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Neuer Sammelband des Saarbrücker Literaturarchivs
Lebenslagen im deutschen „Reichsland“

Ein Stahlstich des Zeichners und Schriftstellers Karl Spindler (1796-1855), der seine Jugend in Straßburg verbrachte und „Elsässische Bilderbogen“ erstellte – entnommen dem 1840 erschienenen „Panorama der deutschen Klassiker“.
Ein Stahlstich des Zeichners und Schriftstellers Karl Spindler (1796-1855), der seine Jugend in Straßburg verbrachte und „Elsässische Bilderbogen“ erstellte – entnommen dem 1840 erschienenen „Panorama der deutschen Klassiker“. FOTO: picture alliance / akg-images / dpa Picture-Alliance / akg-images
Saarbrücken. Ein neuer Sammelband des Saarbrücker Literaturarchivs dokumentiert literarische Stimmen aus dem ehemaligen „Reichsland Elsass-Lothringen“ von 1871 bis 1918. Der Band, der heute Abend in Saarbrücken vorgestellt wird, zeichnet die kulturellen Konflikte in zwei Grenzregionen sinnfällig nach. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

„Wir sind ein Grenzvolk – und dies harmlose Wort wird zum Orakelspruch  unseres Schicksals.“ Wenn man das Pathos einmal wegstreicht, das in diesem Satz mitschwingt und das einem offenbart, dass er nicht von heute stammt – könnte dieser Satz nicht auch saarländischer Herkunft sein? Er ist es nicht, sondern ist René Prévots 1907 erschienener Abhandlung „Das Deutsch-Französische Kulturproblem im Elsass“ entnommen. Und doch ertappt man sich nicht nur beim Lesen dieser (mit den Sätzen „seit Jahrhunderten tragen wir sie in uns , die seltsame, kampfzerrissene, kampfgestählte âme aux deux patries’“ weitergehenden) Passage dabei, Bezüge zwischen Elsass-Lothringen und dem Saarland herzustellen.


Eine Art von Komparatistik, die ein reizvoller Nebenaspekt beim Durchstöbern eines neuen Lesebuchs zur Literaturhistorie von Elsass-Lothringen ist, welches das Saarbrücker Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass nun unter dem Titel „Die Grenze war fern“ herausgegeben und heute Abend bei Ludwig Hofstätter in Saarbrücker vorstellt. Auch wenn es ganz der im Elsass und in Lothringen zu Zeiten des „Reichslandes Elsass-Lothringen“ (1871 bis 1918) entstandenen Literatur gewidmet ist, so spiegeln sich in einzelnen Texten des Bandes doch grundsätzlichere Überlegungen und Empfindungen, wie sie nicht alleine vor gut 100 Jahren jene machten, die als „Intermediäre“ zwischen unterschiedlichen Nationen hin und hergeworfen wurden – nicht ganz Unähnliches haben ja auch die Saarländer erfahren.

Der eingangs zitierte Prévot zeichnet in seinem 30-seitigen, im Band komplett abgedruckten Text die spezifisch elsässische Situation als Reichsland zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs nach. Nicht sehr viel anders, als dies die ungleich bekannteren, die Straßburger Künstlergruppe „Das jüngste Elsass“ repräsentierenden Autoren René Schickele (1883-1940), Ernst Stadler (1883-1914) und Otto Flake (1880-1963) in anderen Texten dieses verdienstvollen Lesebuchs tun, skizziert Prévot darin jene typisch elsässische Ambivalenz, die sich in Teilen wohl noch bis heute ausprägt. Von republikanischem Naturell und auch sonst französischer Sinnes- und Lebensart seien die Elsässer, weshalb, wo in ihrem Landstrich „Schein und Schund Platz gegriffen“ hätten, „deutsche Warenhauseinflüsse meistens unverkennbar“ seien, gepaart von einer gewissen preußischen Strenge, ja Martialität. Was nicht heißt, dass Prévot den deutschen Part im Elsass mit Unkultur gleichsetzte. Sein Zeitbild erinnert nicht nur an die deutsch-protestantischen Traditionen im Elsass, sondern auch an die dort virulente deutsche „Geisteskultur“. Flake wiederum weist in „Abschied vom Elsass“ 1918 auch auf den aufgepfropften, kaltherzigen Nationalismus der deutschen Besatzer hin, so dass „jetzt die Erinnerung der Elsässer an die deutsche Herrschaft nur die Erinnerung an das Dröhnen der Kommißstiefel“ sei.



