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Eröffnung der Saarbrücker Ausstellung „Resonanzen“ im Pingussonbau
Der französische Stein im Garten des Saarlandes

Blick ins Obergeschoss des Saarbrücker Pingussonbaus: Im Vordergrund ein Schnittmodell der Kirche St. Maximin in Boust von Georges-Henri Pingusson und Paul Aynès. Im Hintergrund Dirk Rauschs am Computer erstellte Rekonstruktion eines verschollenen Boris-Kleint-Gemäldes  als 25 Meter langer Wandfries.
Blick ins Obergeschoss des Saarbrücker Pingussonbaus: Im Vordergrund ein Schnittmodell der Kirche St. Maximin in Boust von Georges-Henri Pingusson und Paul Aynès. Im Hintergrund Dirk Rauschs am Computer erstellte Rekonstruktion eines verschollenen Boris-Kleint-Gemäldes als 25 Meter langer Wandfries. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Obwohl nicht rundum gelungen, verdient die heute eröffnende Ausstellung „Resonanzen“ im Saarbrücker Pingussonbau ein breites Publikum. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Schon die gewählte Besucherführung – von einem Seiteneingang des zumindest für die Dauer der „Resonanzen“-Schau endlich wieder geöffneten Parks der einstigen Französischen Botschaft aus – ist eine Art politisches Statement. Erledigt diesen Park nicht mit einem Neubau der Handwerkskammer! Liegt dessen ganze Pracht doch sogleich vor einem, ehe sich nach der Trauerweiden-Umrundung der Blick in einem großen Wegebogen öffnet auf die Rückfront der alten Botschaft, von der uns Pingussons Konterfei grüßt. Über die gewaltige Freitreppe betritt man den mit einem Mal zum zeitgeschichtlichen Museum gewordenen Pingussonbau – ein Auftakt nach Maß, der Park und Denkmal der Bevölkerung auf Zeit zurückgibt.


Kaum drinnen, geht es gleich wieder hinunter – schlüssig auch dies: Die Ausstellung beginnt in der phantastischen Eingangshalle, die die bezwingende Schönheit von Georges-Henri Pingussons Bau sogleich offenlegt. Und damit den Bruch nur umso eklatanter verdeutlicht, den die ersten Texte und Fotos (wie alle auf lange Stoffbahnen aufgedruckt) zum Inhalt haben: das 1945 in Trümmern liegende Saarbrücken. Wobei der regional heruntergebrochene Prolog des ganzen NS-Wahnsinnsdramas gleich noch mitgeliefert wird – am Rand des Tausendjährigen Reichs gelegen, wurde man, kaum „heim ins Reich“ gekommen, zur „Gauhauptstadt Saarbrücken“.

In den knapp zehn Jahren, die Frankreichs Hohem Kommissariat nach 1945 für die Neuentwicklung im Saargebiet blieben, entstand weit mehr als der locus genius dieser Schau: das Schmuckstück Botschaft. Die Franzosen gaben den Saarländern Geist und Kultur zurück – sie gründeten die Universität und das Konservatorium (die spätere HfM), sie reaktivierten die Schule für Kunst und Handwerk (die heutige HBK), sie unterstützten das Saarlandmuseum erheblich bei Ankäufen. Nur: Leider, und damit sind wir bei einer der Schwachstellen dieser vom Werkbund Saar initiierten und federführend konzipierten Schau, wird diese historische Steilvorlage nicht ausgespielt. Der Kernfrage also nicht nachgegangen, was in dieser Schlüsseldekade 1945-55 Mythos, was Realität, was Potenzial war. Sprich: was aus dem Saarland geworden wäre, hätte die Bevölkerung nicht 1955 gegen seine Eigenständigkeit votiert. Die europäische Hauptstadt der Montanunion, die Frankreichs Außenminister Robert Schuman vorschwebte? Ein zweites Luxemburg? Gar dessen Ersatz?



Dass die Ausstellung diese politische Utopie weitgehend ausblendet und sich stattdessen der Architektur der Ära 1945-1965 widmet, hat zwei Gründe: Zum einen ist sie Teil des europaweiten Projekts „Sharing Heritage“, bei dem die deutschen Partner das baukulturelle Erbe ins Zentrum rücken. Weshalb die Bundesregierung das „Resonanzen“-Projekt mit 200 000 Euro bezuschusst. Zum anderen sind die meisten der beteiligten Werkbund-Aktivisten, die viel Herzblut, Sachverstand und Privatzeit hineingesteckt haben, Architekten oder Architekturhistoriker – sie widmen sich also lieber ihrem Steckenpferd. Dies erklärt die vielen Modelle, Architekturfotos und Baupläne, an denen man entlang vorbeidefiliert. Mal um Mal sich fragend, wie Saarbrücken oder Saarlouis heute wohl aussähen, wenn hier wie dort nicht Pingussons und Édouard Menkés’ Wiederaufbaupläne verworfen worden wären. Die ausgestellten Entwürfe dürften allenfalls Fachleute plastisch zu deuten wissen.

