| 20:37 Uhr

Saarbrücker Jazzfestival
Saarbrücker Jazz-Festival ist am Ende

Auch Star-Saxophonist Lee Konitz, im Oktober beim Festival zu Gast, wartet noch auf sein Geld.  
Auch Star-Saxophonist Lee Konitz, im Oktober beim Festival zu Gast, wartet noch auf sein Geld.   FOTO: gerhard richter
Saarbrücken. Bitteres Aus für die hoch geschätzten Jazz-Tage in Saarbrücken. Etliche Musiker warten immer noch auf ihre Gagen, der künstlerische Leiter ist abgetaucht. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Eine Erfolgsgeschichte: So simpel ließ sich das wunderbare Werden des Saarbrücker Jazz-Festivals über Jahre auf den Punkt bringen. Ein rühriger Förderverein, das Jazz Syndikat Saarbrücken, hatte seit 2002 dieses Event quasi aus dem Nichts erschaffen. Wie selbstverständlich präsentierte man große Namen. Zugleich liebte das Publikum auch die improvisierte Atmosphäre der Jazz-Tage im Herbst. selbst die Kritiker lobten nahezu einhellig. Doch das ist nun passé.


Die Kehrseite nämlich sieht so aus: Auch über einen Monat nach Festivalende warten Künstler noch auf ihre Gagen. Der Zuständige, Wolfgang Krause, künstlerischer Leiter des Festivals, ist abgetaucht. Als alleiniger Vorstand des Jazz Syndikats, des Fördervereins, der das Festival trägt, agierte er offenbar schon seit Frühjahr 2017 quasi solo – und wohl auch ohne Kontrolle. Weder auf Anrufe noch auf Mails reagiert er jetzt, das Büro des Vereins ist verwaist. Mittlerweile wenden sich entnervte Agenturen an die Stadt Saarbrücken, weil der Verein weder zahlt noch antwortet. Man habe alles versucht, um an Krause ranzukommen, sagt Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Grüne), „aber auch das Einschreiben an ihn kam zurück.“ Wo Krause sich aufhält, weiß Brück, selbst Mitglied des Fördervereins, nicht. Klar ist nur: Das Jazz Syndikat, auf einmal tönt der Name recht ambivalent, schuldet einer Reihe Musikern noch Geld.

Andreas Scherrer von der New Yorker Agentur „Company of Heaven“, die unter anderem den Star-Saxophonisten Lee Konitz vertritt, der am 27. Oktober in Saarbrücken spielte, fahndet bereits seit Wochen nach Krause. Solches Abtauchen komme „in diesem Geschäft oft vor, wenn jemand nicht bezahlen kann oder will“, weiß Scherrer aus bitterer Erfahrung. Von drei weiteren Agenturen hat Scherrer Kenntnis, die auf ihren Rechnungen sitzen geblieben sind. Eine Berliner Agentin hat sich gleich an die Landeshauptstadt gewandt. Brück schrieb ihr: „Uns liegen zudem weitere Informationen vor, wonach das Jazz Syndikat Saarbrücken e.V. vereinbarte Honorare an Musiker nicht bzw. nicht ordnungsgemäß ausgezahlt hat.“ Man hoffe auf baldige Klärung. Ansonsten müsse man „die Staatsanwaltschaft einschalten“. Wieviel das Syndikat den Musikern schuldet, lässt sich aktuell nicht beziffern. Zuletzt soll der Etat des Festivals 96 000 Euro betragen haben. Genau weiß das jedoch allein der Leiter. Und von dem ist keine Antwort zu bekommen.

Beim Blick auf den Verein  enthüllt sich eine weitere Misere. Seit März diesen Jahres war Wolfgang Krause alleiniger Vorstand, sagt Gerd Obermeier, ehemals Schatzmeister. Im März trat er von seinem Amt zurück – „aus privaten Gründen“. Damit war Krause endgültig auf sich gestellt. Schon im Vorjahr habe die Vize-Vorsitzende ihr Amt niedergelegt, so Obermeier. Im Juni 2017 sollte dann eine Mitgliederversammlung über Personalien und den weiteren Weg befinden. Krause habe diese aber nicht einberufen, behauptet der frühere Kassen-Verantwortliche. Wenigstens habe Krause dafür gesorgt, dass die Amtsniederlegungen beim Registergericht eingetragen wurden.

Wo der Vereinsvorsitzende steckt und – vor allem – wo das Geld blieb, wisse er nicht, sagt Obermeier. Sicher habe sich der künstlerische Leiter viel zu viel zugemutet. „Er sah zuletzt schlecht aus.“  Andere Vereinsmitglieder, die anonym bleiben wollen, behaupten, der Festivalchef sei ausgebrannt gewesen. Auch von Spielsucht ist die Rede.



Insgesamt zeichnet sich da das Bild eines Vereins, in dem der künstlerische Leiter mit seinem Programm-Ehrgeiz zunehmend isolierter wirtschaftete. Trotz 150 Mitgliedern war die Zahl der tatsächlich Aktiven, wie in vielen anderen Vereinen, sehr überschaubar. Vielleicht wurde Krause gar Opfer des eigenen Erfolgs, setzte sich unter Druck, es immer noch besser zu machen. Obwohl das Budget der Jazz-Tage von in Spitzenjahren über 130 000 Euro auf zuletzt 96 000 Euro absackte, bot Krause doch eine Fülle von Konzerte mit reichlich Stars: 24 Termine zuletzt. Ein Paradoxon, das offenbar niemanden sonderlich irritierte.

Bis 2017, betont denn Kultur-Dezernent  Thomas Brück, habe das Jazz Syndikat immer korrekt nachgewiesen, wofür die städtische Förderung ausgegeben wurde. Der 32 000 Euro-Zuschuss – mit etwa diesem Beitrag ist Saarbrücken seit zehn Jahren dabei – war gut angelegt, ist er überzeugt. Die Stadt war Hauptgeldgeber, doch auch das Land beteiligte sich und private Sponsoren.

Wie die Musiker nun an ihr Geld kommen, bleibt offen. „Wir müssen darauf hinweisen, dass das Jazz Syndikat Saarbrücken e.V. als Verein nicht in der Handlungs- und Finanzverantwortung der Landeshauptstadt Saarbrücken liegt“, heißt es im städtischen Schreiben an eine Agentur. Im Klartext: Nichts zu holen. Auch bei den Überresten des Jazz Syndikats stochert man im Nebel. „Wir müssen erstmal rausfinden, woran wir sind“, sagt Ex-Vorstand Gerd Obermeier. Für den 20. Januar sei eine außerordentliche Mitgliederversammlung angesetzt. Obwohl er nicht mehr zur Vereinsspitze zählt, bemüht er sich doch intensiv um Klärung, möchte nicht, dass von den Jazz-Tagen bloß ein Scherbenhaufen bleibt.

Ähnlich sieht das übrigens auch Thomas Brück. Sollte sich jemand finden, der das Festival auch mit geändertem Konzept fortsetzen wolle, würde er sich wieder für eine Förderung einsetzen, sagt der Dezernent. Zunächst freilich muss geklärt sein, warum die Erfolgsgeschichte des Saarbrücker Jazz-Festivals am Ende doch zu schön war – um wahr zu sein.