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Kunst im öffentlichen Raum
Ratlosigkeit und fehlende Visionen

Der Innenhof der Saarbrücker Stadtgalerie in Saarbrücken.
Der Innenhof der Saarbrücker Stadtgalerie in Saarbrücken. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Wie steht es um die Kunst im öffentlichen Raum im Saarland? Nicht gut, befand ein Symposium an der Saar-Kunsthochschule. Von Bülent Gündüz und Esther Brenner

„Welcome to Puff City!“ – das Motto für die zweitägigen Vorträge und Diskussionsrunden an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) am Wochenende provoziert und – irritiert. Klar, Saarbrücken gilt als eine der Bordell-Hauptstädte Deutschlands. Aber was hat das mit Kunst im öffentlichen Raum zu tun? Ganz klar wurde das nicht. Obwohl Georg Winter, Professor für Bildhauerei und Performance-Kunst, in seinem Eingangsvortrag mühsam eine Verbindung herzustellen versuchte. Darin ging es unter anderem um die „Verpuffung“ – einmal der Stadt und ihrer Bordelle quasi als Ausdruck ihrer Fantasie- und Trostlosigkeit. Und dann im übertragenen Sinne um verpuffte künstlerische Energie. Winters These: Gerade im Saarland nähme die Politik viel zu großen Einfluss auf die Kunst, verhindere progressive Ansätze. Er spricht später in der Diskussionsrunde von „krassen Herrschaftsverhältnissen“, unterstellt gar mafiöse Strukturen und erwähnt seine Arbeit in der Saarbrücker Kunstkommission, wo er immer wieder auf eine Blockadehaltung gestoßen sei.



„Die Politik“ konnte sich am Samstag erst einmal nicht wehren gegen diese Vorwürfe. Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) war zwar angekündigt worden – doch er hatte aus Termingründen nie zugesagt. Man habe das Programm „etwas vorschnell“ gedruckt, entschuldigte sich Nicolaus Schafhausen, Gastprofessor an der HBK und zusammen mit seinen Studierenden Organisator des Symposiums, in seiner Begrüßung . Und auch den angekündigten französischen Künstler Damien Deroubaix vermisste man in der Runde. Stattdessen sprangen die Feuilleton-Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Kathrin Lorch und die Leiterin der Stadtgalerie Andrea Jahn ein.

Jahn war es dann auch, die Georg Winter widersprach: „Wir haben ein liberales Klima in Saarbrücken“. Viele Besucher der Stadtgalerie ließen sich ein auf Experimentelles. Allerdings vermisse sie hierzulande „Intellektualität“. „Die Kunst fristet ein Schattendasein. Es geht hier mehr darum, Spaß zu haben, gut zu essen“, so ihr vernichtendes Urteil. Junge Künstler wanderten aus dem Saarland ab, weil es zwar viele „off spaces“ gebe, die man mit (Performance-/ und Installations)-Kunst füllen könne. Es fehle aber schlichtweg das Geld. Und auch das Publikum. Auch die HBK-Absolventin Mirjam Bayerdörfer hat diese Erfahrung gemacht. 2010 gründete sie mit Kommilitonen den Neuen Saarbrücker Kunstverein, der mit experimentellen Kunstaktionen auf sich aufmerksam machte. Heute lebt und arbeitet sie in Zürich. Wie ihre Kollegin und die beiden Moderatoren Mathias Aan`t Heck und Sarah Niecke kritisierte sie die etablierten Institutionen, die Museen, die nicht genug für junge Künstler täten. Wie bei der Prostitution gebe es in der Kunst einen Trend zur „Verhäuslichung“ spannte Bayerdörfer einen gewagten Bogen: Statt Kunst im und für den öffentlichen Raum zu machen, gebe es zunehmend Performances in Privatwohnungen oder kleinen Locations.

Mathias Aan`t Heck konnte gar nicht oft genug über die „periphäre Lage“ des Saarlandes in Sachen Kunst klagen – obwohl sein Professor in seiner Einleitung gerade diese selbstgewählte Opferrolle der Akteure im Saarland als ein Hemmnis für innovative Konzepte identifizierte. Und so strahlte die Runde über weite Strecken vor allem Ratlosigkeit aus. Ein Diskutant aus dem Publikum schlug schließlich vor, statt dieser „Melancholie“ lieber Visionen zu verbreiten: Wie wird das Kunstverständnis in zehn oder 20 Jahren sein? Welche Ideen entwickeln Kreative?

Und dann kam immer wieder die unvermeidliche Frage nach dem Geld, den Strukturen am Kunstmarkt unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus. Dass es anderswo für Künstler besser laufe, sei ein Irrglaube, merkte Kathrin Lorch kritisch an. Das vermeintliche „Mekka Berlin“ sei pleite. Und überhaupt: Wo liegt die Peripherie? – Alles eine Frage des Standpunktes.



Die beiden Diskussionsrunden des Sonntagmorgens drehten sich dann vor allem um Fragen des öffentlichen Raumes. Einig war man sich, dass der öffentliche Raum gefährdet sei, weil dieser immer stärker privatisiert werde und damit dem Gutdünken der Investoren unterliege. Viel zu kurz kam dabei die Rolle, die Kunst hier spielen muss.

Den Nachmittag eröffnete die Wissenschaftlerin und Kuratorin Duygu Kaban mit der Frage nach partizipatorischer Kunst im öffentlichen Raum. Sie schloss mit wenig Zuversicht und stellte die Sinnfrage, ob Kunst etwas ändern könne. Aus dem Podium kam von den Studierenden die ernüchternde Frage, warum man dann überhaupt weitermachen solle? Der Kulturphilosoph Armen Avanessian wollte an dieser „Naivität“ rütteln: „Kunst hat in vielen Bereichen keine Wirkung.“ Die Kunsthochschule müsse Künstler auch auf diese Realität vorbereiten.

Im Abschlusspodium fragte Moderator Nicolaus Schafhausen schließlich nach einer Vision. Glaubt er doch selbst an eine „Modellregion Saarland“, ohne aber konkret zu werden. Die Kunsthistorikerin Eva Mendgen sah vor allem die Großregion als Chance und wünschte sich ein gemeinsames Kulturkonzept. Auch Stadtgalerie-Leiterin Andrea Jahn wollte die besondere Situation des Saarlandes berücksichtigt wissen und die Menschen vor Ort stärker einbeziehen.

HBK-Rektorin Gabriele Langendorf war überzeugt: „Kunst braucht Austausch, deshalb würde ich einen runden Tisch der Kultur vorschlagen, der Strategien und Konzepte entwickelt und bestehende Formate auf den Prüfstand stellt.“

Dirk Rausch, Vorsitzender des Saarländischen Künstlerbundes, hob das große Potenzial der Kulturschaffenden der Großregion hervor, das es zu nutzen gelte. Auf die Nachfrage, wie das geschehen solle, machte sich aber Ratlosigkeit breit. Thomas Brück (Grüne), Kulturdezernent der Stadt Saarbrücken, verlangte: „Die Kulturschaffenden müssen neue Konzepte und Ansätze entwickeln“. Dem schloss sich auch der Kunsthistoriker und Berater Markus Müller an. Seine Devise: „Durchhalten!“ Saarbrücken habe großes Potenzial. „Aber die Kulturschaffenden müssen handeln und nicht andere“. Konzepte und Ideen könne man nicht von außen erwarten.