All das aber heißt nun nicht, dass lediglich bauhistorische „Resonanzen“ der Nachkriegsära im Saarland und der Moselle thematisiert würden. Vielmehr schlägt die Schau entlang ihrer vier Schwerpunkte – der Porträtierung des Pingussonbaus sowie des Langwellensenders Europe 1 in Berus sowie der Auffächerung des Wohnungs- und des Sakralbaus dies- und jenseits der deutsch-französischen Grenze anhand markanter Exempel – immer wieder Haken in das jeweilige gesellschaftliche und politische Umfeld. Die ausführlichen, durchgehend zweisprachigen Begleittexte verlangen dem Besucher jedoch einiges an Konzentration und Ausdauer ab. Weshalb die den Textbanner-Parcours auflockernden Multimedia-Stationen Zeit zum Luftholen geben – sei es nun eine kleine Hörstation mit Akustikhappen rund um den Sender Europe 1 oder Videoprojektionen mit historischen Fotos, Dokumenten und (immerhin einigen) alten TV-Beiträgen oder aber eine luftige VR-Station. Darin lassen 360 Grad-Panorama-Aufnahmen das Interieur von vier avantgardistischen Kirchenbauten der 50er unmittelbar erfassen. Insoweit hat das „K 8 Institut für strategische Ästhetik“, das verantwortlich zeichnet für die gesamte Inhalte-Präsentation, sein Möglichstes getan, um eine reine Text- und Dokumentewüste zu verhindern.

Kommt man über die pure Eleganz verkörpernde Freitreppe ins Erdgeschoss, zeigt sich im Blickfeld – dort, wo früher der Zugang zum Ministerbüro war – Boris Kleints abstrakte Komposition „Phönix“ von 1939. Umgeben von Arbeiten August Clüsseraths, Jo Enzweilers, Max Mertz’ und Jean Leppien – wenigstens mit einigen exemplarischen Werken wird die „neue gruppe saar“ bedacht, die in den 60ern, als das Kultusministerium den Pingussonbau bezogen hatte, dort ausstellte. Eine jener Parcours-Stationen, an denen sich der Werkstattcharakter dieser Ausstellung offenbart: Was sie nur anreißt, verdiente weitere Vertiefung. In der Art, wie dies zwei zeitgeschichtliche Reflexionen von Marlen Dittmann und Jean-Marie Hellwig einlösen, die als Broschüre in der Schau ausliegen und zum Nachlesen unbedingt ans Herz gelegt seien. Dittmanns Zeitbild der „Franzosenzeit“ arbeitet die damaligen Konfliktlinien pointiert heraus, während Hellwig Frankreichs Wege bis 1968 skizziert und en passant bauhistorisch verklart, was die Ausstellung nur andeutet: Es gab en France damals nicht nur den konstruktiven Rationalismus der französischen Urbanisten oder die betonverliebte Modulbauweise à la Camus-Dietzsch. Es gab etwa auch Jean Prouvé, der mit einigen Abbildungen seiner Notkirchen und Modellen seiner „maisons démontables“ in der Schau vertreten ist.

Dass sie Plumpheiten konsequent vermeidet, ist ihr großer Vorzug: keine Stellwände, keine groben Vereinfachungen, keine fetischhafte Verehrung von Modellen oder Requisiten. Vielmehr ergeben sich durch die viel Materialgefühl und Sinn für Ästhetik zeigende Exponate-Darbietung beständig sinnfällige räumliche Korrespondenzen mit dem seine Eleganz so mühelos ausspielen könnenden Pingussonbau. Die Kulisse bleibt damit das teuerste Exponat. Dass Dirk Rausch ein verschollenes Boris-Kleint-Gemälde in Gestalt eines 25 Meter langen Frieses (am Rechner entworfen und dann in 21 Teilen ausgedruckt) reanimiert, legt davon genauso Zeugnis ab wie etwa die paraventartige Banner-Abfolge im großen Saal, wo Detailaufnahmen exzellenter Kirchenbauten der Region (samt Erläuterungen) von der Decke hängen und nebenbei den Blick freigeben in den alten Botschaftspark.

Wenn der Pingussonbau, wie Jean-Marie Hellwig schreibt, ein „französischer Stein im Garten des Saarlandes“ ist, dann liefert die Resonanzen-Schau das Kaleidoskop dazu. Mal mit unter deutschem, mal unter französischem Blick.

Marlen Dittmann, eine der Initiatorinnen des Projekts der drei Partner Werkbund, Kulturministerium und K8 Institut, im temporär eingerichteten „Pingussoncafé“ – ehemals das Esszimmer der Botschafter-Wohnung.
Marlen Dittmann, eine der Initiatorinnen des Projekts der drei Partner Werkbund, Kulturministerium und K8 Institut, im temporär eingerichteten „Pingussoncafé“ – ehemals das Esszimmer der Botschafter-Wohnung. FOTO: Oliver Dietze