| 19:13 Uhr

Finale des Primeurs-Festivals
Mütter, Mast und Medien-Irrsinn

Der Festivalfavorit des Publikums: Suzy Storck“ von Magali Mougel. Verena Bukal spielt die in die Mutterrolle gedrängte Frau, Matrina Struppek ihre Mutter. Das Bühnenbild stammt von Katja Kammann.
Der Festivalfavorit des Publikums: Suzy Storck“ von Magali Mougel. Verena Bukal spielt die in die Mutterrolle gedrängte Frau, Matrina Struppek ihre Mutter. Das Bühnenbild stammt von Katja Kammann. FOTO: Andrea Kremper / ANDREA KREMPER
Saarbrücken. „Primeurs“, das Saarbrücker Festival der frankophonen Gegenwartsdramatik, ist am Samstag zu Ende gegangen. Ein Blick auf den letzten Festivaltag mit drei Werkstatt-Inszenierungen. Von Astrid Karger

„Fehler aus Gedankenlosigkeit“ beklagt mit dringlich weher Stimme Verena Bukal als „Suzy Storck“,   die Mutter, Tochter und Ehefrau, aber irgendwie nicht sie selbst ist. Gesagt hat sie es zwar: „Ich will keine Kinder.“ Aber wie sie selbstkritisch anmerkt, wohl nicht „aggressiv“ genug. Als Frau nicht Mutter werden zu wollen, sei widernatürlich, sagen Mann und Mutter, nun hat sie drei Kinder und jammert, sie könne nicht aufstehen, wann sie wolle. Suzy Storck wünscht den Tod der Kinder. Der Ehemann, auf Arbeitsteilung pochend, erwartet nach einem langen Arbeitstag beim Discounter „Super U“ einen gefüllten Kühlschrank, vielleicht sogar eine Mahlzeit, und verzweifelt. Er tut doch alles, und sie nichts. Das Baby schreit. „Ihr Herz ist eine Uhr, deren Pendel sie entfernen möchte.“


Das Bühnenbild (Katja Kamann; Regie: Miriam Lustig), so einfach wie genial, ist ein Drehkarussell, wie man es auf Spielplätzen findet, wer Platz nimmt, bewegt es durch Muskelkraft. Es bringt die klaustrophobische Stimmung und die Zeitmetapher auf den Punkt. Mal geht es gemeinsam weiter, mal läuft ihr Mann (Ali Berber) außen rund, und sie dreht heftig in die andere Richtung, oder die Mutter (Martina Struppek) begehrt Einlass, und Suzy flüchtet immer schneller drehend. Die Autorin Magali Mougel erklärt im Anschluss, sie habe ein Stück über Elternschaft, über Lebensplanung geschrieben. Das wäre bedenklich, denn Suzy Storck scheint hier als Frau ein ewiges Opfer von Manipulation zu sein, ein Psychowrack, das „nicht ermessen, nicht spüren“ kann und ein Wachsen an der Aufgabe verweigert.

„Pig Boy“, von Gwendoline Soublin, das zweite „Primeurs“-Stück am Samstagabend in der Alten Feuerwache, greift zeitlich und thematisch weit aus. In der Bretagne wird 1986 in eine Schweinemästerfamilie ein Kind geboren. Möglichkeit eins: eine zweijährige Ausbildung zum Landwirt. Möglichkeit zwei: eine dreijährige Ausbildung zum Fachlandwirt. So geht es weiter mit Schweine mästen und Schweine schlachten. Dann wird „Pig Boy“ (Raimund Widra mit Schweinenase und treudoofem Blick) ins Rampenlicht gezerrt. Wir sind zeitlich irgendwo zwischen den Jahren 1986 und 2358; die Darsteller Lisa Schwindling, Sébastien Jacobi und Michael Wischniowski machen als völlig gecke Figuren einer hysterisierten Medienwelt dem Schwein oder Halbschwein „Pigboy“ den „Prrrooozzzesss“ wegen Sodomie, Verführung junger Frauen, Menschvermählung. Im dritten Teil gelingt einer Muttersau, deren im Text angelegten Monolog der Regisseur Matthias Mühlschlegel auf viele Stimmen verteilt und ins Dunkel legt, die Flucht. Ein Leben lang habe sie menschliche Embryos austragen müssen, nun könne von ihr etwas Eigenes, Neues ausgehen. Ein abstruses Stück, das den Blick auf tatsächlich stattfindende Experimente mit Schweinen und menschlichen Stammzellen, auf den Umgang mit Tieren und auf Medienirrsinn lenkt.



Das dritte Stück des Abends, „Wir sind schön, für hässliche Leute“ von Dany Boudreault, zeigt fünf Gestalten mit Nana-Mouskouri-Brillen, Lieder der „bekanntesten Sängerin auf den fünf Kontinenten“ begleiten die Handlung. Zwei der Gestalten begegnen sich in einer Verführungsszene, er, „der Fuchs“ (Thorsten Loeb mit stummer Präsenz) wird dadurch zu jemand, „der keine Gedichte mehr versteht“, sie (Barbara Krzoska) zum „schrägen Mädchen auf schiefer Bahn“. Sie wird durch die Begegnung mit dem älteren Mann, dem Vater einer Schulfreundin, in ihrem Beziehungsverhalten geeicht. Regisseur Maxime Mourot inszeniert ihr Leben in Momentaufnahmen als  ein Spiel mit Identitäten: Sexbombe, Schauspielerin, Mann – in dieser Rolle Philipp Weigand. Boudreault will von Körpern und ihrer Veränderung oder Veränderlichkeit erzählen. Ab und an raunt es Sätze wie „Die Lüge ist eine langsame Wahrheit“, die irgendwie bedeutungsvoll klingen.

Boudreault findet Bilder, fast unbewusste Kopfgeburten, denen er dann Text an die Seite gibt. Seine Protagonisten sollen mit Worten den eigenen Körper zurück erobern. Dichtung wandelt das Erlittene, sublimiert, hilft zu verzeihen. Wie sehr formt der Blick der anderen die eigene Existenz? Die Freiheit, sich selbst zu erfinden, haben letztlich alle drei Stücke im Fokus.

Von den Zuschauern mit dem Autoren- und somit auch dem Übersetzerpreis prämiert wurde „Hafen“/„Havre“ der kanadischen Autorin Mishka Lavigne, übersetzt von Frank Weigand. Das Live-Hörspiel, prämiert mit 3000 Euro, lief zur Festivaleröffnung am Donnerstag. Inhaltlich überzeugend, sprachlich und atmosphärisch dicht fand es das höchste Zuschauervotum. Von den drei Stücken des Festivalsamstags stach bei derBewertung keines hervor. Frank Weigand kündigte bei der Preisverleihung sofort an, den Übersetzerpreis, dotiert mit 1000 Euro,  mit den anderen Übersetzern teilen zu wollen –  das sei auch eine gute Gelegenheit, dem Berufsstand etwas Öffentlichkeit zu verschaffen.

Ausgezeichnet: Autorin Mishka „Lavigne („Hafen“/„Havre“) und ihr Übersetzer Frank Weigand.
Ausgezeichnet: Autorin Mishka „Lavigne („Hafen“/„Havre“) und ihr Übersetzer Frank Weigand. FOTO: Astrid Karger / Photographer:Astrid Karger