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Neue Lyrik von Rainer Kunze
„Doch sie wissen schon nicht mehr, was sie nicht mehr wissen“

Saarbrücken. Reiner Kunze, als Lyriker ein Meister beredter Verknappung, legt mit „die stunde mit dir selbst“ einen Gedichtband vor, der wie ein Vermächtnis klingt. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Zehn Jahre nach seinem bislang letzten Gedichtband hat der mittlerweile 85 Jahre alte Reiner Kunze, einer der feinsinnigsten zeitgenössischen Lyriker, vor einiger Zeit einen neuen vorgelegt, der schmal nur dem Umfange nach ist. Wiewohl „die stunde mit dir selbst“ nur 42, oft nur wenige Verse lange Gedichte umfasst, hebt sie ihr poetischer Nachhall doch heraus aus der Lyrikproduktion dieses Jahres.


Kaum war der 1933 im tiefsten Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters und einer Näherin geborene Kunze 1977 nach Jahren des dichterischen Berufsverbots in der DDR als Dissident in die Bundesrepublik übergesiedelt, wurde ihm dort sogleich der Büchnerpreis zuerkannt. Nicht zuletzt für seinen unvergessenen Prosaband „Die wunderbaren Jahre“, wohl eine der subtilsten Abrechungen mit der DDR überhaupt. Seit damals wohnt Kunze mit seiner Frau in dem unweit von Passau gelegenen 500-Seelendorf Erlau, in dessen angrenzenden Wäldern einst Adalbert Stifters Roman „Witiko“ spielte. Fern allen Stadtgemurmels formt Kunze dort seit über 40 Jahren seine lyrischen Miniaturen.

In fünf Abteilungen geordnet – sie kreisen um die Gesichter der Jahreszeiten, um Ferne und Gedenken (in Gestalt von neun Reisegedichten), die Wörterarbeit und die gewonnenen Einsichten, das Zustandsbild der Welt sowie um Alter und Tod – liest sich der Band wie eine Lebensbilanz, wie ein Vermächtnis. Mit dem in Reichweite lauernden Tod als dem bewegendsten Schusskapitel. „Die kleinen heimaten in fremden ländern / sind nicht mehr // Das vorratsfach für schwarzumrandete kuverts / ist leer // Die zunge wird vom schweigen schwer“, schreibt Kunze in „Verstummen“. Wie ein Epitaph liest sich das letzte Gedicht seines von allem Überflüssigen bereinigten Buchs: „Fern kann er nicht mehr sein, / der tod // Ich liege wach , / damit ich zwischen abendrot und morgenrot / mich an die finsternis gewöhne // Noch dämmert er, / der neue tag // Doch sag ich, ehe ich’s / nicht mehr vermag: / Lebt wohl! // Verneigt vor alten bäumen euch, / und grüßt mir alles schöne.“



Unpolitisch hat man Kunze oft genannt – und als Konservativen gescholten, weil er auch nach dem Ende der DDR Kritik am Sozialismus übte. Ein Gedicht wie „Ukrainische Nacht“ im neuen Band zeigt, dass sich solche vorschnellen Etikettierungen von selbst erledigen, schaut man nur genauer hin und liest. Die Dichterin Rose Ausländer zitierend, heißt es darin „Das land, / verstümmelt, / veruntreut, / verraten, / hob mich auf den rücken der Karpaten, / und im wachtraum hörte ich / die dichterin die mutter fragen, / was diese gern geworden wäre, und die mutter sagen: / eine nachtigall“. Und im Titelgedicht liest man als verkappten Steckbrief in eigener Sache: „Die menschheit mailt / Du suchst das wort, von dem du nicht mehr weißt, / als daß es fehlt“.

Dass die Welt auf ein Display passen soll, das heute viele als Ausweis ihrer Selbstherrlichkeit betrachten, ist Kunze suspekt. In „Leichte Beute“ genügen ihm sechs Verse zur Klarstellung: „Sie halten sich am handy fest // Was ist und war / ist abrufbar / mit der fingerkuppe // Doch sie wissen schon nicht mehr, / was sie nicht mehr wissen“. Kann ein 85-jähriger Dichter seiner Zeit treffender die Leviten lesen? Nur: Wen interessiert’s?

Reiner Kunze: Die Stunde mit dir selbst. Gedichte. S. Fischer, 70 S., 18 €