| 21:17 Uhr

„Der Sturm“ am Saarländischen Staatstheater
Ränke, Rache, Ruchlosigkeit

Hoch die Tassen: Ein Familienfest, das langsam aus dem Ruder läuft. Das Bühnenbild stammt von Ralf Käselau.
Hoch die Tassen: Ein Familienfest, das langsam aus dem Ruder läuft. Das Bühnenbild stammt von Ralf Käselau. FOTO: Martin Kaufhold / SST / Martin Kaufhold
Saarbrücken. „Der Sturm“ hatte am Samstag Premiere im Saarländischen Staatstheater. Frank Martins Oper nach Shakespeare hat nicht jedem gefallen. Von Kerstin Krämer

Gleich zu Anfang scheinen über den Köpfen mancher Zuschauer dicke Fragezeichen zu schweben. Man sieht ein Familienfest: Maskierte, kränklich blasse Gestalten mit schwarzgeränderten Augen tummeln sich auf einer Art Gartenparty zwischen gedeckten Tafeln und geraten allmählich ins Straucheln. Im Hintergrund ragt ein gewaltiger Baum; zwischen Laternenmasten spannen sich Wäscheleinen, von denen bunte Glühbirnen baumeln.


Nur ein aufkommender Wind, die nervös auf und ab tänzelnde Hebebühne, die flackernden Lichter, die zunehmend dräuende Musik und vor allem die Texte entlarven, dass es sich hier eigentlich um eine Schiffsbesatzung handelt, die in Seenot gerät – ein Sturm, auf Geheiß des magischen Fürsten Prospero entfacht vom Luftgeist Ariel, lässt das Schiff an Prosperos Insel stranden, die durch exakt die gleiche Szenerie repräsentiert wird. „Hätte man das nicht anders machen können?“, hört man es später in der Pause murren. Ja, man hätte – man muss aber nicht. Denn vielleicht ist es auch genau umgekehrt: Vielleicht ist es wirklich ein Familienfest, und die Gesellschaft wähnt sich lediglich auf einem kenternden Schiff. Wer weiß das schon, wenn Wind- und Nebelmaschine im Dauereinsatz sind.

Denn genau darum geht‘s schließlich in Shakespeares Zauberlustspiel „Der Sturm“: um Verwirrung, um einen irritierenden Taumel zwischen Schein und Sein, Illusion und Realität, Traum und Wirklichkeit. Diesen Anspruch löst Lorenzo Fioronis Inszenierung von Frank Martins gleichnamiger Opernfassung, die am Samstag im Saarländischen Staatstheater Premiere feierte, definitiv ein. Überhaupt lässt Fioronis psychologisierender Zugriff, der sich in Bühnenbild (Ralf Käselau) und Kostümen (Katharina Gault) in einer durchaus witzigen und morbiden Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart äußert, irgendwo zwischen Biedermeier und Tim Burton, reichlich Interpretationsspielraum. Das gefällt nicht jedem: Nach der Pause haben sich die Reihen deutlich gelichtet. Dabei sind die Zuschauer nicht die einzigen, die hier gefordert werden; denn Frank Martins 1956 uraufgeführte Oper in drei Akten mit dem Original-Libretto der deutschen Shakespeare-Übersetzung von Schlegel/Tieck ist ein (wenig bekannter) Klassiker der Moderne. Als solcher stellt er beträchtliche Ansprüche an Orchester, Chor und Solisten, die hier allesamt vorzüglich erfüllt werden.



Der Schweizer Komponist (1890-1974) huldigt einer von jeglichen Fesseln befreiten Synthese aus Zweiter Wiener Schule und konventionell tonaler Musik; Romantik von Mendelssohn bis Wagner klingt genau so an wie die Tonsprache des frühen 20. Jahrhunderts. Atmet die Ouvertüre mit ihren sanft wogenden Meeresklängen den impressionistischen Geist Debussys, so gemahnen andere Passagen an Britten oder Gershwin. Die Sänger, die sich meist im durchgängigen Parlando artikulieren, brauchen langen Atem, nur wenige arios griffige Melodien bieten ihnen Halt. Der Opernchor (Einstudierung: Jaume Miranda) übt sich in diszi­plinierter kammermusikalischer Zurückhaltung, und das vorbildlich instruierte Staatsorchester agiert gar dreigeteilt: Roger Epple (musikalische Leitung) wird der schwierigen Aufgabe gerecht, Instrumentalisten zu dirigieren, die im Graben, hinten auf der Bühne und sogar seitlich versteckt sitzen.

Ränke, Rache, Ruchlosigkeit: Zur Ouvertüre wirft ein Beamer Familienfotos auf eine fleckige Leinwand. Sie enthüllen die unmittelbare Vorgeschichte des von Prospero herbei geführten vermutlichen Schiffsunglücks und den lange zurückliegenden Bruch zwischen Prospero (Stefan Schöne) und Antonio (wunderbar fies: Algirdas Drevinskas) – ein Bruderzwist, den Fioroni, so darf man die Bilder deuten, bereits in der Kindheit der Geschwister verortet.

Der auf Vergeltung an seinen Verrätern sinnende Prospero ist eine Paraderolle für den bekennenden Neutöner Stefan Schöne: Er gibt ihn glaubhaft als gebrochenen Greis und glänzt mit schier mühelos geschmeidigem Bariton. Mit Prospero im Insel-Exil leben seine Tochter Miranda (mit jugendlich glühendem Mezzosopran: Carmen Seibel), die als naive Unschuld als Einzige keine Maske trägt und wie geplant auf Anhieb dem Königssohn Ferdinand (mit strahlendem Tenor: Roman Payer) verfällt, und das Monster Caliban. Dieser Unhold (mit hübsch bösem Bass: Markus Jaursch) dürstet seinerseits nach Rache; Verbündete findet er in den burlesken Trunkenbolden Trinculo (Sungmin Song) und Stephano (Julian Younjin Kim) – ein herrliches Bild, wie die Drei sich zu einer putzigen Drachenfigur vereinen. Machtgelüste plagen auch Antonio, der Sebastian (ebenfalls sehr komödiantisch: Stefan Röttig) zum Brudermord an Neapels König Alonso (mit weich-flexiblem Bass: Hiroshi Matsui) anstiften will – in weiteren Rollen überzeugen Won Choi, Hans-Otto Weiß, Michael Ivanovic, Harald Häusle. Ariel wird verkörpert vom Opernchor, der sich – auch dies ein stimmiges Bild – ganz real als vielköpfige Dienerschar Prosperos manifestiert. Nach und nach fallen die Masken, bis Prospero halb nackt im Doppelripp da steht. Kann nun endlich Versöhnung gefeiert werden? Auch das ist fraglich: Zwar ringt man sich mit gequältem Lächeln neue Fotos fürs Familienalbum ab. Doch während die andern von dannen segeln, bleibt Prospero mit Caliban zurück.

Termine: 2., 7. und 9. Februar; 4., 14., 22. und 25. März. Tel. (06 81) 309 24 86.

Die Pistole an der Schläfe: Peter Schöne als Prospero.
Die Pistole an der Schläfe: Peter Schöne als Prospero. FOTO: Martin Kaufhold