Hause in Malstatt in seiner Bibliothek.
„Unsere Außenwirkung ist gering. Man könnte fast sagen, dass wir vor allen Dingen von Autoren gelesen werden.“ – Klaus Behringer (58 und Mitbegründer des „Streckenläufers“) zu Hause in Malstatt in seiner Bibliothek.
Saarbrücken. Der Vorsitzende des saarländischen Autorenverbandes und Ur-„Streckenläufer“ über die Geschichte der einzigen Literaturzeitschrift an der Saar. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Seit 28 Jahren gibt es die saarländische Literaturzeitschrift „Streckenläufer“. Bis heute kennen sie nur wenige, überlebt hat sie trotzdem. Was wollten und wollen ihre Macher? Ein Gespräch mit Klaus Behringer, der seit 1990 dabei und fast genauso lange (seit 1995) Vorsitzender des Saarländischen Schriftstellerverbandes ist.


Der erste „Streckenläufer“ erschien im Januar 1990. Damals gab es bereits die „Saarbrücker Hefte“ und auch noch die „Stadtzeitung“. Warum wolltet Ihr noch eine „Zeitschrift für Politik und Literatur“?

BEHRINGER Die Redakteure der „Stadtzeitung“ hatten sich damals zerstritten, da gab es arge Feindschaften, so dass viele aus der Redaktion ausstiegen. Ich hab’ dann diese versprengten Leute gesammelt und überredet, etwas Neues aufzuziehen.



Damals schrieb dieser Behringer im Editorial: „Wir wollen verdrängte und verschwiegene öffentliche Angelegenheiten wieder ans Licht bringen.“ Ist der „Streckenläufer“ diesem Anspruch je gerecht geworden?

BEHRINGER Das war das alte Ethos der „Stadtzeitung“ gewesen, entstanden aus der damaligen Alternativbewegung. Ob wir das dann umsetzen konnten, ist eine andere Frage.

Überblickt man die 33 Ausgaben seit 1990, fällt auf, dass der sozial- und medienpolitische Anspruch schnell wegfiel. Anfangs hattet Ihr lange Interviews oder Sozialreportagen. Wieso sind die verschwunden?

BEHRINGER Als wir uns gründeten, wollten wir eigentlich eine politische Zeitschrift sein. Sind aber nach und nach immer mehr Literaturzeitschrift geworden. Das entsprach mehr unserem Interesse, deckte eher eine Nische ab: Wir sind ja die einzige Literaturzeitschrift im Saarland.

Eure Außenwirkung ist gleich null. Gibt Euch das zu denken?

BEHRINGER Man könnte fast sagen, dass wir vor allen Dingen von Autoren gelesen werden.

Wollt Ihr kein breiteres Publikum?

BEHRINGER Ein größeres Publikum würden wir nur mit mehr Marketingaufwand erreichen. Dafür sind wir die Falschen.

Ihr könntet doch auch textlich in die Offensive gehen statt nur l’art pour l’art zu machen, oder?

BEHRINGER Möglicherweise sind wir in der Region ja die einzigen, die diesen Kunstanspruch noch haben. Deshalb müssen wir ihn beibehalten.

Die interessantesten Texte in den 28 Jahren „Streckenläufer“ hatten nichts mit literarischer Selbstbespiegelung zu tun. Ob Nico Grafs Reportagen, medienpolitische Interviews, journalistische Features oder Arnfrid Astels verschriftete freie Reden.

BEHRINGER Ich könnte nun sagen: Das machen ja schon die „Saarbrücker Hefte“. Vielleicht ist das Politische bei uns heute nur etwas versteckter als in den Anfangsjahren.

In jeder Ausgabe heißt es, dass die jeweils nächste erst erscheint, wenn die Redaktion ausreichend Texte „in der geforderten Qualität gesammelt hat“. Worin besteht diese Qualität?

