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Premierenkritik
Rundumsicht auf „Solaris“ und Probleme

Felix Rathgeber (als Snaut) und Salomón Zulic del Canto (als Kris Kelvin) in Hermann Schneiders Version von Michael Obsts Kammeroper.
Felix Rathgeber (als Snaut) und Salomón Zulic del Canto (als Kris Kelvin) in Hermann Schneiders Version von Michael Obsts Kammeroper. FOTO: Martin Kaufhold/SST / Martin Kaufhold
Saarbrücken. Michael Obsts Kammeroper nach Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman hatte in Saarbrückens Alten Feuerwache Premiere. Von Helmut Fackler

Basierend auf Stanislaw Lems  Science-Fiction-Roman „Solaris“ (1961) hat der Komponist Michael Obst vor 21 Jahren eine „Kammeroper“ verfasst, sie wurde 1996 in München uraufgeführt. Wiederum 20 Jahre später hat der Regisseur Hermann Schneiders Obsts Werk in Linz herausgebracht. Just diese Fassung von 2016 (in den Linzer Kostümen und dem Linzer Bühnenbild von Falko Herold) adap­tierte Schneider selbst nun für das Saarländische Staatstheater, wo das Stück am Donnerstag seine Premiere in der Alten Feuerwache hatte.


Die Zuschauer im kreisrunden Inneren der vergammelten Raumstation SH2-1 Solaris haben auf Drehstühlen eine Rundumsicht zu den jeweiligen Spielplätzen. Das sind drei auf halber Höhe in die aschgrauen Wände eingelassene „Guckkästen“: Eine schmuddelige Wohnküche, die auch als Besprechungsraum dient. Ein mit Uralttechnik vollgestopfter  Kontrollraum und eine spartanische Schlafkabine. Der Psychologe Kris Kelvin (Salomón Zulic del Canto) trifft ein, um angebliche Ungereimtheiten auf dem Planeten und in der Station aufzuklären. Er trifft auf zwei Bewohner: den grobschlächtigen, trinkfesten Snaut (Felix Rathgeber) und den Wissenschaftler Dr. Sartorius (Sebastian Kunzler).

Planet Solaris ist von einem Ozean bedeckt, der außerirdische Intelligenz haben soll, mit der die Forscher in Kontakt treten wollen. Das gelang bisher nicht. Aus dieser Konfrontation, auch der psychischen Frustration durch Isolation,  entwickelt sich eine Konfrontation mit sich selbst. Die Suche nach außerirdischem Leben wird in gewisser Weise zur Suche nach dem eigenen Ich. Zusätzlich liefert der Ozean immer wieder „Gäste“, die aus dunkler Vergangenheit der Prota­gonisten stammen: Snaut verdrängt mit Alkohol; Sartorius versucht Lösungen mit wissenschaftlicher Akribie. Nur Kelvin zeigt Einsicht in Fehler seiner Vergangenheit. Aber auch seine verstorbene Geliebte Harey (Valda Wilson), mehrfach entsorgt oder getötet, taucht unverwundbar immer wieder auf. Wie verhält sich die Musik zu diesen Konflikten?



Komponist Obst meinte selbst über seine Kammeroper, er habe darin Abstand von „Innovationen“ genommen, um mittels „Kombination bereits bekannter Elemente“, die Ästhetik seiner Klangsprache zu bestimmen. Computer-berechnete Algorithmen sind die Basis seiner Partitur, verarbeitet mit seiner eigenen kompositorischen Handschrift. Vielleicht ist dies mit ein Grund für die häufigen Beliebigkeiten, die neben dem Sprechgesang von Kelvin und Snaut einherlaufen. Doch auch emotionale Momente gelingen in der Alten Feuerwache – vor allem, wenn elektronisch Vorproduziertes hinzukommt. Unsichtbar hinter der Kulisse werkeln zehn Mitglieder des Staatsorchesters wenig an Melos und Rhythmus, aber dafür farbig tupfend bis aufschreiend an Geräuschen und Schlagzeugdonner. Schlagtechnisch werden sie von Christopher Ward (musikalische Leitung) perfekt geführt, was auf vielen im Rund verteilten Monitoren zu bewundern ist. Licht- und Raumtontechnik spielen gestaltend mit.

Mehr Textverständlichkeit hätte viel zum Verständnis der Gemütslage der Figuren beigetragen. Sartorius als Sprechrolle hatte es da leicht, die Sänger Kelvins und Snauts mussten mitunter gegen instrumentale Übermacht ankämpfen. Valda Wilson als Harey dagegen hatte mit füllig-virtuosem Sopran keine Mühe und auch nicht ein stummer „Gast“ (Tänzerin Lisa Merscher) – eingesperrt von Sartorius, diesem immer wieder entspringend zu irrwitzig-verwirrten Runden ums Publikum.

Eindrucksvoll gerät die Schlussszene: In absoluter Stille, in gleißendem Licht entschwindet Harey im All. Das Ensemble und der anwesende Komponist konnten sich über viel zustimmenden Beifall für eine herausragende Leistung freuen. Unterm Strich also ein für das Saarland mutiger Theaterabend.

Weitere Aufführungen: 10. und 11. März, 13., 16. und 17. März. Karten unter: (0681) 30 92 486