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Mythos Romy Schneider
„Im Film gelingt mir alles – im Leben nichts“

Romy Schneider und Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“ (1970). Das Bild ist Isabella Giordonos  empfehlenswertem Buch „Romy Schneider – Film für Film“ entnommen (Schirmer/Mosel Verlag).
Romy Schneider und Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“ (1970). Das Bild ist Isabella Giordonos  empfehlenswertem Buch „Romy Schneider – Film für Film“ entnommen (Schirmer/Mosel Verlag).
Saarbrücken. Am Sonntag wäre Romy Schneider 80 Jahre alt geworden – ein Blick auf ein Leben, dessen Verwundungen sich auch immer in ihren Filmen wiederfanden. Von Philipp Holstein

Der Film heißt „Die Dinge des Lebens“. Den muss man sich ansehen, immer wieder die ersten 15 Minuten, denn die sind die schönsten im Werk von Romy Schneider. Da erwacht sie neben Michel Piccoli, sie steht leise auf, sie bindet sich ein Handtuch um den Körper, setzt sich an die Schreibmaschine am Fenster und beginnt zu tippen, denn sie hat zu tun. Plötzlich merkt sie, dass Piccoli still hinter ihr sitzt. „Was machst du da?“, fragt sie, und er antwortet, „ich sehe dich an“, und dann dreht sie sich zu ihm um und lächelt, und sie lächelt ziemlich toll, und hinter ihr geht die Sonne auf. Er tritt zu ihr und umarmt sie, und sie umarmt ihn, und weil das hier Paris ist, umarmen sie einander so heftig, dass es sogar der Kamera zu indiskret wird und sie rasch woanders hinsieht.


Romy Schneider hätte am Sonntag ihren 80. Geburtstag gefeiert, jene Romy Schneider, an die man sich nicht deshalb erinnert, weil sie das eine große Kino-Meisterwerk gedreht hätte – das hat sie nämlich nicht – sondern, weil sie ein Glühen umgab und weil sie nie bloß eine Rolle spielte, sondern die Grenze zwischen Kunst und Leben bedenkenlos einriss. Jeder Film war ein Kommentar zu ihrer aktuellen Lebenssituation, man forschte in Schneiders Gesicht nach Spuren biografischer Verheerungen. Und davon gab es reichlich.

Sie wurde als Tochter des Schauspieler-Paares Magda Schneider und Wolf Albach-Retty geboren, aber die Eltern trennten sich früh. Die Mutter heiratete einen Gastronomie-Magnaten. Mit 14 spielte Romy ihre erste Rolle, an der Seite der Mutter in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. Magda Schneider wählte fortan die Engagements aus, der Stiefvater verhandelte die Honorare, und die flossen so reichlich zu Zeiten der drei „Sissi“-Filme, dass er dem widerspenstigen Mädchen einen Koffer mit einer Million Mark vor die Füße gestellt haben soll, um sie zu „Sissi IV“ zu überreden. Allein: Sie wollte nicht und brannte nach Paris durch, 1958, in Begleitung ihres Verlobten Alain Delon, dem Kontakte zur Unterwelt nachgesagt wurden. Die Deutschen lernten die Worte „Filou“ und „Amour fou“ kennen.



Nun war Schneider im Fokus der Klatschpresse, und bis zu ihrem Tod meldete die alles, was die abtrünnige Tochter so trieb. Sie reifte in Paris unter Coco Chanels Fittichen zur Dame. Sie trennte sich nach vier Jahren von Delon mit dem großen Satz „Er war feige, aber er war schön.“ Sie drehte in Hollywood und heiratete 1966 Schauspieler Harry Meyen, bekam mit ihm ihren Sohn David und versuchte sich als Mutter im Grunewald. 1969 bot ihr Delon die zweite Hauptrolle im Erotik-Thriller „Der Swimmingpool“ an. Die erste spielte er selbst, klar. Unter Beobachtung ihres Ehemannes wälzte sich die magergehungerte und bronzebraune Romy am Pool in Saint Tropez, und natürlich sah man sich den Film an, um zu prüfen, ob es wohl wieder funkte zwischen ihr und Delon.

Sie soff, schluckte Pillen und lebte nach ihrem Motto „lieber eine unglückliche Liebe als im Glück schnarchen“. Sie drehte „Trio Infernal“ und „Nachtblende“ über eine Schauspielerin im Sinkflug. Sie war bizarr und mondän, sie irritierte und faszinierte, sie verlor viel Geld an einen zweifelhaften Fonds und an die Männer, sie hatte Schulden und musste sich verschwenden: Sie drehte bis zu fünf Filme in zehn Monaten. „Im Film gelingt mir alles“, sagte, sie, „im Leben nichts.“ Sie spielte stets sich selbst, Frauen auf der Kippe. In fast jedem Film weinte sie irgendwann, und auch als man bereits meinte, allzu unmittelbar am Verfall einer Künstlerin teilzuhaben, empfand man doch, was Hanna Schygulla über sie sagte: Es ist Musik in ihrem Gesicht.

1981 starb ihr Sohn. Er stieg über einen Zaun, rutschte aus, ein Eisenpfahl durchbohrte seinen Körper, er verblutete. Wenige Wochen später drehte Romy Schneider wieder. Einen Film, der ausdrücklich auf ihre Veranlassung hin entstanden war: „Die Spaziergängerin von Sanssouci“. Es war ein Spaziergang ins Jenseits, sie widmete das Werk ihrem toten ersten Mann und dem toten Sohn, und im Film hält sie ein blutendes Kind im Arm. Als die Produktion im Oktober 1982 in die deutschen Kino kam, war Romy Schneider bereits tot. Sie hatte sich eine entzündete Niere entfernen lassen müssen, nun durfte sie nicht mehr trinken; aber wer es derart auf Selbstzerstörung anlegt, trinkt weiter, und so versagte ihr Herz. „Romy Schneider starb an gebrochenem Herzen“, folgerten die bunten Blätter. Ihr Biograf Michael Jürgs formuliert es so: „Romy Schneider, 43, hat endlich ihr Leben besiegt.“

Aber so soll sie nicht in Erinnerung bleiben. Deshalb noch einmal zurück zu „Die Dinge des Lebens“. Kurz bevor Michel Piccoli die Wohnung verlässt, tippt er einen Satz in die Schreibmaschine, an der Romy Schneider eben noch gearbeitet hat. Als er fort ist, setzt sie sich wieder über das Papier. Sie sieht, dass da etwas steht, was nicht von ihr ist, und als sie es liest, lächelt sie. Dieses Lächeln, das ist Romy Schneider. Piccoli schrieb: „Je t’aime.“

Die Camera Zwo in Saarbrücken zeigt am Sonntag um 16 Uhr den Film „Drei Tage in Quiberon“ über Romy Schneider. In der Mediathek des Senders Arte findet man einige ihrer Filme und eine Doku.