Dass in „Die Grenze war fern“ – das titelgebende Zitat des Buchs stammt von Ernst Glaeser (1902-1963), der in seinem Roman „Das Gut im Elsass“ eine Reise ins nach 1918 wieder französisch gewordene Elsass entwirft und dabei die nicht minder harsche Assimilierungspolitik der Franzosen dort aufarbeitet – weit mehr elsässische denn lothringische Autoren Aufnahme finden, erklärt Mitherausgeber Hermann Gätje mit dem historischen Befund einer „dort ungleich stärker ausgeprägten literarischen Landschaft“. Archivleiter Sikander Singh resümiert in seinem Nachwort, dass die aufgenommenen Beiträge (neben Essays und Prosastücken auch Gedichte und journalistische Feuilletons) „die politischen Gegensätze und manchmal sogar die Chancen“ spiegelten, „die sich aus dem Widerstreit unterschiedlicher Sprachen und kultureller Traditionen ergeben“. Wobei manches in seiner nationalen Aufladung und „Hypostasierung des Heimatbegriffs“ (Singh) heute eigentlich ganz gut weiterhin in der Mottenkiste aufgehoben wären. Den Herausgebern aber lag nachvollziehbarerweise daran, mit ihrer Auswahl die seinerzeitige literarisch-publizistische Bandbreite abzubilden.

Im ersten Teil ihres chronologisch geordneten Bandes rahmen Theodor Fontane (mit einem Rückblick auf seine Zeit als Kriegsberichterstatter im Krieg von 1870/71) und der preußische Militär Helmuth Graf von Moltke (mit einem Extrakt aus seiner „Geschichte des deutsch-französischen Krieges“) eine Reihe von autobiografischen Skizzen der beiden Schlüsseljahre 1870/71 der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“. Die folgenden 200 Seiten fokussieren (mit Flake, Stadler, Schickele, Oskar Wöhrle oder Friedrich Lienhard) ganz überwiegend in die Region zwischen Vogesen und Rheinebene. Lothringen bleibt Nebenschauplatz – etwa mit Auszügen aus Liesbet Dills „Der Tag in Nancy“, aus den „Jugenderinnerungen eines Metzers“ von Hermann Wendel oder aus Ernst Moritz Mungenasts „Der Zauberer Muzot“. Die literarisch bedeutendste Figur, Maurice Barrès (1862-1923), fehlt dabei. Aufgrund seiner bekanntermaßen antideutschen und antisemitischen Ausfälle?

Unterm Strich sind die nicht-literarischen Texte die ergiebigeren. Was nicht heißt, dass es nicht die ein oder andere Trouvaille gäbe. Im Übrigen gilt womöglich dann doch, was René Schickele, die deutsche Besatzungszeit resümierend, 1916 so ausdrückte: „Die einen, die Lothringer, blieben Franzosen, die in den parlamentarischen Körperschaften ihre kleinen Geschäfte mit der deutschen Regierung machten; die Elsässer (blieben) Süddeutsche, die eher mit dem Kopf durch die Wand gehn, als in Dingen nachzugeben, die sie als Unrecht empfinden.“

Hermann Gätje/Sikander Singh (Hrsg.): Die Grenze war fern. Elsass-Lothringen im Spiegel der Literatur. Wehrhahn Verlag, 344 Seiten, 24 €.
Buchvorstellung heute Abend um 19.30 Uhr in der Saarbrücker Buchhandlung St. Johann.

Der Krieg von 1870/71 (hier die Schlacht von Spicheren) mündete in Lothringen und im Elsass in die bis 1918 reichende deutsche „Verwaltungszeit“.
Der Krieg von 1870/71 (hier die Schlacht von Spicheren) mündete in Lothringen und im Elsass in die bis 1918 reichende deutsche „Verwaltungszeit“. FOTO: boldorf
Porträt des elsässischen Schriftstellers René Schickele (1883-1940).
Porträt des elsässischen Schriftstellers René Schickele (1883-1940). FOTO: © epd-bild / akg-images GmbH / akg-images GmbH
Porträt des elsässischen Autors Otto Flake (1880-1963).
Porträt des elsässischen Autors Otto Flake (1880-1963). FOTO: picture-alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / dpa
kul-archiv
kul-archiv FOTO: Wehrhahn Verlag