BEHRINGER Das ist sowohl eine formale wie eine inhaltliche Qualität. Kein von uns gedruckter Text erscheint unredigiert. Schlechte Sprache wird nicht geduldet.

Wie muss man sich die Redaktionssitzungen des „APO“, Eures „Ausschusses für Produktion und Organisation“, vorstellen?

BEHRINGER Wir treffen uns jeden Freitag im Künstlerhaus. Es fällt aber öfter mal aus, wenn nicht mehr als drei Redakteure kommen. Ansonsten reden wir über eingereichte Texte. Am Ende wird demokratisch abgestimmt. Viele Texte werden dann auch abgelehnt.

Inwieweit lassen sich die einreichenden Autoren auf das Lektorieren ihrer Texte ein?

BEHRINGER Sie kommen uns unterschiedlich weit entgegen. Mit manchen streitet man um jedes Komma.

Wieviele Exemplare setzt Ihr ab?

BEHRINGER Die Auflage liegt bei 200, von denen wir 150 verkaufen. Seit der zweiten Ausgabe sind wir werbefrei, daher die kleine Auflage.

Eure Literaturzeitschrift erscheint im Verlag „PoCul: Verlag für Politik und Cultur“, in dem allerlei Bücher regionaler Autoren erschienen sind, die sich zumindest teilweise auch ganz ordentlich verkauft haben. Wird der „Streckenläufer“ damit finanziell am Leben gehalten?

BEHRINGER Ja, wir müssen ihn über den Verlag quersubventionieren. Selbst mit unserer Mini-Auflage können wir durch den Verkauf nicht mal die Druckkosten des „Streckenläufer“ hereinholen. Mit dem Verlag machen wir Bücher, die sonst keiner hat machen wollen. Ob solche von Arnfrid Astel, Werner Laubscher, Werner Klippert oder Jörg W. Gronius. Komplett verkauft haben wir aber nur zwei Bücher: Christopher Eckers „Sulewskis Tag“ und „Einhornjagd & Grillenfang“, die Dokumentation über das Schreibseminar von Astel.

Es gibt ja den Mythos einer aus Astels Seminar hervorgegangenen „Saarbrücker Schule“. Mythos, weil manche deren Existenz bis heute anzweifeln. Gab es sie je? Kannst Du den Mythos in die Realität holen?

BEHRINGER Das kann und will ich nicht aufklären. Es ist wirklich umstritten. Das war ja, als es aufkam, ein ironischer Begriff. Arnfrid Astel selbst sah sich nie als schulbildend. Schon deshalb nicht, weil seine Adepten ja alle später ihren eigenen Stiefel machten. Vor allem etwas anderes, als er selbst es tat. Wobei Astel als unser „Guru“ immer ein wenig traurig darüber war, dass seine Poetik so wenig adaptiert wurde.

Hat Astel nicht eher das Gegenteil dessen getan, was man als roten Faden der Texte seiner angeblichen Schüler ausmachen kann? Während dort zuweilen aus einer Mücke ein Ich-Elephant gemacht wurde, hat Astel in extremer Verdichtung auf engstem Raum viel gesagt.

BEHRINGER Astel bediente die Kurzform. Er schrieb fast nie literarische Reportagen oder Erzählungen. Ende der 80er gab es ja über Stefan Miller beim SR so eine Art Schule des kleinen regionalen Kulturfeatures. Daraus sind auch Texte entstanden, die bei uns erschienen sind. Tilo Mörgen und andere oder auch ich haben da einige Features gemacht. Aber irgendwann hat das beim SR dann nicht mehr diese Hochform der literarischen Reportage erreicht, und ist auch bei uns seltener geworden.

Gespräch: Christoph Schreiner

Am Montag (20 Uhr) lädt der „Ausschuss für Produktion und Organisation“ des „Streckenläufers“ zu einem Porträt in eigener Sache ins Saarländische Künstlerhaus (Karlstr. 2). Sieben Autoren der Zeitschrift lesen „Streckenläufer“-Texte.