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Realist muss man sein: Zum Tod Dieter Wellershoffs

Lektor, Romancier, Essayist: Dieter Wellershoff 2015 in seiner Kölner Wohnung.
Lektor, Romancier, Essayist: Dieter Wellershoff 2015 in seiner Kölner Wohnung. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd
Saarbrücken. „Blick auf einen fernen Berg“ hieß ein 1991 erschienenes schmales Buch Dieter Wellershoffs über das Sterben seines ihm zeitlebens in Rivalität verbundenen Bruders – es dürfte in der deutschen Literatur wenige Texte geben, in denen eindringlicher (und schonungsloser) über den Tod geschrieben worden ist. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Ein unvergesslicher Bericht. Gestern ist er nun selbst gestorben, mit 92 Jahren in Köln, wo er 1959 als Lektor bei Kiepenheuer & Witsch anheuerte, um schon bald nebenbei (und dann immer mehr) selbst der Schriftstellerei anzuhängen. Und uns so im Lauf seines langen Autorenlebens dann mehr als 40 Bücher zu hinterlassen.


Dass er 1943, gerade mal 18 Jahre alt und verblendet, als Freiwilliger in den Krieg zog, in dem er dann der Hölle ansichtig wurde, hat Wellershoffs Überleben und seine Literatur mehr als alles andere geprägt. Die von ihm später angestoßene „Kölner Schule des neuen Realismus“ (mit den von ihm lektorierten Heinrich Böll, Rolf-Dieter Brinkmann, Günter Seuren und Nicolas Born) gründete in diesen existenziellen Erfahrungen. Und erhob das Ausloten der Abgründe menschlichen Daseins zum sie leitenden Prinzip. Grundsätzlich war kein Neuanfang im Privaten oder Sozialen möglich, ohne dass man immer wieder seine Zelte in schutzlosem, innerem Feindesland aufschlug, so könnte man Wellershoffs literarisches Credo zuspitzen. Entsprechend pflegte er in seiner Literatur oft ein Spiel auf Leben und Tod. So auch in dem Roman, der ihn reichlich spät einem größeren Publikum bekannt machte: In „Der Liebeswunsch“ (2000 erschienen) zerlegte Wellershoff anhand mehrerer Paarverhältnisse in erfrischender Offenheit die Illusionen, die sich um das ranken, was wir gerne Liebe nennen.

Es zeichnete Wellershoffs Literatur aus, dass darin nie ein moralischer Zeigefinger gehoben wurde und uns auch sonst keine vorschnellen Auswege ins Glück verhießen wurden. Sie setzte lieber auf schneidenden Realismus. In Wellershoffs vor 15 Jahren in Saarbrücken gehaltener Rede an die saarländischen Abiturienten meinte er damals, der heutige Mensch lebe „in einer prismatisch zersplitterten Welt aus lockenden Möglichkeiten und unkalkulierbaren Risiken und Nebenwirkungen“. Im Zeichen dieser Ambivalenz agierten seine Figuren, geführt von der „offenen Wahrnehmung“ ihres Schöpfers.